Mo, 31.12.2007 / Ausstellung / Archiv
Mi, 26.09.2007 So, 13.01.2008
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Anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums der Landwirtschaftskammer Tirol, wird dem Thema Landwirtschaft eine umfassende Ausstellung unter dem Titel "Die Kunst in der Landwirtschaft. Landwirtschaft und Kunst von 1875 bis heute" gewidmet. Ziel dieser Ausstellung mit rund 100 Exponaten und 10 Installationen von über 50 Künstlerinnen ist es, nicht nur Bäuerinnen und Bauern "ihre" Welt näher zu bringen, sondern vielmehr die Landwirtschaft für nicht-bäuerliche Menschen aus differenzierten künstlerischen Blickwinkeln abzubilden.

Die zeitliche und räumliche Eingrenzung der Werke wurde anlässlich des Jubiläumsjahres der Landwirtschaftskammer dementsprechend gewählt. Der Fokus liegt auf den letzten 125 Jahren und beschränkt sich geografisch auf den Alpenraum. Die Ausstellung ist allerdings keine reine Illustration des Themas "Landwirtschaft". Vielmehr zeigt sie die unterschiedlichen Tendenzen und Sichtweisen des vergangenen und zeitgenössischen Kunstschaffens. Vergangenheit und Gegenwart treffen auf spannende Art und Weise aufeinander. Aus der Vielfalt der Themen ergeben sich bestimmte Bereiche, welche die Ausstellung bestimmen.

Die BesucherInnen werden dabei in sechs großen Themenbereichen von der Gegenwart in das ausgehende 19. Jahrhundert und von dort aus wieder in das beginnende 21. Jahrhundert geführt. Gezeigt werden u.a. Arbeiten von Franz Defregger, Mathias Schmid, Alois Gabl, Giovanni Segantini, Giovanni Giacometti, Gustav Klimt, Ferdinand Andri, Albin Egger-Lienz, Gabriele Münter, Alfons Walde, Artur Nikodem, Fortunato Depero, Werner Scholz, Werner Berg, Martin Gostner, Thilo Heinzmann, Hannes Franz, Nicolas Faure, Franziska und Lois Weinberger, Miriam Cahn, Asta Gröting, Anna und Bernhard Blume, Anna Jermolaewa, Maria Lassnig, Bernhard Huwiler oder Hans Schabus.

Die Landwirtschaft ist jene Wirtschaftsform, die lange Zeit den Alpenraum bestimmte. Die Ausstellung zeigt die mit der Landwirtschaft verbundene Kunst und Kultur der letzten 125 Jahre. In dieser Zeit ergaben sich vor allem durch die Industrialisierung der Landwirtschaft entscheidende Veränderungen, die die Landschaft und das "Bild" der Landschaft und ihrer Bewohner prägten. In den Themenbereichen "Menschenbilder", "Mahlzeit", "Perspektivenwechsel", "Arbeit und Produktion" und "Eigenes und Fremdes" werden Vergangenheit und Gegenwart einander gegenübergestellt.

Der Einstieg in die Ausstellung erfolgt im Foyer. Anstelle von Idylle tritt man auf die Realität. Der österreichische Künstler Hans Schabus hat einen Flug über das Kanaltal aufgenommen. Der Südtiroler Fotograf Walter Niedermayr zeigt Freizeitindustrielandschaften. "Von einer Schweiz zur anderen" fuhr der Schweizer Fotograf Nicolas Faure, Yean (Young European Architects Network) setzt die Urbanität in den Alpen in Szene. Diese Werke sind Landschaftsbilder, Landkarten, welche die veränderten Lebensbedingungen eindrücklich verdeutlichen.

Im Mezzanin wird die Aufmerksamkeit auf das Menschenbild gelenkt. Maria Lassnig hat die Landleute der Feistritz porträtiert. Ihr geht es um die Individualität der einzelnen Personen. Albin Egger-Lienz hingegen zeigt im Bild "Mann und Weib" Allgemeingültiges, den Ausdruck des harten Lebens in den Bergen. Der Blick Giovanni Giacomettis auf eine Bäuerin ist ein ganz realistischer. Das Gesellschaftsbild wird zunächst genrehaft, in der jüngeren Kunst reportagehaft dargestellt. "Der verbotene Tanz" von Alois Gabl, wird in Konfrontation mit dem Video "Schuhplattler" von Songül Boyraz gezeigt. Szenen des Alltags in der Schweiz der 1930er Jahre hat Paul Senn festgehalten.

