Wetterfühlig – Uraufführung im Vorarlberger Landestheater

Die Welt ist in Bewegung. Grenzen werden gezogen, verschoben und geschlossen. Menschen irren zwischen ihnen umher, gefangen im Dazwischen. In „Transit“, Anna Seghers’ beklemmendem Roman über Flucht und das Gefühl des Verlorenseins, spiegelt sich ihre eigene existenzielle Erfahrung wider: ein Schwebezustand zwischen Aufbruch und Ankunft, zwischen Stillstand und Zuversicht.

Ein namenloser Erzähler gelangt auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Marseille. Eine Stadt, die zum Sammelbecken all jener geworden ist, die hoffen: auf ein Schiff, ein Visum, eine Weiterreise.
Doch der Wartesaal wird zum Labyrinth. Zwischen Botschaften, Papierstapeln und endlosen Behördengängen verlieren sich die Menschen nicht nur im bürokratischen Wahnsinn, sondern auch in ihren eigenen Geschichten. Jeder ist auf der Durchreise, alle sind unterwegs, und doch scheint niemand wirklich fortzukommen. Seghers’ Marseille ist das Abbild einer Welt, in der das persönliche Schicksal von Papieren abhängt, in der Identitäten flüchtig sind und jeder Neuanfang sich so lange verzögert, bis er sich schließlich als Illusion entpuppt.

Die Bühnenfassung von „Transit” im Vorarlberger Landestheater trägt Seghers’ Erzählung in eine Gegenwart, in der sich Menschen weiterhin auf der Suche nach Sicherheit und Zugehörigkeit zwischen Grenzen bewegen. Es geht um Flucht als existenziellen Zustand, um das Gefühl, in der Schwebe zu leben – ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Es geht um die Ungewissheit und das Festgesetztsein zwischen den Stationen eines Lebens, das sich nicht mehr selbstbestimmt steuern lässt. Die Stadt selbst wird zur Bühne eines absurden Schauspiels aus Hoffnungen und Enttäuschungen, Träumen und Realitäten.

Bella Angora lebt und arbeitet nach zahlreichen Auslandsaufenthalten (London, San Francisco, Hamburg, Zürich, Kopenhagen) in Wien. Sie begann ihre Karriere als Musikerin. Seit 2001 bewegt sie sich in der Doktrin des Performativen. Ihre Produktionen sind meist Kombinationen aus Video, Installation, literarischen Elementen sowie Livemusik.

Ihre kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen erfolgt symptomatisch und basiert im Wesentlichen auf persönlichen Reflexionen und Erfahrungen. Dabei fungiert ihr Körper als Trägermaterial und Projektionsfläche. In ihren intensiven Performances lenkt sie den Blick der Zuschauer auf den Punkt, an dem sie sich selbst wiedererkennen könnten. Angora thematisiert die großen Fragen unserer Zeit in berührenden, intimen und ausdrucksstarken Aktionen.

Darüber hinaus ist die Verschmelzung von Emotion und Intellekt die treibende Kraft hinter ihrer Arbeit. Aus ihrer Sicht ist der komplementäre Begriff zur Ratio(nalität) nicht die Irrationalität, sondern die Emotionalität. Anstatt für die Polarität von Vernunft und Irrationalität einzutreten, bemüht sie sich um ein Gleichgewicht zwischen den logischen und psychologischen Aspekten des menschlichen Lebens. Inwieweit kann dieses Gleichgewicht zwischen Herz und Verstand unsere Lebensweise, unsere Entscheidungen, unsere Wahrnehmungen oder sogar die Welt, in der wir leben, beeinflussen?

Wetterfühlig – Bella Angora
Sonntag, 28. Dezember und Samstag, 3. und 4. Januar, jeweils 19:30 Uhr, Box

Mit Bella Angora, Isabella Campestrini und Nico Raschner
Inszenierung, Bühne und Kostüm: Bella Angora
Musik: Oliver Stotz
Video: Sarah Mistura
Dramaturgie: Stephanie Gräve