24. Juni 2011 - 2:17 / Ausstellung / Archiv 
4. März 2011 7. August 2011

Hundert Jahre nach Ausrufung des Internationalen Frauentags präsentiert das Österreichische Museum für Volkskunde mit der Jubiläumsausstellung "Feste. Kämpfe. 100 Jahre Frauentag" von 4. März bis 30. Juni 2011 sehenswerte Ergebnisse eines vielschichtigen Forschungsprojekts des Kreisky Archivs. Neben dieser historischen Ausstellung beinhaltet das Projekt "100 Jahre Frauentag!" eine mehrteilige Begleitpublikation, künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum und die Reihe "Film & Zeitgeschichte: 100 Jahre Frauentag" in Kooperation mit dem Filmarchiv Austria im Metro Kino.

Von den ersten Demonstrationen für das Frauenwahlrecht auf der Wiener Ringstraße vor dem Ersten Weltkrieg bis zur Aneignung und Institutionalisierung der Frauentage durch "autonome" Frauengruppen seit den 1970er Jahren: Die Ausstellung dokumentiert anhand eindrucksvoller Bild-, Ton- und Filmdokumente die wechselvolle Geschichte des Frauentages in den Kontexten gesellschaftspolitischer und kulturgeschichtlicher Rahmenbedingungen. Parallel zur Ausstellung entwickelte das Kreisky Archiv ein Konzept zur Realisierung von Kunstinterventionen im öffentlichen Raum in Wien unter dem Titel "In. Anspruch. Nehmen. 100 Jahre Frauentag". Sie wurden von den Künstlerinnen Lisl Ponger, Stefanie Seibold, Magda Tóthová, Sofie Thorsen und dem Künstler Wilfried Gerstel für Orte entwickelt, die einen Bezug zur Geschichte des Frauentags haben.

"Den Frauen gleiches Recht!", forderten 20.000 Frauen und Männer am 19. März 1911, als sie über die Wiener Ringstraße marschierten. Das Frauenwahlrecht war die zentrale Forderung am ersten österreichischen Frauentag, der sich dieses Jahr zum 100. Mal jährt. Die Ausstellung "Feste. Kämpfe. 100 Jahre Frauentag " nähert sich der Geschichte des Frauentags einerseits über die wiederkehrenden Themen "Gleichheit", "Frieden" und "Körper", die als kuratorische Leitbegriffe für eine Strukturierung der Ausstellung herangezogen wurden. Ihnen ist jeweils eine in sich geschlossene Darstellungseinheit gewidmet. Andererseits werden die Frauentage chronologisch in die jeweiligen gesellschaftspolitischen und organisationsgeschichtlichen Kontexte eingebettet. Fotos, Plakate, Transparente, Filmdokumente, Abzeichen und Zeitungsberichte dokumentieren, wie Frauenbewegungen den öffentlichen Raum in Anspruch genommen haben und nehmen, wie politische Identitäten entstehen, wie sich Rituale und Symbole entwickeln und verändern.

Anhand des gesammelten Materials werden inhaltliche und formale Kontinuitäten und Brüche aufgezeigt. Von den ersten Demonstrationen für das Frauenwahlrecht vor dem Ersten Weltkrieg, über parteipolitische Großveranstaltungen in der Zwischen- und Nachkriegszeit, bis zur Aneignung der Frauentage durch "autonome" Frauengruppen in den 1970er und 1980er Jahren und der zunehmenden Institutionalisierung der Frauentage ab den 1990er Jahren kam es immer wieder zu Veränderungen in Erscheinungsform und inhaltlichen Anliegen. Bis zu dessen Einführung 1918 war die Forderung nach dem allgemeinen Frauenwahlrecht für bürgerlich-liberale und sozialdemokratische Frauenbewegungen das zentrale Thema des Frauentags. Forderungen nach Gleichberechtigung in Gesellschaft und Familie sowie nach beruflicher Gleichstellung ("Gleicher Lohn für gleiche Arbeit") wurden und werden am Frauentag bis in die Gegenwart von verschiedenen parteipolitischen, institutionellen und "autonomen" Akteurinnen an die Öffentlichkeit getragen.

