15. Februar 2011 - 3:56 / Walter Gasperi / Filmriss
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Ein Mann zwischen zwei Frauen, zwischen der Entscheidung für die Familie und eine plötzlich ausbrechende tiefe Liebe. – Uralt ist die Geschichte, die Stéphane Brizé in seinem vierten Spielfilm erzählt. "Nicht schon wieder", möchte man sagen, aber der Franzose zeigt, dass man so eine Geschichte auch ganz anders erzählen kann – und sein Film ist deshalb ein kleines Wunder.

Es gibt kaum eine ältere Geschichte, als die einer Dreiecksbeziehung. Speziell im Kino wurde diese Konstellation förmlich schon zu Tode erzählt und inszeniert. Immer wieder brachen da große Emotionen durch, wurde leidenschaftlich geliebt und auf der anderen Seite gelitten.

Zumindest an der Oberfläche gibt es nichts davon bei Brizés Verfilmung von Eric Holders Roman. Abgesehen von einer kurzen Szene am Ende gibt es hier nur einen Kuss, nur eine körperliche Berührung. Mehr als vom Ausbruch der Gefühle erzählt Brizé, dem schon mit "Man muss mich nicht lieben" ein stilles Meisterwerk gelang, von deren Unterdrückung, und die Inszenierung ist so zurückhaltend, sich so beherrschend wie die Figuren, die sich bis zum Ende mit "Sie" anreden.

Über ihren Beruf definiert der 1966 geborene Franzose seine Figuren. Jean (Vincent Lindon) sieht man zunächst bei seiner Arbeit als Maurer, seine Frau Anne-Marie (Aure Atika) in einer Druckerei. Schulbildung haben sie keine große erfahren, schwer tun sie sich ihrem Sohn Jéremy bei den Hausaufgaben - er soll Akkusativobjekte bestimmen - zu helfen, verstehen sie doch kaum die Angaben. Doch sie bemühen sich geduldig, investieren ihre Freizeit. Liebevoll, nie verächtlich und auch ohne sozialkritische Botschaft, ist der Blick Brizés auf diese Familie. Wenige Szenen reichen da, dass der Film mit seiner Konzentriertheit und seinem Zauber den Zuschauer gefangen hat.

In eine andere Welt blickt Jean, als er Jeremy in der Schule abholen soll, und die Vertretungslehrerin Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberain) verträumt auf einer imaginären Geige spiel8en sieht. So wie der Kamerablick ruhig und zurückhaltend war und es bleiben wird, so langsam, aber genau entwickelt Brizé auch nun die Geschichte, die einfacher nicht sein könnte und die so einfach und schnörkellos wie nur möglich inszeniert ist.

Das Eine ergibt hier das andere: Die Lehrerin bittet Jean als Ersatz für einen ausgefallenen Elternteil einen Vortrag über seinen Beruf zu halten. Jean stimmt zu, erzählt mit solcher Leidenschaft und Liebe, gleichzeitig aber auch mit größter Selbstverständlichkeit vom Hausbau, dass nicht nur die SchülerInnen interessiert fragen, sondern auch Mademoiselle Chambon von diesem einfachen Mann fasziniert ist.

Eine langsame Kamerafahrt auf Sandrine Kiberlains Gesicht reicht hier völlig aus, um ihre Emotionen sichtbar zu machen. Sie wird ihn wegen eines defekten Fensters in ihrer Wohnung um Hilfe bitten und er wird nach Zögern annehmen. Und nach getaner Arbeit wird er sie bitten, auf der Geige etwas vorzuspielen. Nicht weniger ergriffen als seinem Vortrag über den Hausbau wird er ihr nun zuhören. Innerlich angezogen ist er von dieser Frau, in deren Wohnung sich Bücher stapeln, Gemälde die Wände zieren.

Erst mit diesem Geigenspiel setzt Musik im Film ein. Über die Musik werden anschließend Jean, seine Familie und die Lehrerin verbunden, obwohl sie räumlich getrennt sind, wird so ein Beziehungsgeflecht aufgebaut, das das einzige Thema des Films ist. Zufällig wird man sich zunächst auf der Straße wieder sehen, bald wird Jean um ein paar CDs bitten, aber kein Glück stellt sich durch die neue Liebe ein.

Denn hin und her gerissen ist er nun zwischen seiner Frau, die zudem ein Kind erwartet, und Mademoiselle Chambon, nach der er sich sehnt. Ein innerer Druck baut sich dadurch im ansonsten ruhigen und gutmütigen Mann auf, der sich in wenigen Szenen großer Gereiztheit und Aggression entlädt. Und seine Frau spürt, dass etwas nicht stimmt, doch reden will Jean nicht und sie kann lange den Grund nicht entdecken.

Als Symbol fürs sichere Familienleben kann das auf einem soliden Fundament gebaute Haus, von dem Jean bei seinem Vortrag erzählt, gesehen werden, aber Brizé forciert solche Metaphern nicht. Denn auch das Fenster, das Jean für die Lehrerin einbaut, kann als Fenster in eine andere Welt gelesen werden, als Aufbruch und Eintauchen in das Neue, aber auch Unsichere.

Ganz leise, mehr über Blicke und Gesten als über Worte verhandelt Brizé so das Dilemma von sicherem Familienleben und großer – aber vielleicht bald erkaltender – Liebe, die unabhängig von sozialer Stellung ausbrechen kann. Nur an ganz wenigen Stellen wird Musik eingesetzt, zu sehr drückt er freilich im Finale mit säuselnden Geigen auf die Tränendrüse. Wie die Protagonisten immer beherrscht und zurückhaltend sind, ihre Gefühle nach außen unterdrücken, bleibt auch die Inszenierung ruhig, wagt kaum einen schnellen Schnitt, verharrt vielmehr in langen und distanzierten Einstellungen. Gerade aus diesem konsequent durchgehaltenen Widerspruch zwischen äußerer Beherrschung und innerem Gefühlsaufschwall entwickelt der Film seine emotionale Dichte.

Damit so ein ruhiger Film funktioniert, sind freilich auch herausragende Schauspieler nötig. Ganz vertrauen kann Brizé hier auf Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon, die in den 90er Jahren im realen Leben verheiratet waren. Phänomenal ist die Wandlung des Gesichtsausdrucks der "Giraffe" Kiberlain mit ihrem langen Hals, ihrem schmalen Gesicht, wenn Lindon ihr erklärt, dass seine Frau schwanger ist. Kein Wort muss gegen Ende fallen, wenn die Kamera die beiden nur vom Rücksitz des Auto von hinten erfasst, zuerst ihr, dann ihm langsam und vereinzelt Tränen herunter rinnen. Und am Rande, aber kaum weniger bewegend, gibt es als dritte Leidende Jeans Frau – ein eher kleiner Part ist das für Aure Atika, aber auch ihr spürt man in jeder Szene an, nicht nur, wie sehr sie und wie bedingungslos sie Jean liebt, sondern auch wie sehr sie die Wandlung ihres Mannes belastet.

Am Ende gibt es wieder das Bild des Hauses, gibt es vielleicht Sicherheit, aber die Welt bleibt auch ausgeschlossen, wird der Raum eingeengt, fällt der Blick durch ein Fenster mit Holzsprossen. - Die Ehe als ein Gefängnis, wenn auch ein mildes.

TaSKino Feldkirch im Feldkircher Kino Namenlos: bis Do 17.2.
FKC Dornbirn im Dornbirner Cinema 2000:

Trailer zu "Mademoiselle Chambon"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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