Zwischen Faszination und Schrecken – die Welt ohne uns

Die Ausstellung „The World Without Us“ im Lentos Kunstmuseum Linz präsentiert eine Kosmologie jenseits des Anthropozäns und richtet den Blick auf ein Universum, das außerhalb menschlicher Maßstäbe existiert.

Kuratiert von Markus Proschek und Hemma Schmutz folgt sie vier Leitmotiven, in denen zeitgenössische Kunst, historische Werke sowie naturhistorische Artefakte gleichwertig nebeneinanderstehen. Aus deren Nachbarschaften, Gegenüberstellungen und Brüchen entsteht ein dichtes Bedeutungsgeflecht.

Die Ausstellung beginnt im Anthropozän. Den Auftakt des ersten Leitmotivs bildet die achtminütige VR-Arbeit „GOTO 10” von „Darum” (Victoria Halper und Kai Krösche), die eine verlassene digitale Welt erkundet. Dabei werden Fragen aufgeworfen: Was bleibt von uns? Wie fühlt sich eine Zukunft an, in der selbst virtuelle Räume sterben? Diese Fragen nach Speicherung und Bewahrung werden in den Arbeiten von Christian Kosmas Mayer zur Praxis der Zeitkapsel aufgegriffen. Ihnen gegenüber stehen fossile Baumstämme aus Madagaskar, die als Zeugnisse geologischer Tiefenzeit menschliche Ordnungssysteme relativieren. Anna Jermolaewas Video „Chernobyl Safari“ richtet den Blick auf die nach der Nuklearkatastrophe von 1986 eingerichtete Sperrzone und dokumentiert eine Landschaft, die sich menschlicher Kontrolle entzieht und zur Akteurin eines Post-Anthropozäns wird. Philip Topolovac ergänzt ein Objekt urbaner Archäologie: Ein durch extreme Hitze verformtes Relikt aus einem Bombardement des Zweiten Weltkriegs wird als geologisches Fragment inszeniert und verweist auf die Gewaltgeschichte des Anthropozäns.

Der zweite Abschnitt führt in Zeiträume, die menschliche Maßstäbe übersteigen. Der im 18. Jahrhundert geprägte Begriff der „Deep Time” beschreibt Zeiträume von Milliarden Jahren, in denen das menschliche Dasein kaum mehr als ein Augenblick ist. Die Überlagerung von Zeitlichkeiten wird in Nicolás Lamas’ marmorner Säule „The Agony of the Past” sichtbar: Zwischen zwei Marmorblöcken, die Millionen Jahre Geschichte in sich tragen, ist ein Buch als Artefakt menschlicher Geschichtsschreibung eingeklemmt. Ein Stromatolith – eine der frühesten Lebensformen der Erde – erweitert den Maßstab der Tiefenzeit. Als Produzent von Sauerstoff bildet er die Voraussetzung für alles komplexe Leben. Angelika Loderers skulpturale Sandstelen verweisen auf Prozesse und Übergänge zwischen Ephemerem und Solidem. Zentral im Raum durchdringt Nika Neelovas Wandarbeit „Beghost” die Architektur: Konstruierte Rosenstängel, die unter anderem aus fossilen Haifischzähnen geformt sind, wirken wie ein Gewächs, das sich den Raum zurückerobert.

Eine Grafik von Alfred Kubin vertieft die melancholische Grundstimmung der Ausstellung. In Martin Dammanns Videoarbeit „12.755.000.000 Days” erscheinen Fossilien ausgestorbener Säugetiere wie Asteroiden im Raum.

Mit der Aufklärung begann eine Loslösung vom geozentrischen Weltbild; damit einher ging eine erste „narzisstische Kränkung“ des Menschen. Die historische Arbeit „Sternwarte” von Klemens Brosch zeugt von der frühen Faszination für das Weltall zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, in der kosmische Vorstellungen noch weitgehend spekulativ waren. Auch Albrecht Dürers „Melencolia I” verbindet Schwermut mit einem frühen künstlerischen Nachdenken über das Unbekannte und zeigt eine der ersten realistischen Darstellungen eines Meteoriten in der Kunstgeschichte.

Diese Verschiebung des Blicks setzt sich in zeitgenössischen Arbeiten fort: Katharina Sieverdings Werk „Die Sonne um Mitternacht schauen” zeigt eine aus Tausenden NASA-Aufnahmen zusammengesetzte Oberfläche der Sonne, die die Erhabenheit des unfassbaren Universums erfahrbar macht. Demgegenüber steht eine historische Shiva-Nataraja-Figur, die die kosmischen Zyklen von Schöpfung und Zerstörung verkörpert. Gemälde von Michał Zawada zitieren die klassische Landschaftsmalerei, überraschen jedoch durch surreale Eingriffe wie Kometen oder körperliche Fragmente. Meteoritenabgüsse – darunter ein Fragment des ersten dokumentierten Meteoritenfalls – verankern diesen Abschnitt zwischen mythologischen Deutungen und materieller Evidenz.

Das letzte Kapitel von „The World Without Us“ widmet sich der Angst vor dem Unbekannten. Ausgangspunkt ist der von H. P. Lovecraft geprägte Begriff des „Cosmic Horror“: ein Gefühl zwischen Faszination und Schrecken, das aus der Erkenntnis entsteht, dass das Universum unabhängig vom Menschen besteht und der eigene Standpunkt darin verschwindend gering ist.

Arbeiten, die sich mit außerirdischer Kommunikation, hybriden Lebensformen und fremden Körperlichkeiten befassen, kreisen um die Frage, wie das Nicht-Menschliche imaginiert wird. Mark Fridvalszkis Arbeit zur Voyager-Mission greift die naive Hoffnung auf, dass menschliche Zeichensysteme universell lesbar seien. Chin Tsaos keramische Objekte bewegen sich zwischen Anziehung und Abstoßung. H. R. Gigers ikonischer „Xenomorph” steht für das hybride Wesen des Außerirdischen: halb Maschine, halb Organismus, parasitär und unkontrollierbar. Eine politische Dimension tritt in Sophia Gatzkans „Body-Horror“-Ästhetik hervor, während Natalia Domínguez Rangel mit gläsernen, membranartigen Strukturen und Klangaufnahmen aus der Tiefsee und dem Körperinneren Wahrnehmungsräume jenseits menschlicher Erfahrung eröffnet. Den Abschluss bildet eine raumgreifende Arbeit von Philip Topolovac: eine parasitäre Struktur, die sich wie eine fremde Schwarmintelligenz ausbreitet – ein inhaltlicher Zirkelschluss zurück zur verlassenen digitalen Welt am Beginn der Ausstellung.

Die Ausstellung ist eine Einladung, den Blick zu verschieben: weg vom Menschen als Maß aller Dinge, hin zu einer Welt, deren Dimensionen unser Vorstellungsvermögen übersteigen – und die dennoch real ist.

Mit Klemens Brosch, Martin Dammann, "Darum" (Victoria Halper und Kai Krösche), Albrecht Dürer, Mark Fridvalszki, Sophia Gatzkan, H. R. Giger, Anna Jermolaewa, Alfred Kubin, Nicolás Lamas, Angelika Loderer, Christian Kosmas Mayer, Nika Neelova, Markus Proschek, Natalia Domínguez Rangel, Katharina Sieverding, Philip Topolovac, Chin Tsao, Martin Walde und Michał Zawada.

„The World Without Us“
bis 10.05.26