20. Februar 2020 - 7:42 / Architektur / Geschichte 
21. Februar 2020 20. Juni 2020

Die 1970er-Jahre sind eine Zeit des Umbruchs und der gesellschaftlichen Veränderungen, in der man an eine "fortschrittliche" Zukunft glaubte und unterschiedliche Visionen von einer besseren Welt formulierte: Es wurden Bildung, Kultur und Arbeit für alle gefordert, eine antiautoritäre Erziehung und offene Jugendkultur propagiert, soziale Experimente sowie partizipative Prozesse ausprobiert und alternative Lebensformen entwickelt. Gleichzeitig war es aber auch eine Dekade der wirtschaftlichen ­Krisen, der kalten und heißen Kriege sowie der nazistischen und faschistischen Kon­tinuitäten.

In Österreich ist dieses Jahrzehnt politisch untrennbar mit Bruno Kreisky verbunden, der von 1970 bis 1983 Bundeskanzler war und das Land durch soziale und gesellschaftspolitische Reformen auf mehreren Ebenen öffnete. 1978 allerdings endete die Diskussion um das Kernkraftwerk Zwentendorf bei der Volksabstimmung mit einer ­Niederlage von Bruno Kreisky und nur wenige Jahre später erfolgte die Besetzung der Hainburger Au, die sowohl umwelt- als auch demokratiepolitisch eine Zäsur darstellte.

In Tirol "herrschten" Eduard Wallnöfer, der als Landeshauptmann mit absoluter Mehrheit von 1963 bis 1987 regierte, und Alois Lugger, der von 1956 bis 1983 Bürgermeister von Innsbruck war und damit auch die beiden Olympischen Winterspiele 1964 und 1976 mitverantwortete. Das gesellschaftliche und kulturelle Selbstverständnis Tirols gründete sich nach dem Zweiten Weltkrieg stark auf traditionelle und historisch gewachsene Werte: Katholizismus, Konservativismus, Patriotismus und die damit eng verknüpfte Heimatverbundenheit. Das Institut Français, das Europäische Forum Alpbach und die ab 1950 durchgeführten Jugendkulturwochen brachten eine gewisse Öffnung und Internationalisierung der kulturellen Debatte und Praxis, die ab 1965 auch vom "liberalen" Landesrat für Kultur, Fritz Prior, politisch und finanziell unterstützt wurde. Durch die Gründungen "kultureller Orte" wie der Galerie im Taxispalais, der Galerie Krinzinger, des Forum für aktuelle Kunst, des Theaters am Landhausplatz, des "Komm" und des Otto-Preminger-Instituts in Innsbruck bzw. der Galerie Eremitage in Schwaz, der Galerie St. Barbara in Hall i. T. und der Galerie Elefant in Landeck begann sich ab Mitte der 1960er-Jahre die "mentale" Landschaft in Tirol zu verändern. Daneben positionierten sich die von Wolfgang Pfaundler herausgegebene Zeitschrift "Das Fenster" und die von Krista Hauser ab Anfang der 1970er-Jahre redaktionell betreute Beilage "Horizont" der Tiroler Tageszeitung als Sprachrohr einer kritischen kulturellen Szene. Und auch in der Musikszene, in der Jugendkultur, im Theater, im Sozialbereich und in der Frauenbewegung war diese Aufbruchstimmung spürbar.

