“Walking in paradise“ - Johan Jansen im Forum für aktuelle Kunst in der Villa Claudia in Feldkirch

Die Künstler:innen-Vereinigung KunstVorarlberg widmet ihre diesjährige große Sommerausstellung dem aus den Niederlanden stammenden und seit 2009 in Vorarlberg lebenden Maler Johan Jansen. Unmittelbarer Anlaß dieser Schau ist die Erkrankung des Künstlers an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer schweren, fortschreitenden Erkrankung des motorischen Nervensystems, die zu Lähmungen führt. Der Verkaufserlös soll lebenswichtigen Medikamenten sowie einem speziellen Sprachcomputer mit Augensteuerung zugute kommen. Es ist dem Künstler ein persönliches Anliegen, diese bislang noch unheilbare Krankheit öffentlich zu thematisieren.

Wurzeln in der klassischen holländischen Landschafts- und Blumenmalerei

Johan Jansen, 1957 im niederländischen Roosendal geboren und dort auch aufgewachsen, hat seine künstlerischen Wurzeln in der klassischen holländischen Landschafts- und Blumenmalerei und hat schon häufig ausdrucksstarke, farbintensive Blumenstillleben präsentiert. Aber er nutzt die Malerei vor allem auch als Werkzeug zur Wirklichkeitsüberprüfung. In den neueren Arbeiten beschäftigt er sich intensiv mit der Schnittstelle zwischen digitaler und analoger Wahrnehmung. So verarbeitet er in seinen Ölbildern verpixelte Google-Street-View-Ansichten, Wolkenformationen aus Lockdown-Zeiten oder digitale Verzerrungen, um zu hinterfragen, wie Technologie unsere Wahrnehmung der Realität beeinflußt und manipuliert. Beispielsweise graste der Künstler das Internet nach Fotografien von Brücken ab und ließ sie auf Alu-Dibond-Platten drucken. Die gegenständlichen Motive überzog er in der Folge mit abstrakten, ölfarbenen Pinselstrichen und legte somit zwei unterschiedliche Realitätsebenen übereinander und konfrontierte damit die Betrachterschaft.

Seinen Bachelor in Malerei erwarb Jansen an der Akademie der bildenden Künste in Breda, einer historischen Stadt in Nordbrabant. Seit 1993 ist er als selbstständiger Kunstschaffender tätig. Von 1999 bis 2006 leitete er zudem als Direktor die Artotheek18, bei der Privatpersonen und Unternehmen nach dem Prinzip einer Leihbibliothek Kunstwerke wie etwa Gemälde, Skulpturen und Fotografien gegen eine geringe Gebühr für einen bestimmten Zeitraum mieten konnten. Weiters unterrichtete er von 2004 bis 2006 als Professor für Multimedia und Arts am Ausbildungszentrum ROC (Regionaal Opleidingscentrum) in Roosendaal. Da in den Niederlanden in der Regel nur die Kunstakademien in großen Städten staatlich gefördert werden, vermittelte Jansen zwischen mehreren Gemeinden im ländlichen Westbrabant und hob mit diesen das „Zentrum für bildende Kunst Westbrabant“ aus der Taufe, dem er in der Folge von 2006 bis 2007 auch als Gründungsdirektor vorstand.

Als er dann auf einer Pilgerreise entlang des Jakobsweges die Bludenzer Textilkünstlerin Angelika Tschofen kennenlernte, die dafür bekannt ist, aus alten Stoff- und Kleiderresten Monster-Buchstaben, schräge Porträts und schaurig-schöne Puppen zu schaffen, übersiedelte er 2009 nach Bludenz. In Bludenz-Unterstein richtete er sich ein Atelier ein, zeigte seine Werke vorerst aber nur abseits des offiziellen Kunstbetriebs. Erst ab 2019, als er den beiden Vorarlberger Kunstvereinigungen beitrat, wurde er hierzulande sukzessive einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Fünf Räume, fünf Themen

Der Titel der Sommerausstellung in der Villa Claudia, „Walking in Paradise“, basiert auf Jansens Leidenschaft für das Wandern. Die langsame Fortbewegung des Gehens inspirierte ihn, die Natur anders zu sehen. Im Zuge dieser Wanderungen sind auch zahlreiche Fotografien entstanden, beispielsweise in Skandinavien oder Irland, sowie Landschaftsbilder in Öl und Acryl, die er daraus entwickelt hat. Diese sind in einem eigenen Raum zu sehen.

