Wie aus einer imaginären Zeitschleife herausgeschält

Unter dem Titel "Intimacies" (Intimitäten) präsentiert der 1971 in Frankreich geborene Künstler Thierry Dalat in der Bregenzer Sylvia Janschek Art Gallery einen Querschnitt neuerer Landschaftsbilder, die von einer physisch spürbaren äußeren Stille geprägt sind, sowie Porträts, die eine psychologische innere Stille ausstrahlen und bei den das Gesicht selbst zu einer Landschaft aus Spuren, Rissen und Fragmenten mutiert. 

Thierry Dalats Malstil und Maltechnik sind untrennbar miteinander verbunden: Er nutzt einen aufwändigen, physischen Prozess des Schichtens und Zerstörens, um eine mineralische Patina zu erzeugen, die seinen Bildern eine tiefgründige, zeitlose Atmosphäre verleiht. Am ehesten liesse sich sein Stil vielleicht als zeitgenössischer, atmosphärischer Realismus mit starker Tendenz zur Abstraktion beschreiben.    

Seine Landschaften, wie etwa neblige Waldwege oder karge Bergzüge, sind konsequent menschenleer. Auch seine neueren Porträts wirken seltsam distanziert und in sich gekehrt, als ob sie eine innere Leere oder ein "Verschwinden" transportieren würden. Die Motive wirken weder modern noch historisch, sondern wie aus einer anderen, imaginären Zeitschleife gelöst. 

Dalat arbeitet bevorzugt mit eher kühlen, gedämpften Tönen – darunter erdige Nuancen, Grau, Weiß und tiefes, leicht violettes Blau, was den melancholischen, stillen Charakter unterstreicht. 

Das Besondere an Dalats Technik ist, dass er die Motive nicht einfach aufmalt, sondern sie regelrecht aus dem Material herausarbeitet. Der französische Künstler kombiniert klassische Öl- und Acrylfarben mit Leim (colle) und Kohle/Flüssigkohle (fusain). Diese Kombination verleiht der Oberfläche eine matte, fast steinartige ("mineralische") Textur. 

Dabei trägt er viele Schichten übereinander auf. Anstatt das Bild so stehenzulassen, bearbeitet er die Oberfläche im Anschluss physisch: Er kratzt, schleift, verwischt oder verdünnt die Farbe wieder. Durch das Abschleifen und Abkratzen werden tiefere Farbschichten wieder sichtbar. Es entsteht ein unvollständiges Bild "mit Lücken", das wie eine verwitterte, historische Wandmalerei oder ein verblasstes Foto wirkt. Durch diese Technik wird das Thema "Zeit" auf der Leinwand physisch spürbar: Das Bild wird zu einer Ansammlung von Spuren und Fragmenten.

Thierry Dalat: "Intimacies"
Sylvia Janschek Art Gallery, Bregenz
5.6.-4.7.
Eröffnung: 5.6., 18.00 Uhr
Di-Sa 14-18