15. Oktober 2005 - 8:01 / Bernhard Sandbichler / Erratum
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Das Land Tirol möchte die Wasserkraft der Region nun doch je eher, desto lieber ganz aus der Hand geben. Das chemische Gebräu aus Wasser- und Sauerstoff mit Mineralverunreinigung soll insgesamt renaturisiert werden. Tirol wird Natura 05 Gebiet.

Die Quellen tuscheln es den Bächen ins Gesäuse und Gerausche, die Bäche flüstern es den Flüssen in die Wirbel und Schnellen, die Flüsse raunen es den Strömen in die Schleifen und Soge, die Ströme nuscheln es den Meeren dieser Welt in die Busen und ins Brackwasser der Lagunen, Haffe und Bodden. Die Botschaft ist angekommen: Tirol will sein Wasser abgeben!

Es ginge gar nicht darum, dass das Hochwasser im August des Kalenderjahres wieder so unnötig verheerend auftrat. Obwohl es schon ärgerlich war, weil wieder einmal das Land unschuldig zum Handkuss kam. Es hagelte medienkritisch (»Man hat zu wenig verbaut« respektive »Man hat zu viel reguliert«) und polterte volksmündig (»Man wird denen da droben das Wasser abdrehen«). Es genüge, so das Land nach einer Besinnungsphase, dass der Mensch, und also auch der Tiroler respektive die Tirolerin, überwiegend aus Wasser bestehe. Da brauche man zu diesen wässrigen Landbewohnern nicht noch zusätzliche Wasserkraft.

Bei Abbau und Deregulierung soll es nicht zu einem unkontrollierten Kapitalfluss kommen, sondern zu einem (freilich ebenso unkontrollierbaren) Rückfluss des Wassers in den Schoß der Natur, der es gebar. Mit solcher Art Flüssigmachen ist die landeseigene Tiroler Wasserkraft Aktiengesellschaft (TIWAG) betraut, die im Zuge dieser Selbstauflösung folgende Aktionen synergetisch durchführen soll: Kraftwerksturbinen und Staumauern werden via Ebay versteigert. Die Erlöse und das bestehende Stammkapital fließen in den Bau einer gigantischen Arche, die im entleerten Finstertaler Speicher ihres Einsatzes harren soll. Konstrukteur der Arche wird die Holz Box Tirol sein.

Der seit Jahren forcierte Transittunnel soll zu einem überdimensionalen Abflussrohr umfunktioniert werden, um vorzeitigen Überschwemmungen vorzubeugen. Für die bizarre Aluminium-Architektonik des Unternehmens sorgt Zaha Hadid. Diese beiden Aktionen werden den TirolerInnen in einer breit orchestrierten Medienkampagne kommuniziert, damit das Verständnis für den Aufbau des Abbaus auch vom Volk mitgetragen wird. Kommunikationsbeauftragter ist die Westschweizer Medienagentur Jean-Jacques Rousseau.

Könnte sein, dass diese Rückführung von Kultur- in Naturlandschaft bloß ein Sturm im Wasserglas ist? Oder irre ich?

Und wenn schon! »Errare humanum est«, sagt Vater Hieronymus
(Epistulae 27,12), und wir sind schließlich alle bloß Menschen.

Quellen: Angerle/Hötting – Igls – Mühlau – Mühltal/Aldrans



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