Wu Tsang – „Der umgekehrte Berg”

Die US-amerikanische Künstlerin, Film- und Theaterregisseurin Wu Tsang kehrt mit ihren gefeierten Arbeiten nach dem Schauspielhaus Zürich an den Heimplatz zurück. Im Kunsthaus Zürich präsentiert sie im Rahmen der Reihe „ReCollect!” gemeinsam mit dem Autor, Kurator und Dramaturgen Enrique Fuenteblanca eine Intervention mit Werken aus der Sammlung des Kunsthauses sowie eine neue Soundinstallation.

Wu Tsang (* 1982 in Worcester, Massachusetts) ist eine bildende Künstlerin, Film- und Theaterregisseurin, deren Arbeiten dokumentarische und narrative Techniken mit fantastischen Sprüngen in die Welt des Imaginären verbinden. Sie ist bekannt für ihre langjährigen Kooperationen, insbesondere mit ihrem transdisziplinären Kollektiv Moved by the Motion, dem unter anderem Tosh Basco, Asma Maroof und Josh Johnson angehören. In Zürich begeisterte sie von 2019/2020 bis 2023/2024 als Hausregisseurin am Schauspielhaus Zürich mit poetischen Arbeiten.

Nun kehrt sie gemeinsam mit dem Autor, Kurator und Dramaturgen Enrique Fuenteblanca an den Heimplatz zurück: Im Rahmen der Reihe „ReCollect!” haben sie unter dem Titel „La montaña invertida” (Der umgekehrte Berg) eine Intervention mit Werken aus der Sammlung des Kunsthauses Zürich und einer Soundinstallation der Künstlerin konzipiert – ein vielschichtiges, symbolträchtiges Projekt, das den Kuppelsaal des Museums in einen Ort des Hörens, Fühlens und Umdenkens verwandelt. Ab Frühling 2026 wird zudem der Grafikraum mit weiteren Arbeiten aus der Sammlung geöffnet, was den konzeptuellen Abschluss des Projekts bildet.

Ausgangspunkt dieses kuratorischen Vorhabens ist das Motiv des Bergs – ein topografisches wie kulturelles Symbol mit ambivalenter Bedeutung. Der Berg steht für Erhabenheit, Rückzug und Widerstand, aber auch für Fiktion, Projektion und Mythos. Der Titel „La montaña invertida” spielt mit der Idee der Umkehrung:

Was passiert, wenn wir die Dinge nicht nur anders, sondern umgekehrt sehen? Wenn wir „mit den Ohren sehen”, wie Tsang und Fuenteblanca es formulieren, wenn wir aus der Perspektive der Marginalisierten blicken, aus der Tiefe statt vom Gipfel?
Der Präsentation gingen vorherige thematische Iterationen voraus: Der erste Teil des Projekts wurde Anfang 2025 von Cloud Castle im Klanghaus Toggenburg in Auftrag gegeben. Die Plattform wurde vom Kunsthaus Bregenz, dem Bündner Kunstmuseum Chur, dem Kunstmuseum Liechtenstein und dem Kunstmuseum St. Gallen initiiert. Es versammelten sich Künstler:innen wie die Sängerin Rocío Márquez, die Mezzosopranistin Katia Ledoux, der Gitarrist Raúl Cantizan, der Hornist Tapiwa Svosve und das Kollektiv Moved by the Motion, um ein atmosphärisches Klangstück zu entwickeln. Diese mehrtägige künstlerische Klausur diente der kollektiven Reflexion über Berge als Orte kultureller Bedeutung – in Spanien ebenso wie in der Schweiz – und bildet das Herzstück der nun im Kunsthaus gezeigten Präsentation. Im Kuppelsaal entfaltet sich diese Reflexion in Form eines raumgreifenden, bühnenartigen Aufbaus. Die Besucher:innen können in diese vielschichtige Klangwelt eintauchen, die mit Stimmen, Klängen und Rhythmen spielt – mit Flamenco ebenso wie mit zeitgenössischer Komposition. Ergänzt wird diese sinnliche Erfahrung durch eine Auswahl von Sammlungswerken, darunter Werke von Marianne von Werefkin, Ernst Ludwig Kirchner, Francis Bacon und Nedko Solakov. Zentral ist dabei Johann Adam Meisenbachs ikonische Aufnahme von Tänzerinnen und Tänzern, unter ihnen Suzanne Perrottet und Rudolf von Laban, am Fuße des Monte Verità in Ascona am Lago Maggiore.

Perrottet, Pionierin der modernen Tanzpädagogik, und Laban, Begründer der Labanotation, lebten und forschten zeitweise auf dem Monte Verità, jener reformerischen Kolonie von Kunstschaffenden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts alternative Lebensentwürfe zwischen Mystik, Körperfreiheit und Avantgarde erprobten. In Verbindung mit der aktuellen Soundinstallation schlägt das Projekt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Bewegung des Körpers und des Denkens.

Der Mythos „Carmen” – ein zentrales Bezugssystem in Tsangs und Fuenteblancas laufender Forschung – fungiert dabei als weiteres Resonanzfeld. In Bizets Oper zieht sich Carmen in die Berge Andalusiens zurück, wo sich das Drama zwischen Freiheit, Begehren und Tod entfaltet. Diese Narrative spiegeln sich im Konzept der Intervention wider: Die Berge als Ort der Flucht, als Versteck und Projektionsfläche. Durch die Umkehrung der Perspektive wird das Museum selbst zur Bühne eines anderen Sehens und Hörens und fordert dazu auf, sich den Spuren jener Geschichten zu nähern, die im Kanon oft nur am Rande vorkommen. So wird „La montaña invertida” zu einer vielschichtigen Geste: eine poetische Dekonstruktion des musealen Raums, eine politische Rekontextualisierung der Sammlung und eine sinnlich-akustische Einladung zum Innehalten, Zuhören und umgekehrten Sehen. Das Projekt wurde kuratorisch von Raphael Gygax betreut.

In der Serie „ReCollect!” werfen zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler einen neuen Blick auf die Kunsthaus-Sammlung. Damit knüpft das Kunsthaus an die Tradition an, in der Kunstschaffende wichtige Interpretatoren von Kunstwerken sind und neue Perspektiven eröffnen.


Wu Tsang – „La montaña invertida”
Bis Sommer 2026