Open Codes II. Die Welt als Datenfeld

Für die zweite Ausgabe der Ausstellung Open Codes haben die KuratorInnen insgesamt 40 neue Werke ausgewählt, die sich vorrangig mit künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen beschäftigen. Sie zeigen die Welt als Datenfeld, in der Menschen nicht mehr mit Pass, sondern mit Handy reisen: In einer von Codes regulierten Welt werden Artefakte wie Bots vermutlich kompetenter Auskunft geben als Menschen. Seit Siri und Alexa, die auf künstlicher Intelligenz basieren, wissen wir: Der sprachbegabte Mensch hat den Objekten das Sprechen beigebracht.

Im Lichthof 8 des ZKM werden die BesucherInnen mit rund 40 Bildschirmen konfrontiert, die als Datenwolke über dem Lichthof schweben. Sie zeigen digitale Datenbildschirme, die uns rund um die Uhr, vom Flughafen über Bahnhof bis hin zu Börse und Krankenhaus begleiten. Auch die Webpräsenz des Bildungsexperiments Open Codes wird um eine Neuerung ergänzt: Ab 1. September sind rund 15 Browser-basierte Projekte im Netz zu finden und erweitern die Open Codes-Ausstellungsflächen um eine virtuelle Präsenz. Die Auswirkungen des digitalen Wandels können nicht ohne die künstlerischen Produktionen diskutiert werden, die ausschließlich im Internet beheimatet sind.

Als historisches Artefakt ist in "Open Codes II. Die Welt als Datenfeld" die Lernmatrix von Karl Steinbuch zu sehen, die er in den 1960er-Jahren am heutigen Institut für Technik der Informationsverarbeitung des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickelt hat: Die Lernmatrix ist eines der frühen Beispiele für die technische Realisierung von lernfähigen Systemen. Das Künstlerduo Zach Blas und Jemima Wyman rekapituliert mit der Installation "im here to learn so :))))))" die Genese des Chatbots Tay. Microsoft hatte 2016 den auf künstlicher Intelligenz basierenden Chatbot auf Social Media-Kanälen eingesetzt, um mit NutzerInnen zu interagieren. Doch Tay mutierte innerhalb kürzester Zeit zu einem Bot, der rassistische und menschenfeindliche Bemerkungen äußerte. Microsoft stellte den Chatbot nach einem Tag ab. Die beiden KünstlerInnen erwecken Tay in ihrer 4-Kanal-Videoinstallation wieder zum Leben und lassen den Chatbot seine Existenz als Künstliche Intelligenz reflektieren.

Wie künstliche Intelligenz zur Neuinterpretation von Geschichte und Kultur eingesetzt werden kann, demonstrieren die Marmorskulpturen und 3-D-gedruckten Skulpturen Content Aware Studies von Egor Kraft. Die Skulpturen wurden von lernenden Algorithmen erzeugt, die speziell dazu entwickelt wurden, schadhafte Stellen in Bildern zu restaurieren oder fehlende Teile von Skulpturen, etwa anhand von 3-D-Modellen, zu rekonstruieren. Die synthetische Intelligenz tendiert zwar dazu, die Formen getreu den Originalen zu restaurieren, produziert allerdings auch groteske Fehler und algorithmisch-spekulative Neuinterpretationen, die von der uns bekannten antiken Ästhetik abweichen.

Mit der Funktionsweise des Gehirns setzt sich das Werk "Melting Memories" von Refik Anadol auseinander. Die Projektion nutzt Daten, die dem Künstler vom Neuroscape Laboratory an der University of California, San Francisco zur Verfügung gestellt wurden. Mittels dieser Datensätze hat Anadol Algorithmen entwickelt, die eine überwältigende multidimensionale visuelle Struktur erzeugen.

Neu hinzugekommen sind außerdem zwei Werke aus der Sammlung des ZKM: "Messa di voce" von Golan Levy und Zachary Lieberman sowie "Bar Code Hotel" von Perry Hoberman. Bei "Messa di voce" werden mithilfe einer speziell entwickelten interaktiven Visualisierungssoftware die von BesucherInnen produzierten stimmlichen Laute, Schreie oder Gesang, optisch und in Echtzeit visualisiert. Perry Hobermans "Bar Code Hotel" ist eine interaktive Installation für mehrere User. Im gesamten Installationsraum finden die BesucherInnen unzählige Strichcode-Symbole. Sie bezeichnen zum einen die virtuellen Objekte der Installation, zum anderen die jeweiligen Aktionen, die diesen Objekten zugeordnet werden können. Mithilfe eines Scanstifts können sie von den BesucherInnen auf einer dreidimensionalen Projektionsfläche sichtbar gemacht werden.

Im Lichthof 8 wird die neue Großinstallation "Die Welt als Datenfeld" von Peter Weibel und Christian Lölkes präsentiert. Sie konfrontiert die BesucherInnen auf übersteigerte Weise mit Daten auf 40 Bildschirmen, die uns rund um die Uhr begleiten – vom Flughafen über den Bahnhof bis zur Börse, in der Wohnung und unterwegs.

Netzkunst in ihrer Originalität, mit ihrer Low-Tech-Ästhetik und oft anarchischen Formen mag schon Geschichte sein, doch es entstehen weiterhin Browser-basierte Kunstprojekte, die sich mit dem Internet und damit verbundenen Themen wie Chat-Bots, Social Media-Plattformen, Viren oder dem Monopol der global agierenden Internetfirmen entwickeln. Auf der Website https://open-codes.zkm.de/de sind u.a. Werke von !Mediengruppe Bitnik, James Bridle, Rafaël Rosendaal und Nye Thompson zu erkunden.

Nachdem in der ersten Phase (20.10.2017-05.08.2018) von Open Codes vielfältige Beispiele der Codierung, vom Morse Code bis zum genetischen Code, und deren künstlerische und industrielle Anwendung gezeigt wurden, liegt der Schwerpunkt der zweiten Phase (01.09.2018- 06.01.2019) auf der Untersuchung einer Welt, die nicht alleine von Dingen, Worten und Bildern, sondern vor allem von Daten erzeugt, gesteuert und kontrolliert wird. Deswegen heißt die Ausstellung "Open Codes II. Die Welt als Datenfeld".


Open Codes II. Die Welt als Datenfeld
1. September 2018 bis 6. Januar 2019