Diagonale 2017: Zukunft des Kinos, Geister der Vergangenheit

1. April 2017
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Während Michael Palm in seinem Essayfilm "Cinema Futures" Fragen zur Zukunft von Kino und Film nachspürt, erkundet Maya McKechneay in "Sühnhaus" die Geschichte des Hauses und der Bewohner am Wiener Schottenring Nr. 7. Adrian Goiginger wiederum blickt in seinem Spielfilmdebüt "Die beste aller Welt" auf seine eigene Kindheit mit seiner drogenabhängigen Mutter.

Wie wird es mit dem Kino und dem Film nach der Digitalisierung weitergehen? Wie verändern sich Filmrestaurierung und –archivierung durch die digitalen Möglichkeiten? Wo liegen grundsätzliche Unterschiede zwischen analogem Filmmaterial und digitalen Bildern? – Einen ziemlich trockenen Film lassen solche Fragen erwarten, doch Michael Palm gelingt durch geschickte Auswahl von Interviewpartnern und Einbindung klassischer Filmszenen ein ebenso anregender wie facettenreicher und vielschichtiger Essayfilm.

Um die halbe Welt führten Palm die Recherchen, nach Hollywood geht die Reise ebenso wie ins indische Mumbai, wo in den Multiplexxen digital projiziert wird, während in den alten, verfallenden Einsaalkinos in der Stadt zerkratzte 35-mm Kopien gezeigt werden, ins Archiv von Eastman in Rochester ebenso wie zur Demontage eines Kopierwerks in Wien. Filmhistoriker und Theoretiker wie David Bordwell kommen ebenso zu Wort wie die Regisseure Christopher Nolan, Martin Scorsese und Apichatpong Weerasethakul.

Mit Blick auf ein steinzeitliches Grab im Naturwissenschaftlichen Museum in Wien und auf ägyptische Mumien bringt Palm in dem anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Österreichischen Filmmuseums entstandenen Film das Spannungsfeld von Vergänglichkeit und Bewahrung ins Spiel. Dem Aspekt des Films als Bewahrer persönlicher Erinnerungen, an den mit Home-Movies erinnert wird, steht die Komponente des Films als Kulturgut, den wiederum klug montierte Ausschnitte aus Klassikern wie "Vertigo" oder "The Lady from Shanghai" bewusst machen.

Unglaublich vielseitig und facettenreich ist dieser Film – oder vielmehr dieses File, denn gedreht wurde digital -, spielt nicht 35mm gegen digital aus, sondern lässt nüchtern Positionen aufeinanderprallen. "Cinema Futures" zeigt anschaulich die Möglichkeiten heutiger Filmrestaurierung, fragt aber auch, ob ein perfektes staubfreies Filmbild überhaupt sinnvoll ist und thematisiert ausführlich die Probleme einer Digitalisierung alter Filme angesichts des Umstands, dass die Daten bei Systemänderungen nicht mehr gelesen werden können, sodass letztlich einzig durch Archivierung auf analogem Filmmaterial Filmgeschichte dauerhaft bewahrt werden kann.

Ganz rückwärtsgewandt wirkt zunächst der Blick von Maya McKechneay in ihrem Essayfilm "Sühnhaus" – und doch werden sich hier immer wieder aktuelle und zeitlose Aspekte einschleichen. Ausgehend vom Brand des Wiener Ringtheaters am 8. Dezember 1881, bei dem 386 Menschen ums Leben kamen, spürt McKechneay der Geschichte der Adresse "Schottenring Nr. 7" nach, die heute nicht mehr zu den Touristenattraktionen zählt.

Denn hier steht seit den 1970er Jahren der schmucklose Bau der Wiener Landespolizeidirektion. Geisterhaft wirkt McKechneays Film allein schon dadurch, dass sie zwar in diesem Gebäude drehen, aber keine Polizisten zeigen durfte. Mit ihrer Erzählerstimme weckt sie so in den leeren Räumen und engen Kellern im Zuschauer Bilder an die Katastrophe im Ringtheater und ergänzt den Off-Kommentar klug durch Interviews mit Nachkommen Überlebender, einem Polizeisoziologen und einem Feuerwehrmann, aber auch mit Fotos des Prunkbaus, einem Gemälde vom Brand oder Archvimaterial wie Eintrittskarten und Zeitungsartikel.

In ihrer Spurensuche deckt die Regisseurin nicht nur Baufehler auf, die zur Katastrophe führten, sondern zeigt auch, wie die Unterschicht, die in den oberen Reihen des Theaters saß, vor allem davon betroffen war und zieht die Spur der sozialen Spannung bis in die Gegenwart.

Denn auch das als Wiedergutmachung gegenüber der Unterschicht von Kaiser Franz-Joseph am Ort des Theaters errichtete Sühnhaus bevorzugte die Begüterten, die in den komfortablen oberen Etagen wohnten, während der Portier in einer lichtlosen Kellerwohnung lebte. Dem Ungehorsam und dem Aufbegehren der Unterschicht gegen die Mächtigen setzt McKechneay ein Denkmal und spannt den Bogen von einem Portier des Sühnhauses bis zum Wiener Polizeipräsidenten Günter Bögl, der das Penthouse der Landespolizeidirektion bewohnte, bis ihn ein Skandal um die Matura seiner Tochter zu Fall brachte.

Unaufgeregt, aber sehr überlegt und dicht ist das erzählt und wirft am Einzelfall geschickt die allgemeine Frage nicht nur nach Machtverhältnissen, sondern auch nach Manipulation der Geschichte auf. Denn aufgedeckt wird, dass Fotos von der Eröffnung des Sühnhauses retouchiert wurden und der offiziellen Version der Zerstörung des Sühnhauses durch einen britischen Bombenangriff am Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Version des letzten Bewohners gegenübergestellt, der erzählt, dass das Gebäude durch Funkenflug abbrannte, als die danebenliegende Polizeidirektion zwecks Vernichtung belastender Dokumente aus der NS-Zeit in Brand gesteckt wurde.

Adrian Goiginger hat dagegen in "Die beste aller Welten" seine eigene Kindheit mit seiner drogenabhängigen Mutter zu einem Spielfilm verarbeitet. Mit den Augen des achtjährigen Adrian lässt er den Zuschauer auf dieses Leben zwischen glücklichen und ausgelassenen und verstörenden, für das Kind unverständlichen Momenten der Sucht blicken.

Wie Roberto Benigni in "Das Leben ist schön" seinem Sohn den KZ-Alltag als Spiel erklärt, lässt auch hier die Mutter den Sohn der Sozialbehörde eine heile Welt vorspielen, muss alles blitzblank geputzt werden, wenn die Beamten kommen.

Nah dran an den Figuren ist Goiginger, zieht den Zuschauer mit dynamischer Handkamera und energischem Schnitt in das Geschehen hinein und kann auf einen großartigen Jeremy Miliker als Adrian und Verena Altenberg als liebevolle Mutter bauen. In jeder Szene spürt man, dass Goiginger genau weiß, wovon er erzählt, fängt stimmig und dicht das Milieu ein.

Die Handlung mag – auch aufgrund der Orientierung am Alltag und des, abgesehen vom sehr sprunghaften Finale, Verzichts auf dramatische Plotpoints – etwas dahinplätschern, aber die Schauspieler und der einfühlsame Blick sorgen doch dafür, dass dieses Debüt bewegt.