Die nächste Ausstellung im Kunstraum Remise in Bludenz ist dem Schaffen der 1987 in Tokio geborenen Künstlerin Mari Iwamoto gewidmet. Iwamoto studierte am Hiko Mizuno College of Jewelry in Tokio und schloss ihr Studium 2017 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Professor Otto Künzli und Prof. Karin Pontoppidan mit einem Diplom ab. In ihrer Arbeit setzt sie sich häufig mit Fragen der Identität, Zeit (Erinnerung), Politik, Zugehörigkeit und dem Gefühl der „Dislokation“ auseinander, das sie als Grenzgängerin zwischen der japanischen und deutschen Kultur immer wieder erlebt. Iwamoto, die heute überwiegend in München lebt und arbeitet, ist für Arbeiten bekannt, die sich an der Schnittstelle von Schmuckkunst, Objekt und Text bewegen.
In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich mit der Materialität natürlicher Dinge wie Gemüse, Samen, Brot oder Sand sowie der Prozessualität alltäglicher Techniken wie Kleben, Kochen, Pressen oder Schälen. Auf dieser Basis realisiert sie künstlerische Ideen zu Themen wie Individualität, Politik, Gesellschaft oder auch Vergänglichkeit. Die für das Programm des Kunstraums Remise verantwortliche Kuratorin und Künstlerin Christine Lederer erläutert: „Iwamotos Œuvre gliedert sich in eine philosophisch-künstlerische Erzählpraxis mit einem hohen Maß an Feinsinnigkeit und in eine akribisch sensible Arbeit mit der Materialität. All das drückt sich in skulpturalen Werken aus.“
Im Zentrum der Iwamoto-Schau im Kunstraum Remise steht eine Installation mit drei Skulpturen, die formal überdimensionalen Playmobil-Figuren nachempfunden sind. Durch heiße Luft aufgebläht, verwendet die Künstlerin in den hohlen Köpfen ihrer Protagonist:innen Samen – in diesem Fall Maiskörner. Den hohlen Kopf, den die Spielfiguren ursprünglich haben, füllt Iwamoto mit Popcorn. Die Körper der Figuren sind mit Müllsäcken behangen, die jeweils mit Maiskörnern gefüllt sind. Iwamoto setzt das Popcorn nicht als dekorative Referenz ein, sondern als Instrument einer Machttechnik. Die starke Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit führt schnell dazu, dass alles zu einer Show wird. Dabei sind klare Rollen, ein Publikum und eine dramatische Geschichte oft wichtiger als das, worum es eigentlich geht. Christine Lederer sagt dazu: „Diese Arbeit zeigt auf, wie schnell unser Wahrnehmen in vorgefertigte, kindlich glatte Formen rutscht – und wie bequem diese Formen das Kritische dämpfen können.“
Iwamoto nutzt also das bekannte Spielzeugsymbol, um komplexe psychologische und gesellschaftliche Zustände zu visualisieren. Durch die Verwendung der ikonischen Playmobil-Kopfform, die oft als gesichtslos oder standardisiert wahrgenommen wird, thematisiert sie gleichsam das Konzept des Individuums als bloßen Teil einer Masse. Im Rahmen der Installation dient die überlebensgroße Figur auch als Stellvertreter:in für anonyme Bürger:innen, deren Identität hinter der standardisierten Form verschwindet.
Stephan Janitzky, ein Künstlerkollege Iwamotos, verweist in einem Essay zu diesem Werk der japanischen Künstlerin auf dessen politische Dimension: „Die Politik inszeniert sich selbst als Performance, wobei die Grenzen zwischen Realität und theatralischer Inszenierung verschwimmen, es klar identifizierbare Akteure gibt und möglichst viele Zuschauer:innen. Wie Popcorn, das im Übermaß konsumiert wird, können so politische Diskussionen zu einer oberflächlichen Befriedigung (und unkritischen Befriedung) führen, ohne die nötige Substanz für nachhaltige Veränderungen zu bieten.“
Würfel aus Paprikasamen
Ein oft wiederkehrendes Thema im Schaffen Iwamotos ist die Funktion und der Sinn von Arbeit und Tätigkeit für die Gesellschaft. So zeigt sie im Kunstraum Remise unter anderem einen Würfel, dessen Grundmaterial ausschließlich aus Paprikasamen besteht. 600 Arbeitsstunden hat sie in diese Skulptur investiert, die über eine enorme farbliche Ausstrahlung verfügt. Die Farbe ist gleichzeitig das Material und umgekehrt.
Anhand eines viele Jahre ungeöffneten Wörterbuchs setzt sich Iwamoto außerdem mit der Sprache auseinander. Sie geht der Frage nach, warum Wörter aufhören zu existieren und in Vergessenheit geraten, als wären sie nie vorhanden gewesen. Die Künstlerin wundert sich: „Hören Worte, die nie von Mensch zu Mensch weitergegeben wurden, auf zu existieren und verschwinden, als hätten sie nie existiert?”
Mari Iwamoto
6.3.–19.4.
Eröffnung: 5.3., 20:00 Uhr
Kuratorin: Christine Lederer
Mi–Sa, So u. Feiertage, 15–18 Uhr