20. April 2019 - 8:53 / Ausstellung / Fotografie 
10. Januar 2019 9. Juni 2019

Das Filmarchiv Austria zeigt noch bis zum 9. Juni 2019 die Ausstellung »Wim Wenders. Frühe Photographien. 60er-80er Jahre« mit 70 Arbeiten von Wim Wenders, die seit seiner Jugend und bis Anfang der 1980er-Jahre entstanden sind. Diese zwanzig Jahre beschreiben eine äußerst kreative Zeit, in der Wim Wenders das »Handwerk des Filmemachens« gelernt und sein »eigenes Erzählland« gefunden hat.

Von den späten 1960er- bis in die frühen 1980er-Jahre entstanden auf Wenders’ unermüdlichen Reisen durch die USA, Australien und viele andere Orte der Welt größtenteils menschenleere Landschafts- und Stadtansichten sowohl im 35 mm Schwarzweiß-Kleinbildformat als auch Farb- sowie Panoramaaufnahmen. Sein bevorzugtes Photomedium aber sollte zehn Jahre lang die PolaroidKamera werden. Sie war ideales komplementäres Werkzeug, um das Filme- und Bildermachen zu erforschen, visuelles Notizbuch, alltäglicher Begleiter.

Unabhängig von ihrem photographischen Medium oder Entstehungsort, sei es in Algier, am Rhein, in New York, Butte, Montana, oder Denpasar zeigt Wenders’ Blick einerseits eine deutlich dokumentarische »Einstellung«, durchdringt und überhöht mit seiner präzisen Ästhetik vorgefundene Situationen, gleichzeitig aber eröffnen die Bilder im Detail eine emotionale, narrative Dimension – scheinen jeweils die erste »Einstellung« einer beginnenden filmischen Erzählung zu sein. Dieses vielschichtige erzählerische Angebot in den Photographien von Wim Wenders nimmt den Betrachter bei seiner Reise in die Bilder an die Hand und eröffnet eine authentische Teilhabe am Wendersschen Bildkosmos.

Glück im Unglück

Die Photographie begleitet Wim Wenders schon seit Kindesbeinen, und sie hat von Anfang an sein künstlerisches Schaffen mitbestimmt. Das erste Bild der Ausstellung ist eine Schwarzweiß-Aufnahme des damals 17- oder 18-Jährigen aus dem Jahr 1963. Es zeigt eine Szenerie auf einem Rummelplatz in Oberhausen. Wir sind im Ruhrgebiet der Nachkriegszeit, es regnet, die Buden sind geschlossen, wenige Kinder drehen dem Betrachter den Rücken zu. Bonjour tristesse würde man als Titel vermuten, der allerdings in eine völlig andere Richtung weist und nicht ohne eine gewisse Ironie die Aufschrift eines Kirmeswagens aufnimmt: Glück.

Dieses erste Bild lässt schon früh charakteristische Stimmungsbilder und Sujets von Wenders’ späterem künstlerischen Schaffen erahnen, wie etwa seine Vorliebe für verlassene Orte und die weitgehende Abwesenheit von Menschen. Auch in diesen frühen Bildern schon Straßen, deren Fluchtpunkte Bewegung ins Assoziationsspiel bringen und die Gedanken in eine ferne Welt schweifen lassen, auch damals schon eine warmherzige Melancholie und ein ausgeprägter Sinn für den Umgang mit Sprache und Schriftbildern. Ist hier schon eine erste Vorahnung von Edward Hopper mit seinen Stadtszenen und Ladenfronten zu erkennen?

Simsalawim

Wim Wenders Verwendung der Polaroidkameras wohnt eine unbeschwerte und überaus soziale Komponente bei: Die, so Wenders, »kühne Einmaligkeit« des im Polaroid eingebauten chemischen Prozesses und das daraus resultierenden Unikat eines »Zauberkunststückes«, das sich vor den Augen von Photograph und Photographiertem abspielt, ähnelt einer miniaturisierten filmischen Erfahrung, die das Polaroid zum Archetyp eines Sozialen Mediums geraten lässt. Die Polaroids zeigen den jungen Filmemacher und Photographen in autobiographischen Stationen: in privater Umgebung, in alltäglichen Momenten, oder an Orten, an denen Filme wie Alice in den Städten (1973) und Der amerikanische Freund (1977) entstanden sind – Wuppertal, die Straßen von Queens oder Surf City. Mit Polaroids »schießt« Wenders aber auch, im Gegensatz zu seinem Umgang mit anderen Photomedien, Porträts seiner Freunde oder berühmter Persönlichkeiten wie Annie Leibovitz, Robby Müller, Dennis Hopper oder Peter Handke.

Filmen statt malen

Das Oeuvre von Wim Wenders ist stark durch die Malerei geprägt. Sein Wunsch, Filmemacher zu werden kam erst in Paris auf, wohin er ursprünglich aufgebrochen war, um Malerei zu studieren. Stattdessen war er vom Programm der Cinémathèque Française derart gefesselt, dass er in wenigen Monaten einen Crash-Kurs der Filmgeschichte durchlief. Er begann fortan über Film als »Fortführung der Malerei mit anderen Mitteln« nachzudenken: »Als ich anfing zu filmen, verstand ich mich eher als Maler des Raums auf der Suche nach der Zeit.« Besonders Stadtbilder wie Liquor Store, San Francisco (1973) oder Paris, Brasserie (1980) aber auch die weiten Landschaften in Südaustralien und Montana zeigen deutlich den Einfluss, den amerikanische Realisten wie eben Hopper oder Andrew Wyeth auf den jungen Wenders ausübten.

Ausgeträumt

Die drei Photographien Twin-graves and Drive-in Cinema, Drive-in und Abandoned Drive-in (alle 1983), die den Rundgang durch die Ausstellung schließen, zeigen ein wiederkehrendes Thema, dem der Filmemacher und Photograph besonders in seinem Frühwerk vielschichtig nachspürt: dem Kinosterben der Nachkriegszeit: »...so wie es jetzt ist, ist es besser, es gibt kein Kino mehr, als dass es ein Kino gibt, wie es jetzt ist [...]«, lässt der Filmemacher eine alte Kinobesitzerin am Ende des Filmes Im Lauf der Zeit (1976) sagen. Die weißen, leeren Leinwände der Drive-in Kinos, die Wim Wenders immer wieder photographiert, kennzeichnen nicht nur eine symbolische Leerstelle im kulturhistorischen Kontext der Nachkriegszeit. Einst Wallfahrtstätten populärer Kultur, als weithin sichtbare kollektive Projektionsflächen für Phantasien und Lebensmodelle im öffentlichen Raum platziert, scheinen diese dem Verfall anheim gegebenen Orte in einer zunehmend aus Funktionalität und Zweckorientierung geprägten Gegenwart auch ihre Daseinsberechtigung eingebüßt zu haben.

Wim Wenders. Frühe Photographien.60er-80er Jahre
bis 9. Juni 2019

Filmarchiv Austria
Johannesgasse 4
A - 1010 Wien

T: +43 1 512 18 03
F: +43 1 512 18 03-15
E: metrokino@filmarchiv.at
W: http://www.filmarchiv.at/

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  •  10. Januar 2019 9. Juni 2019 /
Ausstellung Wim Wenders (c) Filmarchiv Austria Foto: Severin Dostal
Ausstellung Wim Wenders Foto: Severin Dostal (c) Filmarchiv Austria
Ausstellung Wim Wenders  Foto: Severin Dostal (c) Filmarchiv Austria
Ausstellung Wim Wenders Foto: Severin Dostal (c) Filmarchiv Austria
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