Die Architektur jener Zeit war geprägt von Amtsplanungen oder rein funktionalistischen Bauten, die entweder in traditionellen oder modernistischen Klischees gefangen waren. Nur in seltenen Fällen konnten engagierte Architekten ihre Vorstellungen umsetzen, wie Josef Lackner, Horst Parson oder Norbert Heltschl. Zu den größten Büros zählte das im Kreis der Architekten nicht unumstrittene von Hubert Prachensky und das von Fred Achammer, in denen etliche später bekannte Architekten erste Berufserfahrungen sammelten. Diese Generation von ArchitektInnen, die zuvor in Wien an der Technischen Universität bzw. bei Roland Rainer an der Akademie der bildenden Künste oder in Graz studiert hatten, begann zunächst vor allem mit Einfamilienhäusern oder im Rahmen von Wettbewerben ihre Vorstellungen von zeitgemäßer Architektur und Städtebau in die konservative Landschaft Tirols zu bringen. Besonders wichtig waren dabei die Wettbewerbe "Wohnen Morgen", die vom Bundesministerium für Bauten und Technik in allen Bundesländern ausgelobt wurden und bei denen sowohl neue städtebauliche Ansätze als auch innovative Wohnkonzepte entwickelt wurden. Auch im Schulbau versuchte man, die pädagogischen Überlegungen der Zeit in entsprechende Raumkonzepte zu übersetzen, wie etwa bei den beiden Modellschulen in Wörgl und Imst, bei denen auch Methoden und Systeme der Vorfertigung erprobt wurden. Nicht zuletzt war es die neugegründete, 1970 eröffnete Fakultät für Bauingenieurwesen und Architektur an der Universität Innsbruck, die einen wesentlichen Impuls für die weitere Entwicklung der Baukultur in Tirol setzte.

Die Ausstellung "widerstand und wandel" möchte diesen Zeitraum und die architektonische, kulturelle, aber auch soziale Aufbruchstimmung in den 1970er-Jahren sichtbar machen. Zum einen werden ausgewählte Projekte aus den Bereichen Wohnen, Schulbau, Kirchen und typologische "Zeitzeugen" vorgestellt, zum anderen wird das kultur- und gesellschaftspolitische Umfeld anhand einer Synchronopse vermittelt, die lokale und nationale Entwicklungen mit dem "Weltgeschehen" verbindet und in die Bücher, Plakate, Kunstwerke, Fotografien, Filme und Hörbeispiele eingewoben sind. Ergänzt wird die Ausstellung durch Interviews mit Maria und Gerhard Crepaz, Arnold Klotz, Krista Novak-Hauser, Norbert Pleifer, Peter Quehenberger, Vroni und Jussuf Windischer sowie Dietmar Zingl – Persönlichkeiten, die den kulturellen Aufbruch initiiert und mitgetragen haben.

widerstand und wandel
über die 1970er-jahre in tirol
Eröffnung: Donnerstag, 20. Feber 2020, 19.00 Uhr
21. Feber bis 20. Juni 2020

Aut. Architektur und Tirol
Lois-Welzenbacher-Platz 1
A - 6020 Innsbruck

T: 0043 (0)512 571567
F: 0043 (0)512 571567-12
E: office@aut.cc
W: http://www.aut.cc/

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  •  21. Februar 2020 20. Juni 2020 /
Günther Norer mit Margarethe Heubacher-Sentobe, Volksschule Vomp, 1972 – 74 Bildnachweis: © Günter Richard Wett
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Ekkehard Hörmann, Aufstockung Handelsakademie, Innsbruck, 1971 – 77 Bildnachweis: © Günter Richard Wett
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Josef Lackner, Grottenbad Flora, Innsbruck, 1969 – 70 (2018 zerstört) Bildnachweis: © Günter Richard Wett
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Horst Parson, Arzbergsiedlung, Telfs, 1975 – 81 Bildnachweis: © Günter Richard Wett
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Franz Kotek, Wohnanlage Mariahilfpark, Innsbruck, 1969 – 73 Bildnachweis: © Günter Richard Wett
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Hubert Prachensky und Ernst Heiss, Lüftungsanlagen Arlbergstraßentunnel, Maienwasen und Portal St. Jakob, 1975 Bildnachweis: © Günter Richard Wett
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Gustav Peichl, ORF-Landesstudio Tirol, Innsbruck, 1969 – 72 Bildnachweis: © Günter Richard Wett
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Horst Parson, Pfarrkirche Petrus Canisius, Innsbruck, 1969 – 71 Bildnachweis: © Günter Richard Wett
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