26. November 2020 - 2:56 / Ausstellung / Fotografie 
3. September 2020 17. Januar 2021

Das ZAZ Zentrum Architektur Zürich zeigt zwei sich ergänzende Ausstellungen: Im Erdgeschoss ist unter dem Titel "Bewegter Alltag" die erste grössere Einzelausstellung zu Fotografin Getrud Vogler zu sehen. Im Obergeschoss befindet sich die multimediale Schau "Poetische Provokationen", die anhand von Zeitschriften, Songtexten, Videos, Tonaufnahmen, Flugblättern und Büchern zeigt, wie sich die 80er Bewegung Ausdruck verschaffte.

Gertrud Vogler (1936 – 2018) war eine der wichtigsten zeitgenössischen Fotografinnen Zürichs und wurde insbesondere bekannt durch ihre Aufnahmen von sozialen Bewegungen der 1980er und 1990er Jahre. Im Jahr 2012 übergab sie ihr gesamtes, rund 200’000 Negative umfassendes Fotoarchiv dem Schweizerischen Sozialarchiv. Ein erster Teil dieses faszinierenden Werks wurde vom Sozialarchiv aufgearbeitet und ist online verfügbar.

Gertrud Vogler begann Mitte der 1970er Jahre zu fotografieren. Ihr Augenmerk galt von Anfang an Menschen in alltäglichen Situationen und insbesondere in sozialen Bewegungen. Als Auftragsfotografin arbeitete sie zuerst für verschiedene Publikationen, von der "Annabelle" bis zum "Vorwärts". Kurz nach der Gründung der Wochenzeitung (WOZ) im Jahre 1981 übernahm sie die Bildredaktion und blieb dort bis zu ihrer Pensionierung 2003. In diesen Jahren sind – teils im Auftrag der WOZ, teils aus ureigenem Interesse – eine Viertelmillion Fotos entstanden.

Grössere Bekanntheit erlangten ihre Aufnahmen des Platzspitzes und des neuen Pariser Geschäftszentrums "La Défense", die in zwei Buchpublikationen zugänglich sind. Gertrud Vogler war in der Zürcher 80er Bewegung und in vielen anderen Bewegungen in der Schweiz präsent und hat in besetzten Gebäuden fotografiert, wie beispielsweise der Wohlgroth-Fabrik in Zürich. Mit gleichem Engagement hat sie aber auch die alltäglichen Veränderungen des öffentlichen Raums durch Werbetafeln, Baustellen oder Neubauprojekte dokumentiert. Gertrud Vogler konnte Aufnahmen von Orten machen, wo den einen der Zutritt verwehrt war oder andere sich gar nicht hin getrauten. Sie genoss das Vertrauen der Szenen, die sie fotografierte und die ihr am Herzen lagen. Als Resultat von 25 Jahren aufmerksames, kritisches und empathisches Schauen durch die Linse entstand ein unschätzbarer Fundus für die Sozialgeschichte der Schweiz. In Voglers Bildern wird der soziale Wandel greifbar. Aus diesem breiten Fundus trafen die Kuratoren eine fokussierte Auswahl an Fotografien.

Zur multimedialen Schau im Obergeschoss führen 250 Fotografien. Sie stehen für ein wiederkehrendes Merkmal in Gertrud Voglers Werk: Regelmässig hat sie Flugblätter, Transparente und Wandsprays der 80er Bewegung dokumentiert – und damit deren Kommunikation im öffentlichen Raum. Die Aufnahmen bilden so ein Verbindungsglied zu den "Poetischen Provokationen".

Nebst diesen Fotografien zeugen zahlreiche Druckerzeugnisse und audiovisuelle Quellen von der Sprache der Bewegung. Als Interventionsmedien zur Etablierung einer Gegenöffentlichkeit gedacht, verströmen die Texte bis heute eine besondere Kraft und entwickeln einen eigentlichen Sog. Sie sind oft explosiv, radikal und militant und entfalten zugleich sinnliche Verspieltheit und (Selbst)Ironie. Die Ausstellung führt sodann in einen Video- und einen Audio-Raum sowie in zwei Räume, die sich auf gedruckte Materialien konzentrieren. Diese Druckerzeugnisse gliedern sich in vier Begriffspaare, die miteinander in Verbindung stehen: Dada & Punk umfasst Positionen, welche die Bewegten stark inspiriert haben. (Selbst-)Ironie & Protest beschreibt zwei Grundhaltungen, die sich in den Texten Bahn brechen. Aneignung & Abgrenzung verhandelt ein häufiges Stilmittel: Bewegte imitieren Sprache und Ästhetik ihrer Gegner, um sie zu persiflieren und sich so von ihnen zu distanzieren. Sicht nach innen & Blick nach aussen schliesslich bringt zwei Perspektiven zusammen, die sich gegenseitig bedingen: Schaut die Bewegung auf sich, hat sie auch gegenteilige Standpunkte im Auge – und umgekehrt. Dabei scheut sie mitunter weder Klischees noch Stereotype.

Zürich 1980
3. September 2020 bis 17. Jänner 2021

Zentrum Architektur Zürich
Höschgasse 3
CH - 8008 Zürich

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  •  3. September 2020 17. Januar 2021 /
Gertrud Vogler, Person mit Lederjacke, AJZ, 30. Juni 1981 (Schweizerisches Sozialarchiv).
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Gertrud Vogler, AJZ, April 1981 (Schweizerisches Sozialarchiv).
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Gertrud Vogler, Demonstration vor dem Rathaus, 18. Juni 1980 (Schweizerisches Sozialarchiv).
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Gertrud Vogler, Jugendliche mit der Bewegungszeitschrift «Eisbrecher», 1. August 1980 (Schweizerisches Sozialarchiv).
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Gertrud Vogler, Mauerschrift am Helvetiaplatz, 31. August 1980 (Schweizerisches Sozialarchiv).
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Portrait von Gertrud Vogler, Urheber unbekannt (Schweizerisches Sozialarchiv).
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