Im Rahmen des Bregenzer Kultursommers, der dieses Jahre unter dem Titel „Moment of Impact“ steht und damit die Effekte der Kunst ins Zentrum rückt, bespielen Roland Adlassnigg und Amrei Wittwer derzeit die vier mal drei Meter grosse „Blackbox“ im Erdgeschoss des Magazin 4. Die beiden übertiteln ihre Schau mit „Dunkelraum/Metanoia“ und verweisen damit auf den permanenten Impakt virtueller Welten, der zurück zum Material, zum Handwerk, zum Unscheinbaren, zum Lebendigen treibe, wie Adlassnig und Wittwer postulieren.
Der Begriff "Metanoia" stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet wörtlich „nach dem Denken“ oder „das Umdenken“. Er beschreibt eine tiefgreifende, fundamentale Wandlung der Haltung, ein radikales Umdenken, eine Sinnesänderung oder eine innere Umkehr, die das gesamte weitere Handeln und die Weltsicht prägt. Heute wird so ein Wandel oft auch als „Mindshift“ bezeichnet, eben wenn Krisen oder neue Erkenntnisse ein radikales Umdenken in der Lebens- oder Unternehmensführung erfordern.
Die gezeigten Werke setzen sich hintergründig mit dem menschlichen Fußabdruck auf der Erde auseinander. Der Mensch wird hier als spürbarer und oft rücksichtsloser „Kratzer auf der Biosphäre“ (Wittwer) thematisiert.
Roland Adlassniggs dreiteilige Arbeit „Impact. Back to Nature, Reverse, Reverse“ spürt der materiellen und metaphorischen Metamorphose des Elements Holz nach. Die Trilogie beginnt mit einem archaischen Bild: Eine im Holz verkeilte Axt symbolisiert den Akt der Rodung und den Beginn der menschlichen Zivilisationskette. Der anschließende, präzise aus Rindenfragmenten geschichtete Würfel übersetzt dieses Naturmaterial in die rationale Formensprache ökonomischer Verwertung. Das Finale der Installation bricht diese Ordnung jedoch radikal auf. Ein alltäglicher Einkaufswagen wurde vom Künstler sechs Jahre lang im Dickicht eines Haselstrauches positioniert. Das Ergebnis ist eine symbiotische Skulptur: Die Äste haben sich kraftvoll ihren Weg durch das starre Raster des Gitters gebahnt. Es ist ein eindrückliches Memento dafür, dass sich die Natur ihren Raum letztlich unnachgiebig zurückerobert.
Mit der Werkserie „Scarabaeidae/Viridian“ verweist Amrei Wittwer dieAmbivalenz zwischen mythologischer Ikonographie und ökologischer Dringlichkeit. Ihre in intensiver Farbigkeit ausgeführten Ölgemälde zeigen den Skarabäus – jene historisch im alten Ägypten als Symbol für Leben, Sonne und Wiedergeburt verehrte Mistkäferart –, weiten den Blick jedoch zeitgleich auf das gegenwärtige, krisenhafte Anthropozän. Die Verknüpfung dieser kulturhistorischen Symbolik mit der aktuellen Biodiversitätskrise in Vorarlberg, wo bedrohte Spezies wie Mai- und Nashornkäfer 2026 Gegenstand einer bundesweiten Schutz- und Dokumentationskampagne sind, verleiht den Arbeiten eine brennende Aktualität.
Konzeptuell vollzieht Wittwer eine radikale Umkehrung etablierter Hierarchien. Die visuelle Skalierung des Kleinen ins Monumentale transformiert den Käfer vom Betrachtungsobjekt zum handlungsmächtigen Subjekt. Diese perspektivische Inversion attackiert direkt unsere gewohnten Blick- und Machtstrukturen und konfrontiert das Publikum mit essenziellen Fragen nach planetarer Verantwortung und Handlungsvermögen. Die ästhetische Praxis der Künstlerin versteht sich hierbei explizit als politischer Diskursbeitrag: Pointiert positioniert sie sich gegen den von der Vorarlberger Landesregierung avisierten Kurs eines vermeintlich bürokratiearmen „Naturschutzes mit Hausverstand“ und fordert angesichts der Klimakrise eine strikte, rechtlich verbindliche Verschärfung des Natur- und Artenschutzes.
Roland Adlassnigg, Amrei Wittwer: „Dunkelraum/Metanoia“
Magazin 4, Blackbox, Bregen
Noch bis 28.8.
Di-Fr 10-12, 13-17