Die Forderung nach Frieden ist eng mit der Vorstellung von einem weiblichen Geschlechtscharakter verbunden, diente vielfach als Rechtfertigung für die politische Teilhabe von Frauen und durchlief vielfältige Bedeutungsveränderungen: Anfänglich war Friede die Abwesenheit von Krieg, das Ende der Völkerverhetzung sowie des Faschismus. Nach 1945 kam die Konnotation von Fortschritt und (Wieder)Aufbau hinzu, mit den 1970er Jahren wurde der Begriff weiter definiert: Frieden meinte nun allgemein die Abwesenheit von struktureller und individueller Gewalt gegen Menschen.

Vor dem Hintergrund des frauenbewegten Aufbruchs rückten die Themen Körper und weibliche Selbstbestimmung ab Ende der 1970er Jahre ins inhaltliche Zentrum der Frauentage. Die traditionelle Trennung zwischen dem männlich konnotierten Öffentlich-Politischen und dem Privat-Unpolitischen, das Frauen zugeschrieben war, wurde in Frage gestellt. Vorgeblich private Themen wie Sexualität, Reproduktion, Hausarbeit, Kindererziehung, häusliche Gewalt und individuelle Identitätsentwürfe wurden zu Themen der politischen Auseinandersetzung.

Die Jubiläumsausstellung "Feste. Kämpfe. 100 Jahre Frauentag" beleuchtet den Frauentag als Tradition, die im Laufe ihrer Geschichte viele Ritualisierungen und inhaltliche Wandlungen durchlaufen hat. Der Frauentag wird assoziiert mit ziviler Courage, gewaltlosem Widerstand, partizipativer Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit. Bis heute ist er ein politischer Ort für Frauen, die für gesellschaftliche Teilhabe und gegen Benachteiligungen kämpfen, als Staatsbürgerinnen, als Arbeitnehmerinnen, als Mütter und Ehefrauen oder auf Grund ihrer nicht-heterosexuellen Lebensweise.

Die Reihe "Film & Zeitgeschichte" widmet sich der visuellen Wahrnehmung und Positionierung der Frau in Zeitdokumenten. Ausgehend von den Aufnahmen zum "Internationalen Frauentag in Wien" 1931 wird die politische Repräsentation von Frauen und ihrer Anliegen in den Fokus genommen. Die Vorführung mit anschließender Podiumsdiskussion findet in Kooperation mit dem Filmarchiv Austria, bei freiem Eintritt am Sonntag, den 6. März 2011 um 11:00 Uhr im Metro Kino, Johannesgasse 4, 1010 Wien statt.

Mit der Publikation "Frauentag! Erfindung und Karriere einer Tradition" erscheint außerdem im März 2011 ein noch ausständiges Überblickswerk über die hundertjährige Geschichte des Frauentages in Österreich, das zusätzlich die Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde sowie die Kunstinterventionen im öffentlichen Raum dokumentiert.

Feste. Kämpfe. 100 Jahre Frauentag
4. März bis 30. Juni 2011

Österreichisches Museum für Volkskunde
Laudongasse 15-19
A - 1080 Wien

T: 0043 (0)1 406 89 05
F: 0043 (0)1 408 53 42
E: office@volkskundemuseum.at
W: http://www.volkskundemuseum.at/

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Festschrift der SDAP zum Frauentag, 1913. © Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung
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Festschrift der SDAP zum Frauentag, 1933. © Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung
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Aktion autonomer Frauen gegen die Sexualmoral der katholischen Kirche auf der Frauentagsdemonstration, 1980. © Elisabeth Enigl
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Frauentagsplakat der SPÖ-Frauen, 1976. © Kreisky Archiv
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Wilfried Gerstel, '...nicht deiner Meinung'. Installation am Vorwärts-Gebäude; © beim Künstler