Yann Stéphane Bisso - Die Zeit vergeht, aber was bleibt und was verschwindet?

Das Kunstmuseum Luzern zeigt in der Ausstellung "Mosaïque, présence, absence" die neuesten Arbeiten von Yann Stéphane Bisso (*1998). Sie befassen sich mit der Wahrnehmung von Zeit und ihren Spuren.

Eine 27-teilige Werkserie überträgt die zweidimensionale Malerei nicht nur auf die dreidimensionale Skulptur; vielmehr kommt auch eine zeitliche Komponente hinzu, die in der Kunsttheorie als vierte Dimension bezeichnet wird. Indem ein Bild auf dem vorangehenden basiert, schafft Yann Stéphane Bisso einen Bewegungsablauf. Mit Kopie, Wiederholung und Rhythmus setzt er der eurozentrischen Sichtweise des stetigen Fortschritts und der linearen Zeitabfolge eine zyklische Form des Erinnerns und der Zeitwahrnehmung entgegen.

Die Zeit und ihr Verrinnen und Entgleiten sind auch im Gemälde „Sablier, vapeur flottante…” (Sanduhr, schwebender Nebel …) präsent. Darin wird die Spiegelung eines Bootes auf der Wasseroberfläche zur Sanduhr. Mögliche Assoziationen sind die vergehende Lebenszeit und die Überfahrt durch dunkles Gewässer in die Unterwelt. Der Nebel und die schemenhaften Formen am Horizont verstärken diese ungewisse und düstere Vorahnung. In seinen Landschaftsgemälden macht Yann Stéphane Bisso geheimnisvolle Zwischenwelten sichtbar, indem er, ähnlich wie im magischen Realismus, surreale Elemente durchscheinen lässt. Das Triptychon „En second lieu…“ (An zweiter Stelle …) zeigt eine Szenerie aus Wolken. Drei Kreise erscheinen darin wie fremde Himmelskörper und verwandeln die Traumlandschaft in ein visuelles Rätsel.

Erinnerungen an sein Herkunftsland Kamerun prägen Yann Stéphane Bissos Werk. Er verwebt Themen wie Migration und Kolonialismus mit persönlichen Fragestellungen zu Heimat und Identität. Dabei bilden gesellschaftskritische Schriften, insbesondere zu den Folgen des Kolonialismus, für ihn einen wichtigen Bezugspunkt. In der Werkserie „Figures S/O” untersucht Yann Stéphane Bisso die Bedeutung schwarzer Skulptur und fertigt 27 Objekte an, die Skulptur und Malerei verbinden. Er setzt sich mit den Statuen der Bulu und Bamileke aus Kamerun sowie mit zeitgenössischen Werken von Hervé Youmbi, Ousmane Sow und Ronald Moody auseinander. Für die 27 Skulpturen der Serie geht Yann Stéphane Bisso von Objekten aus Kunst, Kultur und Kunsthandwerk aus. Von jedem Objekt malt er vier Gemälde und montiert sie als Kubus auf recycelte Stuhlbeine. Dabei basiert ein Bild immer auf dem vorangehenden, sodass eine vielschichtige Zeitlichkeit von Original und Kopie entsteht. Im Gegensatz zur westlichen Anschauung ist dieses Verhältnis nicht negativ besetzt: Das Original erlangt durch seine Kopie eine neue Präsenz. Die Serie thematisiert kulturelles Erbe, seine Zirkulation, Wiederkehr und Reinterpretation. Den Künstler interessiert, wie Motive und Symbole über Generationen und geografische Räume wandern, sich verändern und immer wieder neue Aktualität erlangen. Demgegenüber stehen die „Absence”-Skulpturen, die nicht zu sehen sind, wie ein Echoraum unauslöschlicher Erinnerungen.

Yann Stéphane Bisso. Mosaïque, présence, absence
Kiefer Hablitzel | Göhner Kunstpreis 2024
Bis 8. Februar 2026
Kuratorin: Eveline Suter