11. Dezember 2021 - 11:18 / Ausstellung / Fotografie / Video / Installation / Musik 
27. November 2021 24. April 2021

Seit den frühen 1990er-Jahren erforscht Wolfgang Tillmans unseren Blick auf die Welt und die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Geleitet von der selbstkritischen Frage "What do I really see? What do I see, and what do I want to see? What is in the picture?" widmet er sich Menschen und Körpern, Landschaften, Architekturen, Gegenständen und Himmelserscheinungen.

Tillmans schafft Fotografien, Installationen, Videos und Musik, die die Grenzen des Sichtbaren ausloten, unterschiedliche Möglichkeiten der Wahrnehmung aufzeigen und subtile Einsichten in die Grundlagen unseres Miteinanders und unseres Begehrens vermitteln. Seine Offenheit sowie die Zurückweisung eindimensionaler Sichtweisen lassen unreflektierte Wahrheitspostulate ebenso fragwürdig erscheinen wie absolute Standpunkte oder autoritäre Auffassungen. Das Ergebnis sind Werke, die vom Willen zur Gemeinschaft, von Austausch, Selbstreflektion und von der Überwindung starrer (Aggregats)zustände handeln.

Die Ausstellung "Wolfgang Tillmans. Schall ist flüssig" beinhaltet frühe Fotografien, die im popkulturellen Umfeld der 1990er-Jahre entstanden, abstrakte Bilder, hochauflösende Aufnahmen der von Globalisierung und Digitalisierung geprägten Realität des frühen 21. Jahrhunderts sowie Fotografien, die kurz vor und während der Corona-Pandemie aufgenommen wurden. Zudem sind die 2-Kanal-Videoinstallation "Book for Architects" sowie eine Vielzahl neuer Musik- und Videoarbeiten zu sehen. Auch Tillmans kürzlich veröffentlichtes Debutalbum "Moon in Earthlight" wird in einer Sound-Video-Installation im Ausstellungsraum präsentiert.

Der Beobachtung von Menschen, deren Beziehungen zueinander und deren Verhältnis zu den Dingen, die sie umgeben, kommt in Tillmans’ Werk zentrale Bedeutung zu. Diese subjektiven Verbindungen und Modi der Wahrnehmung von Körpern, Bildern, Materialien oder Oberflächen ändern sich angesichts der Verlagerung unseres Alltags in den digitalen Raum deutlich. Wir erleben gegenwärtig räumliche Umstrukturierungen und mediale Veränderungen, die nicht zuletzt auch den Status der Fotografie und deren Verhältnis zu Materialität und Visualität betreffen.

Wolfgang Tillmans hat diesem sich wandelnden Verhältnis von Haptik und Optik, von Körper und Blick in den letzten Jahren verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet. Sei es, dass er die Materialität des Papiers und dessen Wahrnehmung durch unterschiedliche Formen der Präsentation, Rahmung und Darstellung ausdifferenzierte, sei es, dass er sich Druckfarben und -prozessen widmete oder mit Bildschärfen und -auflösungen arbeitete, die die Möglichkeiten unseres Auges bei weitem übertreffen. Immer wieder sind es die Bedingungen und Grenzen des Sichtbaren in Relation zu anderen Formen sinnlicher Erfahrung, immer wieder sind es Status und Rolle der Fotografie zwischen analogen und digitalen Produktionsund Darstellungsformen, die dabei virulent werden. So ermöglichen Tillmans’ Werke eine Auseinandersetzung mit jener "Aufteilung des Sinnlichen", beziehungsweise mit jenen "Formen der Neugestaltung von Erfahrung", die, wie der Philosoph Jacques Rancière es treffend formuliert, das Terrain bilden, auf dem sich auch "unsere politische Subjektwerdung" vollzieht.

Themen des gesellschaftlichen, technologischen und medialen Wandels sowie die pointierte Beschäftigung mit Formen der Präsentation und der Wahrnehmung im musealen Raum bilden eine wesentliche Grundlage für Wolfgang Tillmans’ Ausstellung. Eine Auseinandersetzung mit der Aufteilung des Sinnlichen, beziehungsweise mit dem Verhältnis von Visualität und körperlicher Präsenz bedeutet hier nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit Präsentations- und Rezeptionsweisen, mit Raum- und Größenverhältnissen sowie mit (zumal in den letzten anderthalb Jahren völlig neuen) Erfahrungen von Nähe und Distanz.

Wolfgang Tillmans, geb. 1968 in Remscheid, studierte von 1990 bis 1992 am Bournemouth & Poole College of Art and Design. 2000 wurde ihm als erstem Fotografen und nichtbritischem Künstler der Turner Prize verliehen. 2013 wurde er Mitglied der Royal Academy of Arts, 2015 erhielt er den Hasselblad Award. Seit den 2000er-Jahren wurden Tillmans’ Arbeiten in großen MuseumsEinzelausstellungen sowie von 2012 bis 2013 im Rahmen einer umfassenden Werkschau gezeigt, die durch Südamerika tourte. Die Kunsthalle Zürich (2012) und Les Rencontres d’Arles in Frankreich (2013) präsentierten Arbeiten seiner Werkgruppe Neue Welt. 2012 zeigte das Moderna Museet in Stockholm eine Auswahl von Arbeiten der letzten 25 Jahre, die 2013 auch im K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, zu sehen war. Tillmans’ Videoinstallation Book for Architects, die 2014 auf der Architekturbiennale in Venedig debütierte, war danach im Metropolitan Museum in New York zu sehen. 2015 eröffnete eine groß angelegte Einzelausstellung im National Museum of Art, Osaka, sowie in Göteborg anlässlich der Verleihung des Hasselblad-Awards. Anfang 2016 zeigte er im Museu de Arte Contemporânea de Serralves in Porto eine großangelegte Überblicksausstellung, ebenso 2017 in der Tate Modern, London, und in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel.

Wolfgang Tillmans - Schall ist flüssig
27. November 2021 bis 24. April 2022



  •  27. November 2021 24. April 2021 /
Wolfgang Tillmans, Freischwimmer 227, 2012, Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans, Freischwimmer 227, 2012, Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans, unlikely match, 2017 Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans, unlikely match, 2017 Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans, Lüneburg (self), 2020, Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans, Lüneburg (self), 2020, Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans, Mond in Erdlicht, 1980, Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans, Mond in Erdlicht, 1980, Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans, Weak Signal II, 2014 Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York
Wolfgang Tillmans, Weak Signal II, 2014 Courtesy of Galerie Buchholz, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York