26. Mai 2015 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Der Mordprozess gegen Amanda Knox dient Michael Winterbottom als Ausgangspunkt, um einen Regisseur, der über den Fall einen Film drehen will, aber selbst in einer Krise steckt, über Wahrheit und Inszenierung reflektieren zu lassen. – So ambitioniert das Projekt ist, so sehr verliert der Film sich auch in zu vielen, nur mangelhaft entwickelten Themen.

Jahrelang sorgte der Fall Amanda Knox für einen Medienhype. 2007 soll die amerikanische Austauschstudentin mit ihrem damaligen Freund Raffaele Sollecito in Perugia ihre britische Mitbewohnerin Meredith Kercher brutal ermordet haben. Nachdem Knox und Sollecito 2009 in erster Instanz schuldig gesprochen und zu 26 Jahren Haft verurteilt wurden, hob 2011 das Berufungsgericht die Urteile auf.

Eineinhalb Jahre später verfügte das Oberste Gericht aber eine Neuaufnahme des Prozesses und Knox/Sollecito wurden Anfang 2014 wieder des Mordes für schuldig gesprochen. Gekippt wurde dieses Urteil aber wieder in letzter Instanz vom Obersten Kassationsgericht, das das Duo am 27. März 2015 freisprach.

Michael Winterbottom hat nicht nur die Namen der Beteiligten geändert, sondern auch die Handlung von Perugia nach Siena verlegt. Die Orientierung am realen Fall ist aber unübersehbar und wird im Nachspann durch die Widmung des Films an das Opfer Meredith Kercher unterstrichen. Die Tatsachen dienen dem britischen Regisseur aber nur als Ausgangspunkt. Wenn sein Film beginnt ist der Berufungsprozess schon in vollem Gange und nicht die am Prozess beteiligten Personen, sondern der Filmregisseur Thomas Lang (Daniel Brühl) steht im Mittelpunkt.

Mit seinen Augen blickt man auf den Prozess, vor allem aber auf den Medienhype und die Steuerung der Wahrnehmung durch die Berichterstattung. Nicht zu entscheiden ist hier bald nicht nur für Thomas, sondern auch für den Zuschauer, was Wahrheit und was mediale Inszenierung, einerseits durch die Vertreter der Presse, andererseits aber auch durch die Angeklagte ist, die je nach ihrem Auftreten das Bild, das von ihr in der Öffentlichkeit verbreitet wird, steuern kann.

Doch auch dieser Blick auf die mediale Inszenierung, die immer wieder und viel zu belehrend von den Beteiligten theoretisch diskutiert wird, ist im Grunde nur ein Nebenthema von "Die Augen des Engels". Im Zentrum steht vielmehr die persönliche Krise des Regisseurs Thomas, der unter der Trennung von Frau und Tochter Bea leidet. Schon mit der ersten – geträumten - Einstellung von einem an einem Sandstrand spazierenden Mädchen stimmt er auf diesen Aspekt ein, und bringt gleichzeitig noch mit Versen aus Dantes "Göttlicher Komödie" eine weitere Metaebene ins Spiel.

Kein Zufall ist es dabei sicher auch, dass die Tochter von Thomas wie Dantes Geliebte Beatrice heißt, denn Thomas will seinen Film über den Fall der ermordeten Studentin mit der "Göttlichen Komödie" verbinden und weniger von Mord als vielmehr von Liebe und Verlust erzählen. Dazu versucht Winterbottom Dantes Trauer über den Verlust Beatrices mit der Trauer der Eltern des Mordopfers und seinem eigen Schmerz über die Trennung von seiner Tochter zu verknüpfen.

Wie Dante in seinem Hauptwerk davon schreibt, dass er sich in der Mitte seines Lebens in einem dunklen Wald wiederfand, so verirrt sich aber auch Thomas und mit ihm Winterbottom in seiner Verstiegenheit und einer Geschichte, die immer wieder neue Richtungen einschlägt.

Denn bald beginnt Thomas eine Affäre mit einer britischen Journalistin (Kate Beckinsake), bald spürt er in seinen Recherchen im Mordfall dem Blogger Edoardo (Valerio Mastandrea) nach und fühlt sich schließlich zunehmend zur britischen Studentin Melanie (das britische Topmodel Cara Delevingne) hingezogen, mit der er dann auch zum Grab Dantes nach Ravenna fährt.

Nur mit seinem Drehbuch kommt er nicht weiter und wie sich Szenen aus dem imaginierten Film über den Mordfall in die Handlung mischen, so wird der ständig Kokain schnupfende Thomas auch zunehmend von Alpträumen verfolgt oder irrt durch ein nächtliches Siena, das in seiner unheimlichen Stimmung an das Venedig in Nicholas Roegs "Wenn die Gondeln Trauer tragen" erinnert.

Ambitioniert ist "Die Augen des Engels" zweifellos und anrechnen muss man Winterbottom, dass er sich nicht auf eine einfache Nachzeichnung der Ereignisse einließ, doch ist er letztlich wie sein Alter Ego Thomas am eigenen Anspruch gescheitert. Ursache könnte in diesem Fall freilich auch sein, dass sich der Brite zu wenig Zeit für seine Filme nimmt, eher zwei pro Jahr dreht als – wie die meisten Regisseure – höchstens einen alle zwei Jahre: Mit besserer Ausarbeitung des Stoffes und thematischer Reduktion hätte aus dem Stoff nämlich durchaus ein packender und vielschichtiger Film werden können, so aber ist "Die Augen des Engels" nur ein in seiner Fülle oberflächlicher und unausgegorener Schnellschuss.

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Trailer zu "Die Augen des Engels"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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