7. Januar 2008 - 3:23 / Walter Gasperi / Zoom

Neben Alfred Hitchcock gelang es wohl nur Stanley Kubrick und Martin Scoreses kommerziell erfolgreiche Filme zu drehen, die gleichzeitig auch radikal von den eigenen Obsessionen und Ängsten erzählen. Die Begierden, die der von einer puritanisch-katholischen Erziehung im viktorianischen England geprägte Hitchcock in der Realität nicht auszuleben wagte, machte er ebenso zum Thema seiner Filme wie die Schuldgefühle, die diese Begierden in ihm verursachten. Das Stadtkino Basel startet im Februar mit einer Retrospektive der Werke des "Master of Suspense".

MacGuffin: Was "Die 39 Stufen" (1935) sind, ist im Grunde ebenso unwichtig wie, welche Aktivitäten die Nazis in "Notorious" (1946) planen oder wer Cary Grant in "North by Northwest" (1959) in größte Schwierigkeiten bringt. – Spionageorganisationen interessieren Hitchcock nicht. Sie sind nur Katalysatoren oder in Hitchcocks eigener Ausdrucksweise "MacGuffins" um eine Geschichte in Gang zu bringen oder in Gang zu halten.

Filmische Innovation: Hitchcock war immer am einfallsreichen Einsatz filmischer Techniken interessiert, allerdings nicht zum selbstzweckhaften Spiel, sondern um die Spannung zu steigern. In "Suspicion" (1941) wird der Blick auf ein Milchglas gelenkt, das durch eine (selbstverständlich unsichtbare) Glühbirne zum Leuchten gebracht wurde. Klaustrophobische Atmosphäre sollte in "Rope" (1948) durch das Vermeiden jedes Schnitts und das Drehen in einer Einstellung erzeugt werden. Am Ende jeder Filmrolle ging die Kamera auf eine schwarze Truhe oder einen Mantel um dort ohne sichtbares Kennzeichen eines Schnitts wieder ansetzen zu können. In "Dial M for Murder" (1953) experimentierte Hitchcock mit 3 D und nutzte es wie nur wenige andere in der Mordszene dramaturgisch geschickt. In "Vertigo" (1958) wird mit Kameraranfahrt und gleichzeitigem Gegenzoom, das Schwindelgefühl, das James Stewart befällt, auf den Zuschauer übertragen und in "North by Northwest" (1959) ließ er die Gangster Cary Grant nicht wie im klassischen Kino an einer dunklen Ecke einer Großstadt angreifen, sondern am helllichten Tag auf einem offenen Feld.

Lügende Rückblende: Auch eine filmische Innovation, die zur Entstehungszeit Hitchcock aber nur Schelte einbrachte, ist die "Lügende Rückblende" in "Stage Fright" (1949). Nicht toleriert wurde zur Entstehungszeit des Films, dass sich das in einer Rückblende Erzählte im Nachhinein als Lüge herausstellt. – Heute ist die Unzuverlässigkeit des Erzählens ein Moment, aus dem Filme wie Bryan Singers "The Usual Suspects" (1995) oder M. Night Shyamalans "The Sixth Sense" (1999) gerade ihre Spannung und ihre über das Filmende hinausreichende Wirkung beziehen.

Sehenswürdigkeiten: Golden Gate Bridge – Coit Tower – Cable Cars - Big Basin Redwoods State Park – Mission San Juan Bautista – Man kann nicht an "Vertigo" (1958) denken ohne an San Francisco zu denken. Untrennbar verbunden mit der europäischsten aller amerikanischen Städte ist Hitchcocks Meisterwerk, aber mit Sehenswürdigkeiten arbeitet er auch in anderen Filmen. Das UNO-Hauptgebäude und Mount Rushmore – freilich beides im Studio nachgebaut – spielen zentrale Rollen in "North by Northwest" (1959), in "Saboteur" (1942) findet der Showdown auf der New Yorker Freiheitsstatue und in "The Man Who Knew Too Much" (1934 + Remake 1956) in der Londoner Royal Albert Hall statt. Windmühlen müssen für das Holland-Bild in "Foreign Correspondent" (1940) herhalten und schon die Verfolgungsjagd in "Blackmail" (1929) führte durch das und über die Kuppel des British Museums.

Schuldübertragung und Doppelstrategien: Parallelfiguren kennzeichnen mehrere Filme Hitchcocks. Dem scheinbar netten Onkel Charlie, in Wirklichkeit ein Witwenmörder, wird in "Shadow of a Doubt" (1942) seine ebenfalls Charlie genannte Lieblingsnichte gegenübergestellt und in der Patricia Highsmith-Verfilmung "Strangers on a Train" (1950) versucht Robert Walker Farley Granger zu überzeugen ihre Verbrechen auszutauschen und so die Schuld zu übertragen. Schuldübertragung findet sich aber auch in "I Confess" (1952), in dem ein Priester durch eine Beichte gewissermaßen die Schuld eines Mörders übernimmt, und in "The Wrong Man" (1956), in dem ein unbescholtener Durchschnittsbürger aufgrund seiner physiognomischen Ähnlichkeit anstelle eines gesuchten Bankräubers verhaftet wird.

Eros und Thanatos: Liebes- und Todesszenen liegen bei Hitchcock oft nahe beieinander beziehungsweise gehen ineinander über. In "Psycho" (1960) sind die dem Mord unter der Dusche vorangehenden Szenen sexuell konnotiert, ehe sie ins brutale Abschlachten kippen, wobei allerdings auch hier mit dem (scheinbaren) Eindringen des unübersehbar phallischen Messers in den Körper ein sexuelles Moment nicht fehlt. Die Sexualisierung der Gewalt findet sich auch beim Mord in "Dial M for Murder" (1953), beim Angriff der Möwen auf Tippi Hedren in "The Birds" (1962) oder in diversen Würgeszenen, die nahe bei Kussszenen liegen ("Notorious", 1946; "Frenzy", 1971). In "Suspicion" (1941) wiederum kippt die Zuschauereinschätzung durch Veränderung der Perspektive ins Gegenteil: Was in der Totale wie ein Kampf auf Leben und Tod aussieht, erweist sich in der Nahaufnahme als harmloses Liebeswerben. Auffallend oft stellt Hitchcock auch einen Zusammenhang von Essen, Sex und Tod her. Essen erscheint dabei teils als Vorspiel zum Kuss beziehungsweise der Kuss als Ersatz für das Essen. Andererseits ist im genüsslichen Schlecken eines Eises in "Strangers on a Train" (1950) auch eine Verführungsgeste zu sehen, die schließlich im "Tunnel of Love" eines Vergnügungsparks in einen Mord mündet.

Rezeption: Neben Mel Brooks direkter Hommage an und Parodie auf Hitchcock-Filme "High Anxiety" (1977) und dem vielfältigen Spiel mit Hitchcock-Motiven in den Filmen Brian de Palmas, wird auch im aktuellen Kino ständig auf Hitchcock-Filme Bezug genommen. Atom Egoyan spielt in "Felcias Journey" (1999) unübersehbar mit "Suspicion" (1941), Woody Allen kopiert in "Scoop" (2006) die Weinkellerszene aus "Notorious" (1946) und auch der Brasilianer Jorge Furtado ließ sich bei "The Man Who Copied" (2003) ebenso wie David Mackenzie bei "Hallam Foe (2006) von "Rear Window" (1954) (Mackenzie auch von "Vertigo", 1958) inspirieren. – Einige wenige Beispiele, die nur die Spitze des Eisberges sind.

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