8. September 2020 - 0:01 / Ausstellung / Bildhauerei 
5. September 2020 15. November 2020

Das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen widmet dem Schweizer Bildhauer Hans Josephsohn (1920–2012) anlässlich seines 100. Geburtstags eine Einzelausstellung. Unter dem Titel "Schauen ist das Wichtigste" werden Werke von den 1950er bis in die 2000er Jahre gezeigt.

Hans Josephsohn gehört zu den herausragenden europäischen Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1920 in Königsberg in eine jüdischen Familie geboren. Als Reaktion auf das erstarkende dritte Reich reiste Josephsohn 1938 zum Studium nach Florenz. Vor dort aus zog er weiter in die Schweiz, wo er von 1939 bis zu seinem Tod im Jahr 2012 in Zürich lebte. Seine stetige künstlerische Suche nach Erkenntnissen zum menschlichen Wesen führte zur Bezeichnung seiner Werke als existentielle Plastiken. Josephsohn arbeitete fast ausschliesslich mit Gips und liess seine Plastiken im Anschluss zumeist in Messing giessen. Die Verwendung des damals etwas verpönten Werkstoffs Gips ermöglichte ein prozessbezogenes, variables Arbeiten, bei dem sowohl Ergänzung als auch Abtragung des Materials möglich war. Der Guss in Messing schloss das dynamische Schaffen jeweils ab und bildet eine Art verfestigten Endzustand. Im Laufe seiner Künstlerkarriere löste er sich zunehmend vom Abbildungscharakter des Motivs. Die zumeist klar figurativen Werke früher Schaffensphasen wichen einer zunehmenden Reduktion und Fragmentierung. Die aktuelle Schaffhauser Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Kesselhaus Josephsohn und zeigt Werke aus nahezu allen Schaffensphasen.

Werke von den 1950er bis in die 2000er Jahre

Ein Flachrelief aus dem Jahr 1952 bildet den chronologischen Ausgangspunkt der Ausstellung. Das früheste Werk der Ausstellung ist zugleich auch das einzige, bei dem die Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur motivisch nicht im Vordergrund zu stehen scheint. Dennoch sind die dargestellten Formen bei näherer Betrachtung teilweise als reduzierte Formen menschlicher Silhouetten zu erkennen. Zwei plastische Reliefs von 1972 und 1995 zeigen Josephsohns Entwicklungsprozess im Umgang mit Reliefs. Es wird deutlich, wie er ab den 1960er Jahren Reliefs nutzte, um Situationen plastisch darzustellen. Die gezeigte überlebensgrosse Figur eines Arbeiters ist eines der wenigen männlichen Motive im Werk von Hans Josephsohn. Vorlage war ein Arbeiter, der regelmässig Josephsohns Atelier passierte. Fasziniert von dessen Kleidung und Körperhaltung bat Hans Josephsohn ihn, ihm Modell zu stehen. Entstanden ist dabei eine Figur, die in ihren melancholischen Zügen zwar einsam und erschöpft wirkt, aber dennoch positive Kraft ausstrahlt. Zwei Liegende aus den Jahren 1970 und 2005 zeugen in der vergleichenden Betrachtung exemplarisch von der zunehmenden Fragmentierung der Motive und dem erhöhten Grad an Abstraktion. Ausserdem zu sehen sind drei der sogenannten Halbfiguren, die prägend für das Spätwerk des Künstlers ab den frühen 1990er Jahren waren. Trotz der zunehmenden Reduktion sind die Arbeiten im Grundsatz weiterhin figürlich. Sie haben eine klare Vorder- und Rückseite. Manch geschulter Josephsohn-Betrachter mag gar Handhaltung und Formung der Körperteile erkennen.

Josephsohn und die Tradition Geisers

Hans Josephsohn war ein Schüler des Zürcher Bildhauers Otto Müller (1905–1993), der wiederum im Atelier von Karl Geiser (1898–1957) gearbeitet hatte. Sowohl Müller als auch Geiser sind mit Werken in der Sammlung des Museums zu Allerheiligen vertreten. Im Pfalzhof ist das Relief "Drei Tote" von Otto Müller zu sehen. Karl Geisers "David" ist in zweifacher Ausführung im Kräutergarten des Klosterareals sowie in der Münsterplatzsenke dauerhaft und frei zugänglich platziert.

