Surreal Realities

In China hat die figurative Malerei in den letzten Jahrzehnten dominiert. Ihr Aufstieg begann mit dem Zynischen Realismus, dem auch Liu Wei (geb. 1965) angehörte. Als einer ihrer wichtigsten Vertreter war er bereits 1995 auf der Biennale in Venedig vertreten. Mit seiner Malerei, die sich sowohl aus der chinesischen Tuschemalerei als auch aus dem Kolorismus des Expressionismus speist, hat er früh einen unverwechselbaren Stil entwickelt.

Seine Gemälde erzielen immer noch Höchstpreise bei den internationalen Auktionen. In letzter Zeit befasst er sich erneut mit den Möglichkeiten der chinesischen Tuschmalerei und ihres Aufbrechens aus der Tradition. Interessant sind hier nicht nur die Motive, die er weitgehend aus dem Landschaftskanon der chinesischen Malerei ableitet, sondern auch die Figuren und Betextungen, mit denen er die Szenerie durchdringt. Aufgerissen und scheinbar zerfleddert entwickeln sie eine eigene Anmutung von Schönheit und Zerfall.

Ji Dachun (geb. 1968) wurde zu Anfang seiner Karriere vor allem durch seine surrealen Collagen bekannt, in denen er assoziativ Absurdes in malerisch veristischer Manier zusammenfügte. Vor allem Tiere zeigten sich in komplexen Kompositionen oder Landschaften, die sich als kleine Kosmen erwiesen. Immer war es ein Sujet, das er ins Zentrum der Leinwand und damit auch ins Bild rückte. Das Motiv und der leere Raum entwickelten eine eigenwillige Spannung zueinander. Seit einigen Jahren malt er weitgehend abstrakt und entwickelt dabei Landschaften, die sich mehr und mehr dem Blick des Betrachters entziehen. Es sind kleine kosmische Welten, die entweder in Grau-Schwarz oder Hellgrau-Weiß Tönen gehalten sind, die einzelne Details scheinbar ineinander bis zur Unentzifferbarkeit verwoben.

Der jüngste unter ihnen, Mu Boyan (geb. 1976), wurde bereits Anfang 2000 durch seine hyperrealistischen Skulpturen bekannt, in denen er ausschließlich dicke, nackte Männer, die wie behäbige Sumo-Ringer ansehen, in teils ebenso absurden Situationen "portraitierte". Elemente wie Absurdität, Surreales und Abstraktes paaren sich hier. Sie alle stehen dabei in der reflektierten Tradition chinesischer Kultur. Sie persiflieren die neue Wohlstandsgesellschaft Chinas, zugleich auch das sich wandelnde Männerbild, das in einer globalisierten Welt nach neuen Werten und Inhalten zu suchen scheint. Mu Boyan’s Fette Männer vereinen Skurrilität und Absurdes, zugleich kindlich Naives mit zuweilen doch spitzzüngiger Kritik an einer durch und durch immobil gewordenen Gesellschaft.


Surreal Realities
14. Juni bis 16. August 2015