19. September 2007 - 2:33 / Ausstellung / Archiv 
19. April 2007 23. September 2007

Essen, trinken, Schmäh führen, Karten spielen, anbandeln, politisieren. Als Ort der Geselligkeit ist das Wiener Wirtshaus seit Jahrhunderten ein Fixpunkt. Doch als Mythos rangiert es hinter Kaffeehaus und Heurigem. Denn das Beisl ums Eck steht für städtischen Normalbetrieb. Zugleich ist es ein Mikrokosmos des Alltäglichen. Das Wien Museum Karlsplatz zeigt nun die erste große kulturhistorische Ausstellung zur Wiener Gasthauskultur: »Im Wirtshaus«.

Das Wirtshaus existiert in vielen Varianten. Um 1800 wird von dumpfen Weinkellern ebenso berichtet wie von gutbürgerlichen Gaststätten. Der Trakteur war eine Frühform der Schnellgastronomie, in der Weinhalle versackten die stillen Zecher. Vor 150 Jahren waren riesige Etablissements mit Extrazimmern und Tanzsälen populär. Und es entstanden in den schnell wachsenden Arbeiterbezirken zahllose kleine Beisln.

Im 20. Jahrhundert hatte das Wirtshaus oft mit anderen Nahversorgern wie den Schnellimbissen zu kämpfen, dazu kam der Verlust des Ausschank-Monopols. Nach der Beisl-Renaissance Ende der 70er Jahre kann man heute von einer Blüte der Wiener Gasthauskultur sprechen: Das Spektrum reicht vom Edel-Wirtshaus mit neu interpretierter Wiener Küche bis zum erdigen Beisl.

Bei aller Verschiedenheit gibt es typische Merkmale eines Wirtshauses: Die Stehschank mit der wuchtigen Kühlwand, der Stammtisch, die Schiefertafel mit den Klassikern der Wiener Fleischküche. Aber es kommt auch auf den Besuchermix an – und auf die »organisierte« Geselligkeit: Im halböffentlichen Raum des Wirtshauses treffen sich seit jeher Stammtischrunden, Vereine und politische Gesinnungsfreunde.

Neben diesen Themen erzählt die Ausstellung vom Wirtshaus als Vergnügungsort, von Musik, Tanz und der berüchtigten Lokalszene in Neulerchenfeld. Weiters auf dem »Menüplan«: Der Wirt und die Wirtin als – oft berühmte – Hauptfiguren; Bier und Wein, die lange in Konkurrenz standen; Alkoholismus und Abstinenzler-Bewegung u. v. m. Zu sehen sind rund 700 Objekte, u. a. historisches Küchengerät, Speisekarten, Schilder & Fässer, Hauszeichen, Möbel, Plakate, Filmausschnitte, Flugschriften und Kunstwerke. Zusätzlich wird im Atrium des Museums am Beispiel von 23 Lokalen eine Typologie der aktuellen Wiener Wirtshauskultur präsentiert.


Katalog: Im Wirtshaus. Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit.
Hg.: Ulrike Spring, Wolfgang Kos, Wolfgang Freitag;
Czernin Verlag, Wien 2007

Im Wirtshaus - Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit
19. April bis 23. September 2007

Wien Museum
Felderstraße 6-8
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 4000 8400
E: office@wienmuseum.at
W: http://www.wienmuseum.at/

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Der müde Wirt, um 1905; Fotografie, Copyright: Privatbesitz
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