verfasst von Haimo L. Handl / So, 29.07.2012 / Wort zum Sonntag
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Bei Künstlern wird meist gelobt, dass sie "keinen Millimeter von ihrer Linie abweichen", dass sie völlig kompromisslos ihre Vorstellung durchzusetzen suchen. Was woanders als Borniertheit, als negative Sturheit kritisiert werden kann, erscheint hier vorbildhaft als Tugend. Aber machen wir uns klar, Kompromisse so zu verteufeln, ihr Gegenteil als Tugend zu preisen, fordert einen hohen Preis. In die Welt der Politik oder Wirtschaft übertragen ist es gerade die Kompromisslosigkeit, die zu Terror und Krieg, zu Verderben und Niedergang führt. Wie eigentümlich, dass in der Kunst diese Haltung so gepriesen wird.

Wäre sie tatsächlich anders nicht in gleicher Qualität möglich? Hier wird vieles nicht weiter hinterfragt, hier schwingen alte maskuline Tugendvorstellungen des unerschütterlichen Kämpfers mit, hier drückt sich eine kriegerische Haltung aus. Niemand schafft aus dem Nichts oder nur aus sich heraus. Immer greift jeder Schaffende auf akkumuliertes Wissen zurück. Was als Kompromisslosigkeit erscheint, kann auch Kalkül sein, sorgfältig kaschiert. Oder ist dem Künstler gar nicht bewusst, weil er nicht sozial denkt, sich aber an das soziale Gefüge, die Anderen, die Gesellschaft wendet, will er doch über sein Werk rezipiert werden. Entwicklung, Fortschritt sind nur möglich, wenn eben NICHT ein- und engstirnig am Eigenen festgehalten wird. Das käme einer fatalen, idiotischen Fixierung gleich. Wie anders denn könnte Kommunikation, Austausch stattfinden, als über die eigenen Grenzen hinauszugehen, nicht nur abzugeben, sondern auch anzunehmen, aufzunehmen?

Die kompromisslosen Haltungen haben, wenn außerhalb eines gesetzten Spielfeldes praktiziert, zu Verheerungen geführt. Sind nicht die rücksichtslosen Unternehmer, die alle und alles zu ihrem Werkzeug machen, die ausbeuten und verdinglichen, kompromisslose Kämpfer für IHRE Idee, für IHREN Erfolg? Sind nicht Politiker, sobald kompromisslos, machthungrige Verbrecher, weil sie das mögliche Gemeinschaftliche zerbrechen, verbrechen? Sind nicht Machtbesessene Kompromisslose, die alle und alles opfern, soweit sie eben die Macht dazu haben?

Wir sollten vorsichtig sein mit dem Lob der Eigensinnigkeit, der Kompromisslosigkeit. Ihre Qualität hängt vom Verhältnis ab: wo und wann wie intensiv - und auf wessen Kosten.

Zu viele sind immer noch unbedacht im Lob des Geniehaften. Heute wird das etwas kaschiert, nicht mehr so ungestüm wie ehedem formuliert. Aber immer noch strahlt der Hero, der einsame Kämpfer, der siegreiche Machtmensch, der Ursurpator, der Krieger. Eine Kriegskultur.

Oft verbindet der Kompromisslose seine Haltung mit dem unerschütterlichem Wissen seiner Wahrheit. Das führt leicht zu Intoleranz und Hass oder Kampf gegen die Unwahrheit, vertreten durch die Unwahren. Der Wahrheitsfanatiker wird zum Misanthropen, zum Krieger, zum Wüterich. Ob das ein Michael Kohlhaas ist oder ein Ulrich von Hutten, die Unnachgiebigkeit gerät leicht zur Legitimation für Gewalt und Selbstjustiz. Die unbedingte Wahrheits"liebe" lässt einen auch leicht fanatisch werden, wie Karl Kraus unter Beweis stellte, der die Wahrheit schon durch schlampigen Sprachgebrauch verletzt sah.

Kompromisslose Sprachpuristen verwandeln sich allzu oft in bissige Sprachpolizisten, denen Verfolgungs- und Ahndungsdenken ihrer Sache eher abträglich ist als förderlich.

Vielleicht rührt die Faszination des monomanen Egoisten, des bornierten Kompromisslosen von der Wertschätzung des Unvernünftigen, Herrischen her, als Gegenbild zu den Erfordernissen einer offenen Gesellschaft? Der Künstler als Gegenbild, als Trugbild einer alten Spezies, die untauglich für die Zukunft ist, außer auf subventionierten Spielwiesen, wo sie Schablonen für die Bewusstseinsindustrie liefern, um die Depravierten (ab)zuspeisen? Oder wollen viele doch diese Untauglichkeit, diese atavistische Seite, die mit Engstirnigkeit und Kompromisslosigkeit verbunden ist? Ein Zurück zu alten "Tugenden"?

Eure Rede sei "ja, ja", "nein, nein". 2 x 2 = 4. Aber das Leben ist nie so simpel und eindeutig. Prinzipientreue ist leichter, als vernünftige Kompromissfähigkeit, weil die Vernunft immer prüft und abwägt, währende der Grundsatztreue bei der einmal gefassten Sicht verharrt. Und das wird von vielen als Tugend gesehen, kompromisslos. Allerdings ist auch der Kompromiss kein fixer Eigenwert. Er kann tödlich falsch sein (wenn er eben unvernünftig ist). Darüber wusste auch Tucholsky 1919 zu schreiben in seinem "Das Lied vom Kompromiß".