Ruhe und Erhabenheit

Die Ausstellung findet im Wechselsaal des Museums statt. Mit seinen hohen Decken und dem schräg einfallenden Tageslicht eignet er sich ideal für eine wirkungsstarke Werkpräsentation: Die Oberflächenmaterialität von Josephsohns Arbeiten entfaltet ihre Faszination am stärksten bei Tageslichteinfall, während die kraftvolle Wirkung der Skulpturen in grossen, hohen Räumen optimal zu Tragen kommt.

Ergänzend zur Ausstellung wird im angrenzenden Kabinettsaal der Dokumentarfilm "Josephsohn – Stein des Anstosses" (1977) von Jürg Hassler gezeigt. In einer längeren Szene des Films ist der Aufbau der Ausstellung im Museum zu Allerheiligen zu sehen, die im Jahr 1975 stattfand. Diese Ausstellung im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen war die zweite institutionelle Einzelausstellung des Künstlers überhaupt und fand zu einem Zeitpunkt statt, als das Werk des Bildhauers umstritten und im Kunstkanon noch nicht etabliert war. Anlässlich des 100. Geburtstags von Hans Josephsohn widmet das Museum zu Allerheiligen dem Künstler nun erneut eine Ausstellung und rückt die Werke des Bildhauers nach 45 Jahren abermals in den Fokus.

Suchendes Betrachten als Schlüssel zum Werk

Hans Josephsohn verband klassische bildhauerische Herangehensweisen und Materialien mit neuartigen Formgebungen und schuf so ein unvergleiches Œuvre voller natürlicher Kraft, Erhabenheit und innerer Ruhe. "Schauen ist das Wichtigste", sagte Hans Josephsohn häufig während seiner Arbeit im Atelier. Das Zitat umschreibt die suchende Herangehensweise des Künstlers an sein Werk. Während des Prozesses hielt Josephsohn häufig einen Moment inne, betrachtete sein Schaffen eingehend und setze in der Folge die Arbeit fort. Das Zitat soll im Rahmen der Ausstellung die Besucherinnen und Besucher ermuntern, sich unvoreingenommen auf Josephsohns Arbeiten einzulassen und es ihm gleichzutun: Sich das Werk durch neugieriges, suchendes Betrachten zu erschliessen.

Hans Josephsohn
Schauen ist das Wichtigste
5. September bis 15. November 2020
Kurator: Julian Denzler

Museum zu Allerheiligen
Klosterstrasse 16
CH - 8200 Schaffhausen

T: 0041 (0)52 633 07 77
F: 0041 (0)52 633 07 88
E: admin.allerheiligen@stsh.ch
W: http://www.allerheiligen.ch/

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  •  5. September 2020 15. November 2020 /
Hans Josephsohn, Ohne Titel (Verena), 1990, Messing, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen
Hans Josephsohn, Ohne Titel (Verena), 1990, Messing, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen
Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1962/1963, Stehender, 212 x 72 x 48 cm, Messing, © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn / Galerie Felix Lehner, Foto: Katalin Deér, Kesselhaus Josephsohn
Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1962/1963, Stehender, 212 x 72 x 48 cm, Messing, © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn / Galerie Felix Lehner, Foto: Katalin Deér, Kesselhaus Josephsohn
Hans Josephsohn, Ohne Titel, 2005, Liegende, 69 x 235 x 69 cm, Messing, © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn / Galerie Felix Lehner, Foto: Stefan Altenburger, Zürich
Hans Josephsohn, Ohne Titel, 2005, Liegende, 69 x 235 x 69 cm, Messing, © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn / Galerie Felix Lehner, Foto: Stefan Altenburger, Zürich
Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1972, Relief, 95 x 65 x 35 cm, Bronze, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Dauerleihgabe Kunstverein Schaffhausen, Foto: Kesselhaus Josephsohn
Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1972, Relief, 95 x 65 x 35 cm, Bronze, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Dauerleihgabe Kunstverein Schaffhausen, Foto: Kesselhaus Josephsohn
Portrait Hans Josephsohn, Foto: Katalin Deér, Kesselhaus Josephsohn
Portrait Hans Josephsohn, Foto: Katalin Deér, Kesselhaus Josephsohn