Mo, 26.11.2018 / Kurt Bracharz / Znort
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Der Tarnkappenbomber B-2 ist mit 2,1 Milliarden Dollar pro Flugzeug die teuerste Waffe der amerikanischen Air Force. 21 Stück davon wurden Ende der 1980er Jahre ursprünglich für den Fall eines atomaren Erstschlags gegen Russland gebaut. Sie sollten dank ihrer Nur-Flügel-Bauweise für die Luftabwehr kaum wahrnehmbar sein und dieselbe Bombenlast wie der berühmte B-52 tragen können. Am 19. Jänner 2017, wenige Sekunden nach Null Uhr, griffen zwei B-2-Bomber zwei etwa 15 km voneinander entfernte Lager des IS in der libyschen Wüste an, etwa 50 km südlich der Stadt Sirte.

Die zuvor monatelang von Air-Force-Drohnen gründlich ausgespähten Lager waren primitiv angelegt, lumpige Unterstände mit ummauerter Erde als Höfe; die etwa hundert IS-Kämpfer schliefen nachts in ihren Kleidern in Decken gehüllt im Freien unter Büschen und Bäumen. Die Drohnenüberwachung ermöglichte einen vollständigen Plan der Bewegungsmuster der einzelnen Kämpfer, der von der Air Force möglicherweise ohne Zynismus als "Lebensmuster" bezeichnet wird. Es gab weit und breit im failed state Libyen keine Flugabwehrwaffen, auch nicht welche gegen harmlosere Gegner als amerikanische Stealth-Bomber. Die beiden B-2 mit ihren je zwei Mann Besatzung (links der Pilot, rechts der Kommandeur der militärischen Mission) warfen ihre je 250 kg schweren, GPS-gesteuerten Bomben ab, eine pro IS-Kämpfer. Diese Bomben explodieren unmittelbar über den Bombardierten und töten sie eher durch Überdruck als durch Zerfetzen. "Das bei der Explosion entstehende Vakuum saugt die Luft aus der Lunge, während die Schockwelle Knochen zermalmt und die inneren Organe jedes Menschen im Umkreis von 50 Metern zerreißt oder zerschmilzt. Auf diese Weise starben die meisten der IS-Kämpfer: Hilflos krallten sie sich an die Erde, während ihre Eingeweide zu Brei gestampft wurden und eine Explosion nach der anderen die Nacht zerfetzte. Für die wenigen Überlebenden dauerte die Qual nur länger. Kaum hatte sich der Staub gesetzt, kehrten die Reaper-Drohnen zurück und suchten nach ,Spritzern’. Ihre Piloten verfolgten in Echtzeit, wie einzelne Gestalten in Panik um ihr Leben rannten. Mit ihren Hellfire-Raketen schnappten sie jeden, der sich davon machen wollte." Die "Piloten" der raketenbestückten Drohnen sitzen in den USA und verfolgen ihre lebenden Ziele auf Bildschirmen. "Spritzer" oder im Original "Squirters" sind im Air-Force-Jargon die bei einem Angriff auseinander "spritzenden", also in alle Richtungen flüchtenden Feinde. Das Zitat stammt aus der deutschen Übersetzung eines ursprünglich in dem amerikanischen Magazin "The Atlantic Monthly" erschienenen Reports von William Langewiesche, einem ehemaligen Piloten , der seit 2006 hauptsächlich als Reporter für "Vanity Fair" arbeitet. Die Übersetzung von Herwig Engelmann mit dem Titel "Der Überfall" ist in der derzeit in den Verkaufstellen liegenden Ausgabe von "Lettre International" Nr. 122 abgedruckt. Der Autor Langewiesche nennt auch die Verantwortlichen vom Marinecorps-General Thomas D. Waldhauser, der die Idee hatte, bis zum Präsidenten Obama, der sie letztlich absegnete (allerdings wohl nur allgemein als Bombenangriff, die Air Force hätte nämlich noch zwei andere dafür geeignete Bombertypen zur Verfügung gehabt). Langewiesche hat seine Vermutungen, wie es zur Wahl des B-2 kam: "Ahnungslose mit Schießprügeln in der Wüste eines nicht mehr existierenden Staates zu bombardieren, hat kaum etwas mit einem Angriff auf einen modern ausgerüsteten militärischen Gegner gemein. Vielleicht sprachen aber gerade die hohen Kosten der Mission aus verwalterischer, wenn schon nicht aus militärischer Sicht für den B-2er. Wer sein Budget nicht aufbraucht, muss im nächsten Jahr vielleicht mit weniger auskommen. Oder die B-2-Besatzungen mussten endlich wieder einmal etwas zu tun bekommen. Von der Air Force erfährt man dazu nur, dass der B-2 im Wege der üblichen Entscheidungsfindung als die geeignete Plattform erkannt wurde." Langewiesche schildert auch diesen Weg der "üblichen Entscheidungsfindung" und nennt sonst noch viele Details, die diesen fast unglaublichen Vorfall – eine immer noch futuristisch wirkende Waffe wird zur gezielten Vernichtung von einhundert Wehrlosen auf einem anderen Kontinent eingesetzt – klarer vorstellbar macht. Ja, es waren IS-Terroristen, die nicht unter das Kriegsrecht fallen, aber so etwas hätte unter einem Friedensnobelpreisträger als oberstem Kriegsherrn nicht passieren sollen. Unter Trump würde es niemanden wundern, man kann nur hoffen, dass er nicht weiß, was er alles im Arsenal hat.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)