Die Stube ist jener Ort in dem sich das häusliche Leben abspielt und die bäuerliche Gesellschaftsstruktur widerspiegelt. Im Bild "Bauernstube" zeigt Albin Egger-Lienz deren karge Ausstattung und in "Mütter" verdeutlicht er das Leid der Frauen. Mathias Schmid hingegen schildert die vergnüglichen Spiele unter dem Hergottswinkel. Dieser hat auch für Gabriele Münter eine besondere Bedeutung. Auf die Spurensuche nach den BewohnerInnen eines Bauernhauses hat sich Nikolaus Lang begeben.

In das Zentrum der Ausstellung ist "die Arbeit", die agrarische Produktion gerückt. Viele KünstlerInnen setzen sich mit der bildlichen Darstellung der Arbeitsprozesse, deren Bedingungen und Veränderungen auseinander. Asta Gröting hat ein Stück "Acker", frisch gepflügt, abgeformt. Albin Egger-Lienz stellt einen "Pflüger" und "Säman" dar, Giovanni Segantini zeigt die Arbeit des Kartoffelschälens. Eine zukünftige Arbeitswelt stellt Fortunato Depero dar. Hingegen bricht Jeanne Faust in ihrem Video mit den Vorstellungen des "Alpenländischen". Mario Merz geht an die Grenze von Kunst und Natur. Arthur Segal schildert 1931 den Arbeitsprozess von der Getreideernte bis zum Verzehr des Brotes. In der "Modernen Galerie" verfolgt Esther Polak 2005 den Weg der Milch von Lettland bis in die Niederlande. Auch das "Bild" von den Tieren am Bauerhof hat zwischen Gustav Klimt und Miriam Cahn eine große Veränderung erfahren.

Das Thema Essen schließt sich an. "Mahlzeit" wünscht mit viel Ironie Anna und Bernhard Blume. "Das Tischgebet" wird bei Franz von Defregger gesprochen. Sakrale Anklänge werden auch im "Hendltriptychon" von Anna Jermolaewa aufgegriffen. Eine Tischgesellschaft bringt sowohl Ernst Ludwig Kirchner als auch Alfons Walde ins Bild. Martin Gostner hat Tisch und Bänke gleich paniert, das heißt mit einer "Dicke(n) Aura Heimat" überzogen. Mit dem Heimatbegriff verbindet sich die Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Fremden, welche den Abschluss der Ausstellung bildet. Hier wird die Frage nach den tradierten Bildern gestellt, nach Nahem und Fernem, nach Vertrautem und Ungewohntem. Für Lois und Franziska Weinberger stehen diese Fragen im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit. Eine ganz individuelle Art der Auseinandersetzung in der sich Wirklichkeit und Unwirklichkeit überschneiden, wird von ihnen in der Arbeit "Home Voodoo" vorgenommen.


Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (175 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen) zum Preis von EUR 19,-.

Die Kunst der Landwirtschaft
Landwirtschaft und Kunst im Alpenraum von 1875 bis heute
26. September 2007 bis 13. Jänner 2008

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Museumstraße 15
A - 6020 Innsbruck

T: 0043 (0)512 59489
F: 0043 (0)512 59489-109
E: sekretariat@tiroler-landesmuseum.at
W: http://www.tiroler-landesmuseum.at/

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Julia Bornefeld: Ohne Titel, 1995. © VKB Wien, 2007; Courtesy Galerie Elisabeth und Klaus Thoman, Innsbruck. Foto: Galerie Elisabeth und Klaus Thoman
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Ernst Ludwig Kirchner: Bauernfamilie beim Essen, 1922-23. Davos, Kirchner-Museum; © I. u. Dr. W.- Henze-Ketterer, CH Wittracht BE. Foto: Kirchner-Museum
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