verfasst von Haimo L. Handl / So, 27.01.2013 / Wort zum Sonntag
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Im Fernsehen waren die Bilder von Gewaltakten in Moskau gegen Homosexuelle zu sehen, frisch-fromm-fröhlich ausgeübt von orthodoxen Gläubigen, Moralisten und der Polizei, die als Staatsgewalt sich freut, über die orthodoxe Kirche Rückenwind zu erhalten, und sich so wenigstens bei den Gestrigen Zustimmung und Unterstützung holt, die sie bei der Intelligentsia und den Urbanen längst verspielt hat.

Soweit ist es in Tschechien nicht, wo der Kommunist jetzt gewonnen hat, unter anderem mit lautstarken antideutschen Ressentiment und einer Schmutzkübelkampagne gegen seinen Konkurrenten, unterstützt von einem Präsidenten, der die Ethno-Karte ausspielte und meinte, der adelige Schwarzenberg sei ja kein echter, authentischer Tscheche. (Wir hatten das in Österreich auch, als die ÖVP für Josef Klaus wahlwerbend mit dem Spruch unterwegs war: „Ein echter Österreicher“) Dem lieferten einige Medien kundige Überlegungen über die Exilzeit von Schwarzenberg nach, über seine historische Sicht, die, für Tschechien ein Skandal, die Todesmärsche und Deutschenvertreibung als Unrecht sieht.

Er lieferte damit den wahren Patrioten, die sich immer schon als Opfer sahen, als Zukurzgekommene, als Verratene (von wem wann?) Futter für deren Geifern: Er sei untschechisch, und zwar so extrem, dass der Präsident öffentlich meinte, er würde überlegen seine Heimat zu verlassen, falls er doch die Wahl gewänne. Ein Beweis der wahren demokratischen Haltung von Prinzipientreuen. Ein Musterbeispiel tschechischer Werte.

In den USA wurde, wie immer zum Gedenktag des Abtreibungsgesetzes, das vor 40 Jahren der Oberste Gerichtshof als rechtens erkannte, demonstriert. Heuer durch besonders viele Gläubige und Moralisten. Der Unterschied zu Russland war, dass die Polizei die Demonstranten und Ankläger nicht unterstützte, dass das Gesetz nicht so einfach zu kippen ist. Von der Stimmung her nähert sich aber das rurale und religiöse Amerika Russland an: Es triumphiert die biedere Borniertheit, die immerhin von fast der Hälfte der Bundesstaaten mitgetragen wird, vor allem durch Schikanen gegen Abtreibungskliniken, so dass das Bundesgesetz nicht in allen Bundesstaaten exekutierbar wird. Eine Aufweichung und Pervertierung.

Wie tief die Verlogenheit und Rückschrittlichkeit in den USA ist, kann man auch an Gerichtsurteilen zu Vergewaltigungen lesen. Ein Zitat von Erika Eichelberger aus Tomgram verdeutlicht das beispielhaft:
“And early in January (yes, 2013!), a California court ruled that a woman who was raped was not in fact raped -- because she was unmarried. A young woman went to sleep with her boyfriend and woke up being raped by someone else who, she initially thought, was her partner. The judges strictly interpreted California"s nineteenth century rape laws (based on 13th-century Saxon law), which say that it"s only a crime to trick someone into having sex if she believes it"s with her husband, not her boyfriend.”
Ein eindrücklicher Hinweis auf Geist und Buchstaben eines Gesetzes und seiner praktischen Wirklichkeit.

Die Zensurrufe und Forderungen, Bücher umzuschreiben, zu reinigen von obsolet oder unkorrekt gewordenen Wörtern und Begriffen, nehmen zu. Der Purifikationswahn steigert sich. Man muss sich fragen, wie lange wir noch z. B. Werke von Klassikern ungereinigt lesen dürfen, wann die Moralpolizei zuschlägt und im Namen der Gutmenschen, Moralisten und Gläubigen konfisziert, entsorgt bzw. zur Purifikation übergibt, so dass nach neuer Prüfung und Approbation das gereinigte Werk wieder öffentlich zugänglich gemacht werden darf. Wer an „Fahrenheit 451“ oder „1984“ denkt, liegt schon außerhalb des erlaubten Normalen, er ist schon subversiv infiziert und damit ein Verdächtiger. Entsorgung, Bücherverbrennen als gutmenschliche Kulturtat. Alles nicht neu, aber immer noch oder wieder erschreckend.

Vor wenigen Tagen wurde ein Interview von Prinz Harry aus England ausgestrahlt, der gerade seinen Dienst als Copilot im Apache Kampfhubschrauber in Afghanistan erfüllt. Der Interviewer fragt gespielt naiv, ob er geschossen habe und ob er getötet habe. Beides beantwortet der Prinz, der (dort) zuerst Soldat ist, simpel mit „ja“. Daheim in England bzw. in Europa und in der NATO war man bestürzt über die Offenheit des Prinzen. Hätte er es umschreiben sollen? Hätte er die blöde, freche Frage beantworten sollen, wie es erwartet war? Nämlich, dass die Truppen in Afghanistan nicht im Krieg sind, niemanden töten, außer es ist unumgänglich, hie und da, fast zufällig, aber nie intendiert. Hätte er sagen sollen, nein, er fliege nur und töte nicht, wenn er schieße, dann daneben?

Die Frage demonstriert eine tiefe Verlogenheit, die ebenso in anderen europäischen Ländern, auch in Österreich, existiert: Man will nicht offen eingestehen, dass Soldaten zum Töten da sind, dafür trainieren. Und nicht für Sozial- und Zivildienste, wie es die einfachen Österreicher meinen, weil ihnen die konservative und die heimattreue Partei vorgaukeln, das Hauptgeschäft des Bundesheeres sei Hilfe und Soziales. Na, es kommen ja nicht viele um bei ihren Einsätzen. Was aber, wenn mehr Tote von Kampfschauplätzen nach Hause geflogen werden müssen, weil man immer mehr Auslandseinsätze haben will? Wie verkauft man das dann den Österreichern, die so froh sind, dass bei Hochwasser Rekruten schaufeln, oder bei Pflegearbeiten Zivildiener als Zwangsarbeiter billigst hackeln (und die sogenannten Sozialorganisation sich ins Fäustchen lachen, eben mit diesen Zwangsarbeitern am Markt besser konkurrieren zu können)? Irgendwo ist der Krieg Realität, nicht nur TV-Serie, irgendwann kommen die Leichen heim.