Buchtipp im Dezember 09

10.12.2009 Irene Selhofer

Er hasst Sport und trotzdem erläuft er acht Weltrekorde. Emil Zatopek, dessen Laufstil die Konkurrenz aus dem Konzept bringt, der schmerzverzerrt das Letzte aus sich herausholt, der nichts anderes als ein «normales» Leben führen möchte, ist die Hauptperson im Roman des französischen Schriftstellers Jean Echonoz. Die Karriere des Emil Zatopek liegt zwischen zwei historischen Ereignissen: Der Besetzung der Tschechoslowakei 1939 und dem Einmarsch der Russen in Prag 1968.


Bei einem Wettkampf im «Reichsprotektorat» wird sein Talent als Läufer entdeckt; er ist siebzehn. Auf der ersten Meisterschaft nach dem Krieg läuft er zwei Landesrekorde. Sein Laufstil lässt zu wünschen übrig, aber er ist sein eigener Coach, trainiert mit schwerem Schuhwerk, hängt sich Gewichte ans Bein und erfindet den Endspurt. Auf der ersten Nachkriegsolympiade in London holt er Gold für die CSSR. Er wird zum Leutnant befördert. Vier Jahre später, in Helsinki, dreimal Gold. Die Welt jubelt ihm zu. Er hält acht Weltrekorde. Er wird zum Hauptmann befördert. Und läuft immer in Rot, der Farbe der proletarischen Revolution: Er ist zur Symbolfigur für den Erfolg des realen Sozialismus geworden.

Nur einmal stand er auf der «falschen» Seite: Im «Prager Frühling», als er auf dem Wenzelsplatz von einem Panzer herab die sowjetischen Soldaten aufforderte, nach Hause zurückzukehren. Er wird für acht Jahre in ein Uranbergwerk verbannt, darf nach Prag zurück aber wenn er, zur Müllabfuhr relegiert, hinter einem Karren durch die Vorortstraßen läuft, jubelt ihm die Bevölkerung immer noch zu ... Die atemberaubende Karriere des Langstreckenläufers Emil Zatopek ist zwischen zwei historische Daten gespannt: die Besetzung seiner Heimat 1939 durch die Deutschen und der Einmarsch der Russen 1968, der dem «Prager Frühling» ein Ende machte.

Ein schmales Buch (gerade recht für die hektische Vorweihnachtszeit) über eine aussergewöhnliche Persönlichkeit und ganz nebenbei eine Parabel über das Leben in der Diktatur.


Echenoz, Jean: Laufen
Berlin Verlag, 2009, 125 S., EUR 18,60

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