19. Februar 2019 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Sieben Jahre nach seinem Debüt "Michael" zeichnet Markus Schleinzer in stark elliptischer und stilisierter Erzählweise das Leben des Afrikaners Angelo Soliman nach, der im 18. Jahrhundert aus seiner Heimat nach Wien verschleppt wurde. Über die Biographie hinaus spiegelt der Film dabei in der Vergangenheit die Gegenwart und wirft Fragen nach Identität, Heimat und Freiheit auf.

In einer langen Totalen sieht man, wie an einem Sandstrand eine Gruppe Ruderboote verlässt und andere Menschen an Land schafft, während sich im Hintergrund weitere Boote nähern. In der nächsten langen Totalen treiben einige Männer diese Gruppe eine Düne hinauf. Was historisch beginnt, wird mit der Gegenwart kurzgeschlossen, wenn in der dritten Einstellung die Afrikaner in einer Lagerhalle neu gekleidet, gewaschen und untersucht werden.

In seltsamem Kontrast zu den historischen Gewändern stehen nämlich grelles weißes Neonlicht und Stahlträger, später wird auch noch eine Lederjacke zu einem Illusionsbruch führen. – Unübersehbar will Markus Schleinzer hier von Anfang darauf verweisen, dass er nicht nur eine historische Geschichte erzählt, sondern im Schicksal Angelos, dessen Nachname nie erwähnt wird, auch an die heutige Flüchtlingskrise erinnern will.

In einer Reihe müssen sich die Ankömmlinge in der Lagerhalle aufstellen. Genau prüft eine Gräfin sie, wählt einen aus und lässt ihn sogleich auf den Namen Angelo taufen: Er soll ein Bote Gottes sein, doch das etwa achtjährige Kind stirbt bald, sodass ein anderes ausgewählt wird. Wieder folgt die Taufe, doch dieses Kind überlebt, wird Französischunterricht unterzogen, erfreut bald die Gräfin und Gäste mit Flötenspiel, wird aber auch mit Rutenschlägen gezüchtigt, als es die in der Voliere gefangenen bunten Vögel freilässt.

In aufs Wesentliche reduzierten, extrem verdichteten und streng stilisierten Szenen erzählt Schleinzer von Unterwerfung des Fremden der eigenen christlichen Welt, von Domestizierung und Benutzung als bestaunenswerte Sehenswürdigkeit und Degradierung des Menschen zum Objekt.

Das enge 4:3 Format lässt Angelo bewusst keinen Freiraum, macht ihn zum Gefangenen und auch die meist distanzierten statischen Tableaux vivants, die von einigen Parallelfahrten der Kamera unterbrochen werden, vermitteln die Rigidität dieser Welt.

Auf die Kindheitsgeschichte lässt Schleinzer, bei den mit den drei grellen gelben Inserts 1, 2 und 3 in Kapitel gegliederten Film einen Abschnitt über Angelos Leben als Erwachsener folgen. Nun wird der Fremde herumgereicht, wird auch zum namenlos bleibenden Kaiser – es handelt sich um Josef II. – gebracht, der in dem Hofmohren einen Seelenverwandten sieht, seine Position, in die er hineingeboren wurde und in der er sich unfrei fühlt, mit der Angelos vergleicht.

Nicht nur um Heimat und Verlust der Heimat, um Fragen der Identität, sondern auch um die Frage nach dem Wert oder der Last der Freiheit kreist "Angelo" hier. Keine Gesprächsbasis findet der Entwurzelte nämlich mit einem anderen Afrikaner, der vom Kaiser zu ihm gebracht wird, damit sie sich unterhalten können, denn von ihrer Kindheit in Afrika haben sie kein Bewusstsein mehr und auch keine gemeinsame Gegenwart in Europa.

Als Sohn Afrikas, aber Mann Europas bezeichnet sich Angelo selbst. Wie er ein Fremder in dieser höfischen Welt bleiben muss, so ist der Kaiser durch seine Position exponiert und kann nie wirklich Mensch sein. Die Freiheit erscheint ihm als Last, ist der Mensch doch dadurch gezwungen Entscheidungen zu treffen, während er als Dienender ein ruhiges Leben führen könne.

In einer Ehe findet Angelo ein kleines Glück, tritt den Freimaurern bei und besucht schließlich mit seiner Tochter das im Entstehen begriffene k.u.k Naturalien Museum, in dem alle Länder und Kontinente vorgestellt werden. Seine Tochter möchte beim Bild Afrikas wissen, ob die Heimat so aussehe, doch darüber weiß er nichts mehr, sie scheint sich als Nachgeborene und ebenfalls Entwurzelte danach zu sehnen.

Der Natürlichkeit steht die Erforschung und Vermessung der Welt gegenüber. Nicht nur Angelo wird der europäischen Ordnung und Lebensweise unterworfen und in sie integriert, sondern die ganze Welt wird im Zeitalter der Aufklärung mit dem Museum quasi nach Wien geholt. Das Fremde und Ferne wird erforscht, das Natürliche wird ihm geraubt und es wird wie die toten Kolibris oder Eisbären zum kalten und bestaunenswerten Ausstellungsstück.

Auch nach seinem Tod wird Angelo dabei noch benutzt, sein Begräbnis ist Schein, während sein Körper in Wahrheit präpariert und im Museum ausgestellt wird, wo ihn die Besucher neben Eisbären und Vögeln bestaunen können, bis alles ein Raub der Flammen wird.

Wie die Lebensgeschichte Angelos nur fragmentiert überliefert ist, so erzählt Schleinzer auch sehr fragmentarisch, arbeitet mit großen Ellipsen und Aussparungen. Er will den Zuschauer nicht emotionalisieren, bleibt distanzierter Beobachter, blickt kühl auf das Geschehen und schafft auch durch die Verbannung von Filmmusik – in diesem Fall Barockmusik – in die drei Kapitelüberschriften Distanz.

Nicht leicht zugänglich ist dieser Film in seiner Sprödheit und seiner strengen Form, beeindruckt aber mit seiner formalen Stringenz und den genau kadrierten und oft nur von Kerzenlicht erhellten langen Einstellungen und mit den vielfältigen Fragen, die er weit über das Historische hinaus aufwirft.

Wird vom FKC Dornbirn am Mittwoch, den 20.2. um 18 Uhr und am Donnerstag, den 21.2. um 19.30 Uhr im Cinema Dornbirn gezeigt (deutsch-franz. O.m.U.)

Trailer zu "Angelo"

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