Zwei begeisternde Chor-Orchester-Ereignisse in Vorarlberg

4. März 2026 Martina Pfeifer Steiner —
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Dichte Packung mit zwei völlig unterschiedlichen Meisterwerken für Chor und Orchester in der Region. Doch was die Bach´sche Matthäus-Passion des Rheintaler Bach-Chors und Honeggers Symphonischer Psalm „König David“ der Chorakademie Vorarlberg gemeinsam haben – beide waren große, hochkarätige Konzerterlebnisse. Beeindruckend, dass es hier dermaßen viele (Laien-)ChorsängerInnen gibt, die solchen Mammutstücken gewachsen sind, und gut, dass bei dem einen das Vorarlberger Barockorchester Concerto Stella Matutina und für das andere Werk die Sinfonietta Vorarlberg spielten. Denn es gab plötzlich eine folgenschwere Terminkollision. Und zwar wegen Markus Landerer, der als Domkapellmeister zu St. Stephan bei der Weihe Josef Grünwidls zum neuen Erzbischof von Wien natürlich unabkömmlich war.

Seit 2008 musikalischer Leiter der Chorakademie Vorarlberg, führt er Anfang jeden Jahres mit den engagierten Sängerinnen und Sängern aus dem Vierländereck außergewöhnliche Werke der Chorliteratur auf, diesmal mit „Le Roi David“ ein monumentales Meisterstück aus dem 20. Jahrhundert des schweizerisch-französischen Komponisten Arthur Honegger. Zur Einstimmung gab es „Gott ist mein Hirt, mir wird nichts mangeln“ von Franz Schubert mit Frauenchor und Klavierbegleitung. Dann nimmt Landerer das Mikrofon zur Hand und vermittelt die Vielschichtigkeit des folgenden Symphonischen Psalms voller Dramatik und Emotionen über eine Lebensgeschichte, bei der es gar nicht so sehr um den strahlenden König gehe, sondern um die menschlichen Facetten des Siegens und des Scheiterns, um Liebe und Trauer. 

Markus Landerer wählt für den Feldkircher Dom zum fast sechzig-köpfigen Chor das kleine Instrumentalensemble der Urfassung aus 1921, mit Holz- und Blechbläsern, Schlagwerk, einem Kontrabass, Klavier (siehe auch Schubert Psalm) und Celesta, deren Töne aus dem E-Piano erklingen. Es sei Filmmusik ohne Film (der spielt sich allemal im Kopf ab), abwechslungsreich, ungewöhnlich und vielgestaltig, man könnte sogar sagen – unterhaltsam. Honegger wollte eine „für die große Masse der Hörer verständliche Musik schreiben“, und wie er sagte, „die doch vom Banalen so weit frei wäre, dass sie auch noch die wirklichen Musikfreunde zu fesseln vermöchte“. 

Dramaturgisch höchst spannend in kurzen Stücken aufgebaut, mit Erzähler, Arien, lyrischen Psalmenvertonungen und teils heftigen Chorpassagen, wird David als Hirte, Hauptmann und Heerführer geschildert, dann das Siegesfest und am Ende seiner Läuterung, David als König und Prophet. Was für erstaunliche, kontrast- und bildreiche Musik hat Honegger komponiert! Und wie vortrefflich und mitreißend vermag Landerer Chor und Orchester zum Klingen bringen. 

Packend erzählt der Schauspieler Elias Reichert aus Zürich die Geschichte von der Kanzel herab; zum Melodram der Beschwörung der Hexe von Endor verschwindet die Mezzosopranistin Veronika Dünser – die Feldkircherin hat vom Ländle aus ihre Karriere gestartet – in der Dunkelheit des Doms, wie eindrücklich und gruselig; das schreckliche Schicksal zum Tod Absalons, Davids Lieblingssohn, rührt mit Sopransolo – Simona Eisinger – und Frauenchor zu Tränen; unheilschwanger dargebracht der Psalm „Fürchte dich nicht und hoff auf ihn“ vom Tenor Gernot Heinrich. Der bestens eingestimmte, theatralisch agierende Chor ist Handlungsträger und genießt offensichtlich die unterschiedlichen Rollen und Färbungen: als bedächtige Pilger, im vollen Sound des Siegesgesangs, betroffen über die Strafen Gottes und schließlich tief berührend zu Davids Tod. Standing Ovations im Feldkircher Dom. 

Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach

An denselben zwei Tagen wurde in Götzis und Altstätten (Schweiz) die Matthäus-Passion vom Rheintaler Bach-Chor unter der Leitung von Alexander Seidel – Countertenor, Organist und einer der meistbeschäftigten Chordirigenten der Schweiz – aufgeführt, mit dem als Doppelorchester besetzten Concerto Stella Matutina. Der Chor hat sich zum zehn-jährigen Bestehen „den Mount Everest“ der Bach´schen Werke mit all den Herausforderungen – sängerisch, intellektuell und vor allem finanziell – an die Grenzen des Machbaren gewagt: 88 Sängerinnen und Sänger, sieben SolistInnen und vor allem das auf vierzig MusikerInnen aufgestockte Originalklangorchester. 

J. S. Bachs Matthäus-Passion übertrifft in ihren Dimensionen alle seiner Werke, ein Opus summum, ein dramatisches Passions-Oratorium von tiefer Religiosität, Eindringlichkeit und Intensität (siehe auch Artikel kultur online: Currentzis bei den Salzburger Festspielen). Doppel-Chor und -Orchester sind bestimmungsgemäß – 1727 auf gegenüberliegenden Emporen der Leipziger Thomaskirche – und fast bühnensprengend aufgestellt. Sogar zwei Continuo-Orgeln sind vorgesehen. Dass Alexander Seidel auch die Laute – ursprünglich gar nicht, und später nur für die Arie „Komm, süßes Kreuz“ im Einsatz – doppelt besetzt, ist fraglicher Luxus – … sie würden die Harmonien im Continuo farbig mitgestalten. Etwas irritierend zudem, das Ausfüllen der andachtsvollen Pausen in den Chorälen mit Orgelverzierungen.

Ein Jahr lang intensive Probenarbeit mit dem Chor – und das Ergebnis ist voller Klang, schöne Stimmungswechsel und eine innige Darbietung, Sängerinnen und Sänger haben eindrucksvoll ihr Bestes gegeben. Der Bericht vom Leiden und Sterben Jesu Christi im Evangelium nach Matthäus obliegt dem Evangelisten. Daniel Johannsen, einer der meistgefragten Bachinterpreten (er war auch für König David vorgesehen und hat sich glücklicherweise entschieden), ist einfach nur großartig. Mitreißend, dramatisch, in feinsten Nuancen geht er in Dialog mit Jesus – sehr präsent, der international bekannte Bariton Daniel Ochoa – und wendet sich Judas oder Pilatus zu, deren Einwürfe dramaturgisch gut gesetzt von der Galerie – sehr eindrücklich, der Bass Clemens Morgenthaler – kommen. Auch die Arien sind hochkarätig interpretiert: mit der Bregenzer Sopranistin Miriam Feuersinger, Altistin Martina Gmeinder, dem Tenor Nik Kevin Koch und Konstantin Wolff, Bass.

Dass die zeitgleichen großen Projekte mit Chor und Orchester die regionalen Ressourcen wohl ausschöpften, ist das eine, aber dass die jeweils zwei Aufführungen ausverkauft waren und das Publikum begeisterten, das andere.

 Le Roi David | Arthur Honegger
Chorakademie Vorarlberg
Sinfonietta Vorarlberg
Leitung: Markus Landerer
Simona Eisinger, Sopran
Veronika Dünser, Mezzosopran
Gernot Heinrich, Tenor
Elias Reichert, Sprecher

Matthäus-Passion | J. S. Bach
Rheintaler Bach-Chor
Concerto Stella Matutina
Leitung: Alexander Seidel
Tenor: Daniel Johannsen, Evangelist
Bariton: Daniel Ochoa, Jesus                     
Sopran: Miriam Feuersinger                      
Alt: Martina Gmeinder                                   
Bass: Clemens Morgenthaler, Judas, Pilatus                    
Tenor: Nik Kevin Koch                      
Bass: Konstantin Wolff