18. September 2007 - 4:36 / Walter Gasperi / Filmriss
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Mit dem Serienkillerfilm "Seven" gelang David Fincher vor zwölf Jahren ein Meisterwerk. Mit "Zodiac" kehrt er zu diesem Genre zurück, demontiert es aber geradezu, indem er auf Effekte und Gewaltszenen beinahe völlig verzichtet und faktenreich die kriminalistische Kleinarbeit sowie die Psychogramme der Ermittler in den Mittelpunkt stellt.

Wie meisterhaft David Fincher es versteht aus dem Nichts heraus die Leinwand mit schier unerträglicher Spannung aufzuladen, demonstriert er nicht nur in der Mordszene am Beginn, sondern auch später, wenn eine Frau auf einem einsamen nächtlichen Highway in die Hände des Serienkillers fällt oder, wenn sich der vom Fall besessene Karikaturist Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal) plötzlich bedroht fühlt, als er in das Haus eines Verdächtigen vordringt.

Auf Graysmiths Buch zu den bis heute ungeklärten Mordfällen, die um 1970 in San Francisco für Aufsehen sorgten, baut Finchers Film auf. Akribisch rekonstruiert der 1962 geborene Amerikaner die Ereignisse. Jede Szene des sich von 1969 bis 1991 erstreckenden Films belegt er mit genauem Insert zu Ort und Zeit der Handlung. Geht’s am Beginn noch um die Morde, so rücken bald der Karikaturist Robert Graysmith, den sein Hobby an Rätseln motiviert die verschlüsselten Botschaften des Mörders zu entschlüsseln, bis er dem Fall immer mehr verfällt. Wie er dadurch zum Soziopath wird und die Familie verlieren wird, so wird die Besessenheit den auf Kriminalfälle spezialisierten Journalisten Paul Avery (Robert Downey jr.) in Alkohol und schließlich Krankheit und Tod treiben und den Polizisten David Toschi (Mark Ruffalo) wird sein Einsatz den Job kosten. Nur Toschis Kollege wird rechtzeitig bewusst werden, wie sehr ihn die Besessenheit erfasst und er wird sich versetzen lassen.

Die kriminalistische und journalistische Kleinarbeit steht im Mittelpunkt. Da gibt’s keine Action, da wird über 150 Minuten lang geredet und verhört und kleinen Hinweisen nachgegangen. In seinem Realismus ist "Zodiac" geprägt vom amerikanischen Kino der 70er Jahre, im speziellen von Alan J. Pakulas "All the Presidents Men", in dem Robert Redford und Dustin Hoffman als hartnäckige Journalisten der Washington Post den Watergate-Skandal aufdecken.

Den Fall um den "Zodiac"-Killer griff das Kino schon unmittelbar nach der Mordserie auf. 1971 durfte in Clint Eastwood in "Dirty Harry" den Mörder zur Strecke bringen. Den drei realen Ermittlern bleibt dieser Triumph verwehrt, auch wenn sich Fincher am Ende relativ klar im Sinne von Graysmiths Buch auf den nie gefassten Täter festlegt. Aber nicht nur auf "Dirty Harry", den Toschi – das Vorbild für die Eastwood-Rolle – in einem Kino sieht, spielt "Zodiac" an, sondern mehr noch auf den Klassiker "The most dangerous game", auf den sich der Killer bezieht. Ein doppeltes Spiel treibt Fincher mit diesem 1932 gedrehten Horrorfilm. Denn einerseits ist das gefährliche Spiel natürlich das Töten des Killers und die sich daran anschließende Menschenjagd, als viel gefährlicher erscheint aber andererseits die Arbeit der Ermittler – Suchtcharakter entwickelt diese, wird zu einem Spiel, dem die Beteiligten verfallen und für das sie bezahlen – mit Gesundheit, Job- und Familienverlust.

So stellt "Zodiac" letztlich auch die Frage nach dem Lebenssinn, denn Fincher hat seinen Stoff so konsequent zurückhaltend mit einer fast dokumentarischen Nüchternheit in dunklen Blau-, Braun- und Grautönen, mit flachem Licht und auch so stringent inszeniert - ein Zeitraffer vom Bau des Columbus-Towers ist schon das Maximum eines Effekts -, dass der Zuschauer sich dem Sog und der inneren Spannung des Films nicht entziehen kann. Dazu trägt auch die perfekte und detailreiche Rekonstruktion der Zeit bei und die kongeniale Entsprechung von Form und Inhalt: Denn wie das Leben von Graysmith, Avery und Toschi bald nur noch aus der Recherche besteht, so kennt auch der Film keinen Schlenker, kein Nebenthema, keine Nebenfiguren, sondern fokussiert ganz auf die drei Ermittler und ihr diesbezügliches Engagement.

Bestechend schließt Fincher am Ende den Kreis zum Beginn, wenn Mike Mageau, dem Überlebenden des ersten Mordanschlags, nochmals zur Täteridentifizierung Fotos vorgelegt werden: Er hat im Gegensatz zu seiner Freundin Darlene Ferrin überlebt - aber traumatisiert und sein Leben zerstört hat ihn dieser Anschlag vom 4. Juli 1969 unübersehbar. – In der dunklen Welt des David Fincher gibt es keine Hoffnung auf Erlösung, keinen Moment des Glücks.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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