Unheimliche Geschichten

... hat Edgar Allan Poe geschrieben, exzentrisch, abartig, barock. Sieben davon, übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger, liegen nun in einem exquisiten Prachtband bei Jacoby & Stuart vor.


1. Die Story: Alles hier ist höchst «schauerlich und doch so schlicht ... baroque», wie Poe selbst schreibt. Es ist «Stirnmusik», in der Schrecken mitschwingt, eine unirdische Tonart. Kann man so was dem Nachwuchs vorlegen? Allemal, denn Grusel und Splatter müssen nicht notwendig trivial und gaga sein. Hier sind sie Weltliteratur, whow!

2. Die Helden: Beim Blättern und Lesen gibt es ein beglückendes Wiedersehen mit Roderick Ascher und seiner Schwester Lady Madeline, mit Egaeus und Berenice, mit dem schwarzen Kater, dem der alkoholkranke Erzähler ein Auge aus der Höhle schneidet, dem Eiland und der Fee, die im Dunkeln verschwindet, dem verräterischen Herz unter den Holzbohlen, dem ovalen Porträt einer Lebenden, die bei seiner Vollendung tot war, und mit Morella, die sich im eigenen Tod wiedergebiert.

3. Der Sound: Was Arno Schmidts und Hans Wollschlägers Übersetzungen aus 1966 leisten, ist ganz ungewöhnlich, und es ist sehr gut, wenn man sein Ohr an diesem Unerhörten schult. Ein Beispiel: «Während ich, halbgeschlossenen Auges, solcherlei sann; während die Sonne, gebieterisch schnell, zur Rüste ging, und kleine Strudel hurr’ Dich das Eiland umrundeten – auf ihren Zwirbelbrüstchen große, wirre, weiße Schuppen von Sykomorenrinde tragend – Schuppen in deren musivische Vielheit, wassergeschunkelt, eine feurige Einbildungskraft mühelos alles Beliebige hätte hineingeheimnissen können – während ich dergestalt ruhend sann, erschien es mir, wie wenn die Figur einer jener Feen, über die ich eben noch gedankenspielt hatte, aus dem Lichtraum am Westend des Eilands, zögernd den Weg hinein nähme in Dunkelheit.»

4. Coole Worte: überkraus, die rabenfiedrigen Stunden, Opiumesser (Opium-Esser oder Opiu-Messer?)

5. Coole Bilder: Benjamin Lacombe debütierte – in Wort und Bild – mit einem Jugendbuch, das den unschuldigen Titel «Cerise Griotte» trägt. Für das Time Magazine war es eines der besten Jugendbücher 2007. Seitdem hat der Autor und Illustrator, Jahrgang 1982, eine Menge Bücher illustriert und geschrieben, dieses ist sein zweites im Verlagshaus Jacoby & Stuart. Er lebt in Paris, von dort ist es nicht weit zu Baudelaire, von diesem nicht weit zu Poe. Mehr unter http://www.benjaminlacombe.com.

6. Zum Nachdenken: «Ich bin immer auf der Suche nach Büchern mit breiten Seitenrändern», soll Poe gesagt oder geschrieben haben, und sein Sager dient hier als Motto. Tatsächlich bietet dieses Buch Poes Text viel Raum auf den Seiten, die je Geschichte abwechselnd weiß (4 Schmidt-Übersetzungen) oder schwarz (3 Wollschläger-Übersetzungen) sind, was mehr als raffiniert ist und einen wunderschönen Schnitt macht. Die dritte dominierende Farbe ist Weinrot. Denn bei Poe ist die Farbabstimmung nicht nur unschuldig weiß und nachtseitig schwarz, sondern eben immer auch in Blut getaucht. Poes wunderliche Einfälle haben «meinen Betrachtungen schon immer eine Färbung von dem gegeben, was die Welt der Alltägler sicherlich nicht verfehlen würde, als »fantastisch« zu bezeichnen.» Fantastisch in jeglicher Hinsicht!

7. Das Buch: Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten. Aus dem Amerikanischen von Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Illustrationen von Benjamin Lacombe. Berlin: Verlagshaus Jacoby & Stuart 2010. 160 wunderschöne Seiten, schönste Vor- und Nachsatzblätter und Spiegelkaschierung, ledergriffiger Halbleinenband – eine Wucht!

8. Der Autor: Das Gerücht hält sich, dass Poe noch längst nicht tot sei. Ja, so ist das mit guten Autoren!


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