Bei Ernani geht es um die Ehre im Bregenzer Festspielhaus

Hohe Regiekunst, aus solch vertrackter Geschichte ein schlüssiges Psychodrama zu formen, die Lotte de Beer zweifelsfrei beherrscht, dazu ein genialer Dirigent wie Enrique Mazzola, der Sängerinnen, Sänger und die Wiener Symphoniker zu Glanzleistungen führt – so wird die Verdi Oper zum fulminanten Ereignis bei den Bregenzer Festspielen. Das Dream-Team aus Regisseurin und musikalischem Leiter, dazu der Bühnen- und Kostümbildner Christof Hetzer hat bereits 2017 bei der Hausoper "Moses in Ägypten" von Rossini mit außergewöhnlichen Ideen zur Inszenierung begeistert.

Giuseppe Verdi war 31 Jahre alt, als er mit "Ernani" einen Riesenerfolg landete. Den Skandal provozierte nur das zugrundeliegende Stück von Victor Hugo, der den König allzu respektlos zeichnete. Ebenso beim 1832 in der Pariser Comédie-Française uraufgeführten Werk "Le roi s´amuse", das in der Bearbeitung durch den Librettisten Francesco Maria Piave zu "Rigoletto" wurde. Diese Oper gilt wiederum erst nach 1851 als meistgespielte Verdis, nachdem "Ernani" immer mehr in Vergessenheit geriet und heute als Rarität gehandelt wird.

Lotte de Beer will die Geschichte nicht ins Jetzt bringen sondern diese aus heutigen Blickwinkeln betrachten. Die Protagonisten würden ausschließlich über hohe Ideale wie Ehre, Liebe, Gastfreundschaft sprechen (singen), und gleichzeitig drohen sie mit Selbstmord, Rache, Blutvergießen. Wirklich böse ist von den drei Werbern um Elvira (die international gefragte Sopranistin Guanquin Yu) keiner. Menschlich sind sie, ja, und von ihrer jeweiligen Motivation her betrachtet, handeln sie nachvollziehbar: Der problematischste Charakter ist eigentlich Ernani (beeindruckend, der albanische Tenor Saimir Pirgu). Von Anfang an lässt der verstoßene Adelige keinen Zweifel daran, dass er sich selbst und das Leben hasst! Man wundert sich also nicht, wenn er in Harakiri-Manier ins Gemach der geliebten Elvira stürmt und den – dort sich im Getümmel (faszinierend unter den soundkräftigen Prager Philharmonischen Chor gemischt, die acht Akrobaten der Stunt-Factory) als König herausgestellten – Eindringling zum Duell auffordert. Aber warum wird Elvira im Haus von de Silva (sehr überzeugend, der kroatische Bass Goran Jurić) festgehalten? Ein Hinweis dazu ist versteckt, jedoch auffindbar: sie ist "eine de Silva", Don Ruy Gomez de Silva ist der Onkel und will sie heiraten.

Ernani will auch mit Elvira nur noch sterben. Und wenn ihm dann Elvira nach seinen Vorwürfen zur bevorstehenden Hochzeit eröffnet, dass sie sich am Altar mit dem vorbereiteten Dolch töten würde, findet er das tatsächlich voll in Ordnung! Als Pilger getarnt hat er sich in de Silvas Haus eingeschlichen und bietet schon wieder seinen Kopf als Hochzeitsgeschenk an. Als auch noch der König (darstellerisch und sängerisch exzellent, der Mailänder Bariton Franco Vassallo) auftritt und die Herausgabe des geächteten Ernani fordert, besteht de Silva ehrenvoll auf der Unverletzbarkeit des Gastrechts. Der alte Mann wird gefoltert und übel zugerichtet, das Blut spritzt in hohen Bögen, und sogar seine Braut Elvira wird vom König als Geisel entführt.

Es verwundert nicht, dass unermessliche Wut den ursprünglich königstreuen de Silva zum rachesüchtigen Kämpfer macht. Und wieder prescht Ernani vor, will egoistisch selbst den König töten und damit seinen Vater rächen. Ein Jagdhorn gibt er als Pfand, und wenn de Silva dieses bläst, würde Ernani sich umbringen, Ehrenwort!

Es kommt der Tag an dem der König zum Kaiser gewählt wird. Er will ein Großer sein und begnadigt in edler Geste die Verschwörer, gibt als Draufgabe noch den Segen für Elviras Hochzeit mit Ernani. Nachvollziehbar, dass der gebrochene, betrogene de Silva das Horn bläst und in apokalyptischer Stimmung im Namen der Ehre das Versprochene einfordert. Noch vor dem endgültigen Schicksalston ersticht sich Ernani, gleichzeitig erkennt der alte de Silva die Sinnlosigkeit dieser Tat, vergiftet sich, und auch Elvira liegt schon leblos auf verbrannter Erde.

Sinnlos gestorben wird auch wieder auf der Seebühne. "Butterfly! Butterfly!" ruft B.F. Pinkerton ganz in Puccini-Manier und stürmt über die fragile Bühnenlandschaft, doch es ist zu spät, das weiße Blatt Papier verglüht mit pyrotechnischem Effekt (siehe Artikel auf Kultur Online)

Ernani von Giuseppe Verdi
Oper in vier Akten (1844)
Libretto von Francesco Maria Piave nach dem Drama
"Hernani ou l’Honneur castillan" von Victor Hugo (1830)

Ernani: Saimir Pirgu
Don Carlo: Franco Vassallo
Don Ruy Gomez de Silva: Goran Jurić
Elvira: Guanqun Yu
Giovanna: Aytaj Shikhalizada
Don Riccardo: Omer Kobiljak
Jago: Stanislav Vorobyov

Musikalische Leitung: Enrique Mazzola
Inszenierung: Lotte de Beer
Bühne | Kostüme: Christof Hetzer
Licht: Alex Brok
Choreographie: Ran Arthur Braun
Chorleitung: Lukáš Vasilek
Dramaturgie: Peter te Nuyl

Stunt-Factory
Prager Philharmonischer Chor
Wiener Symphoniker