Zeitkristalle

Bis 17. Februar 08 ist im Lentos Kunstmuseum eine Werkschau mit Arbeiten der oberösterreichischen Künstlerin Ursula Mayer zu sehen. Mayer präsentiert in der Ausstellung "Zeitkristalle / The Crystals of Time" einerseits ihre "Arbeit Trilogy", bestehend aus den drei Kurzfilmen "Portland Place 33", "Keeling House" und "Villa Mairea" (2005/06), die als Installation jeweils im Loop laufen – und andererseits ihren neuesten Film "The Crystal Gaze" (2007).

Mit dieser Werkschau zeigt die Künstlerin in filmischen Arbeiten ihre Auseinandersetzung mit performativen Inszenierungs- und Wahrnehmungsmustern in Fotografie und Film. Sie zieht dabei weitläufige Referenzschleifen zu populärer Musik, zu Avantgarde- und Hollywood-Film und zu Architektur. In den jeweils kurzen Arbeiten der Trilogie stellt Ursula Mayer Grundelemente des Filmischen aus: den Schauplatz, eine Protagonistin, die Kamerabewegung. Die ausgewählten Drehorte sind aufgeladen mit historischen, sozialen und ideologischen Fakten und Bezügen: ein viktorianisches Stadthaus, ein Londoner Wohnblock der 1950er Jahre, eine modernistische Privatvilla in Finnland. Hier entspinnen sich komplexe Interaktionen zwischen einer Frau, den Räumen und der Kamera. Fragmentierte Aktionen ergeben keine stringente Erzählung, doch werden die BetrachterInnen in ein faszinierendes Netz aus Fiktionen, Blicken, Gesten und Formen und der suggestiven Tonspur in einer Ellipse von Zeit gebannt.

Das cinematografische Moment, das Mayer in ihren Filmen verwendet, zeigt auch, dass der Körper im Stande ist, Zeit selbst zu entwickeln und nicht bloß eine Handlung. Der Raum ist Handlungsträger, das Set wird zum fiktionalen Charakter, wobei das Subjekt der Auseinandersetzung nicht bloß architektonischer Natur ist, sondern ein innerer psychologischer Raum. Die prägnante Geschichte der Gebäude und Schauplätze, welche den Filmen auch die Titel geben, baut Mayer genauso in die Filme ein, wie die Beziehung der Protagonistinnen zur Architektur. Dies stellt zugleich die Handlung dar, für die weder Beginn noch Ende von Bedeutung ist. Die Akteure – Mayer wählt meist Schauspielerinnen, Sängerinnen, oder Tänzerinnen – bewegen sich langsam durch die Räume und stehen somit im Dialog mit ihrem statischen Umfeld. Gestik und Mimik der Darstellerinnen sind minimiert und das "Spiel" mit der Kamera erzeugt Mayer selbst mit dem Schnitt, durch den schnelle Bewegungen suggeriert werden. Die Wiederaufnahme der Filmsprache von Michelangelo Antonioni dient dabei als Stilmittel und methodischer Entwurf.

Der Faktor Zeit spielt auch in Mayers jüngsten Film The Crystal Gaze eine Rolle, der im Lentos seine Premiere feiert. Mayer wählte als Drehort die Art Deco Räume des Londoner Eltham Palace. Narrative und visuelle Parallelen werden zu der Tradition des klassischen Hollywood Films gezogen, wobei die Beziehung zu Hollywoods Faszination durch den Art Deco Style und der Konstruktion von weiblichen Schauspieler-Ikonen untersucht wird. Zum ersten Mal verwendet Mayer ein Skript, ohne klassische lineare Kausalität, sondern vielmehr mit einzelnen unabhängigen Statements, Gedankensträngen und Songzitaten. Ein cinematisches Rollenspiel von Machtbeziehungen zwischen Schauspielerinnen wird kreiert und gespiegelt in der opulenten Eleganz des historischen Settings. Vielschichtig wird das Agieren und Kommunizieren der Figuren im Raum durch komplexe Kameraeinstellungen, gefilmt über/durch Spiegel. Wieder verschmilzt die innere Befindlichkeit der Protagonistinnen mit der Physikalität des architektonischen Raums, der, wie auch in der Trilogy, für unterschiedliche Narrativitätsstränge offen gelassen wird.


Zeitkristalle / The Crystals of Time
5. Oktober 2007 bis 17. Februar 2008