Herbst

... bedeutet immer auch: zurück in die Bildungsinstitutionen. Früchte trägt diese Rückkehr erst im darauffolgenden Sommer. Wie sie besonders reif werden, wissen zwei neue Herbstbücher schon heute.


1. Die Story: Sie ist eine unendliche Geschichte, die Geschichte von der Bildungsreform. Jeder erzählt sie immer wieder neu, und doch ist es die alte Leier, zumal in Österreich oder Deutschland. Bildungsinstitutionen, Bildungsföderalismus, Bildungssystem, Bildungsmethoden, Bildungsstrategie, Bildungserfolg, Bildungshaltung, Bildungsprozess, Bildungsreformen, Bildungsakteure: Was daran faul ist, listen die Autoren Bell/Bostelmann am Beispiel Kindergarten und der Folgen sehr klar auf. Ihr Rat gebendes «Froh zu sein bedarf es wenig, doch wer froh ist, ist ein König» wird, nachdem der unleidliche Status quo ausführlich betrachtet wurde, lapidar auf drei Punkte gebracht. Erstens: einheitlicher Bildungsplan (von der Wiege bis zur Bahre, weil: lebenslanges Lernen!); zweitens: Einigung auf eine verbindliche Wertehaltung gegenüber Kindern; drittens: gesellschaftliche Anerkennung für Eltern und Pädagogen. Warum klingt das bei ihnen, wo es hauptsächlich um den Kindergarten und frühkindliche Erziehung geht, aber so anders und so authentisch?

2. Der Held: Donata Elschenbroich hat vor einigen Jahren einen pädagogischen Bestseller geschrieben. Es ging um «Das Weltwissen der Siebenjährigen». Elschenbroichs Methode war denkbar einfach: Sie recherchierte und dokumentierte und arrangierte, was alle möglichen Beteiligten an Weltwissen bei Siebenjährigen erwarteten – und so ergab sich ein Kanon. Dass dieses Buch auch vom alten Pädagogen Comenius als sehr gegenwärtig sprach, macht es nur umso lesenswerter. Bell/Bostelmann sprechen da und dort vom Pestalozzi-Schüler Fröbel, als vergangen freilich. Von Methoden-Hopping, Gurus und Dogmen halten beide wenig. Es ist ganz klar, wer für sie der Held ist: die Kinder von heute. Für Frau Bostelmann sind Kinder handlungsfähige Menschen, keine niedlichen Kuschelobjekte: «Wir müssen sie von klein auf ernst nehmen und ihnen etwas zutrauen», sagt sie.

3. Der Sound: Bell/Bostelmann nehmen sich kein Blatt vor den Mund, sie sprechen Klartext, der sich an Eltern, PädagogInnen und PolitikerInnen wendet. Der Ton ist kämpferisch, bestimmt, aber nie unfair. Bei Donata Elschenbroich ist das doch wesentlich anders. Ihr geht es diesmal um die Dinge, die Kinder in die Hand nehmen. «Ein angenehmes Thema. Man mag gern darüber nachdenken», schreibt sie als Autorin, aber auch fürs Publikum gilt: «Den Kindern bei ihrer Begegnung mit den ersten Gegenständen zuzuschauen und darüber nachzudenken ist eine entspannende Beschäftigung». Dennoch: An anderem Ort hat Elschenbroich schon deutlich gemacht, was Bell/Bostelmann konstatieren: «In keinem europäischen Land, ausgenommen Österreich, ist das Ansehen der ErzieherInnen so gering wie in Deutschland. Warum? Die Ausbildung ist schlecht, die Bezahlung miserabel. Eine Schande. Das Niveau muss dringend angehoben werden.»

4. Coole Worte: «Weltwissen-Vitrine» (Elschenbroich)

5. Coole Bilder: Hier geht es weniger um Bilder als um Images: jenes der Kinder und jenes ihrer ErzieherInnen. Dass eine ganze Gesellschaft solche Images «malt», ist verdrießlich, denn Maler sollten etwas von ihrem Handwerk verstehen. Aber: Wenn Leute wie Bell/Bostelmann oder Elschenbroich die alten Bilder neu übermalen: dann ist das immerhin etwas!

6. Zum Nachdenken: «Wenn wir etwas in die Hand nehmen, können wir oft etwas verändern, die Dinge und uns selbst.» (Elschenbroich) - «Jedes Kind hat ein Recht auf Spiel und Erfahrungslernen, ob im Kindergarten oder zu Hause.» (Bell/Bostelmann)

7. Die Bücher:
Benjamin Bell/Antje Bostelmann: Kindergarten statt Kummergarten! So geht’s: Wie Kinder, Eltern und Erzieher froh werden und warum unsere Gesellschaft davon profitiert. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2010. 210 Seiten

Donata Elschenbroich: Die Dinge. Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens. München: Antje Kunstmann 2010. 207 Seiten

8. Die AutorInnen: sind ExpertInnen für Bildung in frühen Jahren. Antje Bostelmann, in der DDR ausgebildete Krippenerzieherin, betreibt einen beachtlichen Erziehungskonzern namens Klax. Sie ist eine ausgesprochene Pragmatikerin und Unternehmerin, Benjamin Bell ihr verdienstvoller Mitarbeiter. Donata Elschenbroich ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitete am Deutschen Jugendinstitut in München.


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weiterführende Links:

http://www.antje-bostelmann.de


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