13. Oktober 2011 - 7:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Mit "Ritt zum Ox-Bow - The Ox-Bow Incident" und "Herrin der toten Stadt - Yellow Sky" hat Koch-Media wieder zwei klassische Western auf DVD und Blu-Ray herausgebracht. Mögen beide Filme aber auch im amerikanischen Westen der 1870er und 1880er Jahre spielen, so kreisen sie doch um zeitlose und universelle Fragen wie Gerechtigkeit, Selbstjustiz und menschliche Gier.

Mit fast identen Szenen beginnen und enden "Ritt zum Ox-Bow" und "Herrin der toten Stadt". In beiden kommen am Beginn Cowboys in eine Kleinstadt und beide werden am Ende diese Szene wieder aufnehmen. Gerahmt wird damit eine Handlung, in "Herrin der toten Stadt" aber auch eine Entwicklung zum Abschluss gebracht.

In "Ritt zum Ox-Bow" werden die beiden Cowboys Gil (Henry Fonda) und Art (Harry Morgan) in die Jagd auf die Mörder eines Ranchers verwickelt. In Abwesenheit des Sheriffs vereidigt der Hilfssheriff an die 30 Leute, die das Recht selbst in die Hand nehmen wollen. Nach kurzem Ritt stellt der Mob einen jungen Familienvater, einen alten Mann und einen Mexikaner (Anthony Quinn).

Unschuldsbekundungen nützen wenig angesichts der Tatsache, dass das Trio auch noch Vieh des vermeintlich Ermordeten bei sich hat, aber keine Kaufbestätigung vorweisen kann.

Auch will man die Verdächtigen nicht vor Gericht bringen, das sowieso zu langsam reagiere und die Täter dann doch wieder frei lasse, sondern kurzen Prozess machen. Einige, darunter auch Gil und Art stimmen gegen eine sofortige Hinrichtung, doch die Mehrheit ist dafür. Kurzerhand werden die drei Männer aufgehängt, doch der Mob muss auf dem Rückweg erfahren, dass der Rancher überhaupt nicht ermordet wurde. Betroffen kehrt man in die Stadt zurück.

Alles andere als ein heroisches Bild vom Westen zeichnet William A. Wellman in dem 1943 gedrehten "Ritt zum Ox-Bow". Das mit vielen Grautönen arbeitende Schwarzweiß vermittelt die Tristesse der kleinen Westernstadt, auch die unrasierten Protagonisten sind alles andere als Helden, stellen sich zwar auf die richtige Seite, gebieten dem mörderischen Treiben aber keinen Einhalt.

Keine großen Landschaftsszenen gibt es hier und, dass im Studio gedreht wurde, merkt man dem Film auch an. Wellman verzichtet konsequent auf Schauwerte und auf Action, entwickelt dafür eine dialoglastige, aber dichte Auseinandersetzung mit Lynchjustiz und dem auch in Amerika schlummernden Faschismus. Eindringlich zeigt er, wie sich Einzelne von ein paar Rädelsführern mitreißen lassen oder teilnahmslos zusehen. Zeitlos und universell ist dieser Film, kam aber in den USA beim Publikum überhaupt nicht an, da er gerade während des Zweiten Weltkriegs in die Kinos kam.

Heruntergekommen sind auch die Protagonisten des 1948 gedrehten "Herrin der toten Stadt – Yellow Sky". Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg haben diese acht Männer wohl nicht mehr richtig Fuß gefasst. Nichts Böses vermutet man zunächst, wenn sie in die Stadt reiten, im Saloon ein paar Whiskys kippen und sich nach dem Sheriff erkundigen. Doch schon überfallen sie die Bank, flüchten und sehen sich bald von der Kavallerie verfolgt. Diese Verfolger im Rücken steht nur die Flucht durch 70 Meilen Salzwüste offen.

Fast wortlos und ohne Musik schildert Wellman rund 15 Minuten lang diesen Marsch. Gerade in der gelassenen Erzählweise vermittelt er eindringlich die sengende Hitze, die Trockenheit und die Strapazen, wenn die Pferde immer wieder im Salz einbrechen. Hier zeigt sich Wellmans Meisterschaft in der Beschwörung von natürlichen Hindernissen und deren Überwindung, die auch im Mittelpunkt seines Frauen-Western "Westward the Women" steht.

Aussichtslos scheint schon die Lage der Gangster, da erreichen sie doch noch eine Stadt – allerdings eine Geisterstadt. Ein Schild: "Fastest Growing Town in the Territory" kündet noch von einstigen Hoffnungen und Glauben an den Boom, nun gibt es nur noch verfallene Hütten.

Eine junge Frau (Anne Baxter), die hier mit ihrem Großvater lebt, weist diesen verdreckten Kerlen, deren Gestank man förmlich riechen kann den Weg zu einer Quelle. Dort wollen sie sich ein paar Tage erholen und man spürt, welche Erlösung es für sie bedeutet, wenn sie sich ins Wasser stürzen.

Bald schöpfen die Gangster freilich Verdacht, vermuten dass Frau und Alter Gold entdeckt haben und die Gier wächst: bei den einen nach der Frau, bei den anderen nach dem Gold…

Doch bald ist man sich in der Bande nicht mehr einig. Das Animalische bricht hier im Menschen durch, wenn sie im Kampf um die Frau wie Tiere übereinander herfallen. Im Anführer Stretch (Gregory Peck) wächst aber offensichtlich das Verlangen nach einem bürgerlichen Leben und er befreit sich mit dem Bad in der Quelle und der Rasur förmlich auch vom inneren Dreck und stellt sich auf die Seite der Frau und des Opas…

Großartig ist das fotografiert, fantastisches Open-Air-Kino im quasi geschlossenen Raum der Geisterstadt und sich auf die Gangsterbande und Frau und Opa beschränkend. Nichts lenkt hier vom Wesentlichen ab, in dieser Engführung von Raum und Handlung entwickelt „Herrin der toten Stadt“ Konzentriertheit und Dichte.

Das ist freilich auch Gregory Peck und Richard Widmark zu verdanken, mit denen zwei starke Antagonisten aufeinanderprallen. Eindringlich erzählt Wellman so, ähnlich wie John Hustons fast gleichzeitig entstandener "The Treasure of the Sierra Madre", über die konkrete Geschichte hinaus von der zerstörerischen Kraft der Gier, aber auch von Redlichkeit. Da kann man dann das Happy-End zwar als aufgesetzt kritisieren, in der Handlungsführung des Films, der von einer Läuterung erzählt, ist es aber durchaus logisch.

An Extras bietet "Ritt zum Ox-Bow" einen Audiokommentar sowie eine 45-minütige Dokumentation über Henry Fonda, "Herrin der toten Stadt" neben Fotos zum Geschehen hinter den Kulissen sowie Postern als Kuriosum eine halbstündige englische Hörspielfassung des Films. Beide Filme verfügen über die englische und die deutsch synchronisierte Sprachfassung, Untertitel gibt es allerdings nur englische.



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Ritt zum Ox-Bow (William A. Wellman, 1943)
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Ritt zum Ox-Bow (William A. Wellman, 1943)
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Herrin der toten Stadt (William A. Wellman, 1948)
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Herrin der toten Stadt (William A. Wellman, 1943)