In einem anderen Raum sind die sogenannten Rachel-Bilder versammelt. Diese sind als eine Hommage an die zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Blumen- und Stilllebenmalerinnen des niederländischen Barocks zählenden Rachel Ruysch (1664–1750) zu sehen. Ruysch griff immer wieder zu überraschenden Tricks, um eine täuschend echte Dreidimensionalität in ihren Stillleben zu erzeugen. So arbeitete sie gelegentlich echte Schmetterlingsflügel in die noch feuchte Ölfarbe ein. Beim Abziehen blieben die winzigen Schuppen und Härchen auf der Leinwand haften, was den Insekten einen unnachahmlichen, natürlichen Schimmer verlieh. Oder sie tunkte für die Darstellung von Waldböden echtes, getrocknetes Moos in Farbe und stempelte damit die Leinwand. So kopierte sie die raue Naturstruktur perfekt.

Auch für die Werkbeispiele aus dem Zyklus „Looking at Clouds“, die durch einen ungewöhnlichen Blickwinkel überraschen, ist ein eigener Saal reserviert. Diese Bilder (Öl, Acryl und Ölsticks auf Leinwand) sind nämlich aus der „Grasnarbenperspektive“ gemalt. Wie bei einem Fisheye-Objektiv wird ein 180-Grad-Bildausschnitt tonnenförmig erfaßt. Grashalme, Blumen, Blüten, Blätter etc. neigen sich von den Rändern zur Mitte und lassen im Zentrum den Blick auf den Wolken und Himmel frei. Natürlich, wie von Jansen gewohnt, perfekt umgesetzt und mitunter von gestischen Unkorrektheiten überlagert.

Die ALS-Diagnose löste beim Künstler einen enormen Produktionsschub aus. Denn er tut, was er immer schon tun musste, nur verstärkt: Er malt. Dabei eröffnen sich auch neue Wege. Die Blumenbilder, die neu entstehen, werden mit fortschreitender Beeinträchtigung der Bewegungsabläufe nämlich zunehmend abstrakter. Um die Malpinsel besser festhalten zu können, befestigt der Künstler kleine, aufgeschlitzte Bälle an den Stielen. Die Abstraktion entspricht auch durchaus der Auffassung Jansens von Malerei. Sie hat für ihn dieselbe Wertigkeit, wie die fotorealistische Malerei, die er allerdings immer mit Überraschungseffekten überlagert. Johan Jansen: „Beides ist Farbe auf Leinwand!“ Diese neuen Gemälde, die der Künstler als „ALS-Bilder“ bezeichnet, besetzen den hinteren grossen Raum des „Forums für aktuelle Kunst“ in der Villa Claudia.

Abgerundet wird die Werkschau Jansens durch eine Reihe älterer Werke („Landscapes“), die die technische Perfektion eines Künstlers untermauern, dessen Motive wie eben Landschaft und Blumenarrangements stark an altmeisterliche holländische Maltraditionen erinnern, der aber in seine Bilder immer wieder überraschende Elemente einbaut, die die Wahrnehmungsgewohnheiten des Betrachters auf die Probe stellen. Solche "Stör-Elemente", die nicht nur irritieren, sondern auch zum Nachdenken anregen sollen, können etwa Verwischungen, Unschärfen, Übersprühungen oder breite Pinselstrichspuren sein.

Johan: Jansen: „Walking in Paradise“
KunstVorarlberg, Villa Claudia, Feldkirch
09.07.-09.08.2026
Eröffnung: 09.07., 19.00 Uhr. Einführung: Gabriele Bösch
Führung mit Margot Prax: 19.07., 11.00 Uhr
Führung mit Erhard Witzel: 26.0.7., 11.00 Uhr
Fr 16-18, Sa 15-18, So 10-12 u. 15-18