3. Dezember 2019 - 10:09 / Ausstellung / Architektur 
5. Dezember 2019 10. Februar 2020

Experimentierfreudige BauherrInnen, wegweisende ArchitektInnen, ein liberales Baurecht und eine offene Bevölkerung sind dafür verantwortlich, dass im Ländle seit fünf Jahrzehnten eine ganz besondere Dichte an interessanter Architektur entsteht.

Als eine "Synthese von konstruktiver und räumlicher Vernunft" bezeichnete Friedrich Achleitner etwa das Werk von Hans Purin, einem Mitbegründer der "Vorarlberger Baukünstler" in den 1960er-Jahren. Seit damals gilt Vorarlberg als Vorzeigeregion, wenn es um ressourcenschonende und formal schlüssige Architektur geht: wegweisende partizipative Siedlungsprojekte, die eine Lanze für den verdichteten Flachbau brachen, innovative Schulbauten, die die Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt stellten, aber auch reizvolle Einfamilienhäuser, in denen sich tradierte Handwerkskunst und eine Reduktion auf das Wesentliche verbanden. Im Jahr 2000 bezeichnete das internationale Magazin Wallpaper Vorarlberg gar als "the most progressive part of the planet when it comes to new architecture. […] The hills are alive with outstanding architecture".

Die Ausstellung "Vorarlberg – Ein Generationendialog" spannt den Bogen von den legendären Anfängen der Vorarlberger Baukünstler Hans Purin, Rudolf Wäger, Gunter Wratzfeld und der Architektengemeinschaft C4 – sie alle befinden sich mit ihren Archiven in der Sammlung des Az W – zur aktuellen Generation, vertreten durch "Artec" Architekten, bernardo bader architekten, Cukrowicz Nachbaur Architekten, Matthias Hein und Helena Weber. Den Generationendialog nimmt dieses SammlungsLab dabei wörtlich. Inmitten von Modellen, Skizzen, Plänen und Fotos ihrer Bauten sind die Begegnungen von "Alt und Jung" und ihre Auseinandersetzung mit der Architekturlandschaft Vorarlberg in filmischen Gesprächen dokumentiert. Wo liegen und lagen die Stärken der Architektur in Vorarlberg, wo die blinden Flecken? Welche Einsichten aus den 1960er-Jahren, von Leistbarkeit, über Ressourcenschonung bis Zersiedelung, haben bis heute nicht an Aktualität verloren? Wie hat sich das kulturelle und gesellschaftspolitische Umfeld verändert?

Die für die Ausstellung produzierten filmischen Begegnungen wurden an Originalschauplätzen in Vorarlberg von der ORF-Journalistin Ingrid Bertel gestaltet. Sie ist selbst in der Siedlung Halde von Hans Purin aufgewachsen. Wir erfahren unter anderem, welche Rolle Gunter Wratzfeld für die Gründung des Büros von Cukrowicz Nachbaur Architekten gespielt hat, warum Helena Weber über die Schule Hasenfeld in Lustenau von der Architektengemeinschaft C4 gearbeitet hat, was Matthias Hein und Karl Sillaber (Mitglied der C4) außer den regelmäßigen gemeinsamen Schwimmeinheiten noch verbindet, ob Bettina Götz‘ ("Artec" Architekten) Entscheidung, Architektur zu studieren, etwas damit zu tun hat, dass sie ebenfalls in der Siedlung Halde aufgewachsen ist und was Bernardo Bader an Rudolf Wäger besonders imponiert hat.

Als Bindeglied zwischen Ausstellung und Filmen fungiert ein vom Vorarlberger Designer Robert Rüf eigens entworfener Tisch, der zu allen Schauplätzen mitgereist ist und an dem nun die Besucher_innen der Ausstellung Platz nehmen können. Rüf zeichnet auch für die Ausstellungsarchitektur verantwortlich, welche die Hauptwerke der zwei Generationen mit einer Fülle von Originalmaterialien zueinander in Beziehung setzt.

Eine Insel der Seligen ist Vorarlberg nicht mehr, so eine Erkenntnis der Ausstellung. Das Rheintal ist eine der dynamischsten Agglomerationen Europas mit einer durchaus "raumgreifenden" Entwicklung: Mittlerweile ist es nach Wien und Graz der am dichtesten besiedelte Ballungsraum Österreichs. "Schaffa, schaffa, Hüsle baua" war lange Zeit Programm für die Bevölkerung. Neben vereinzelten Versuchen, verdichtetes Wohnen durchzusetzen, entstanden in den letzten Jahrzehnten unzählige Einfamilienhäuser – augenzwinkernd als "Holzkisten in der Landschaft" bezeichnet. Der rasante Verbrauch von Grünflächen führte zu einer voranschreitenden Zersiedelung und mittlerweile ist finanzierbarer Grund Mangelware. Ist das noch nachhaltiges Bauen?

Ist vielleicht der Zeitpunkt gekommen, den Stimmen von damals wieder mehr Gehör zu schenken? Wie schafft man behutsame Nachverdichtung, die einerseits die landschaftlichen Gegebenheiten pflegt und andererseits den dringend benötigten Wohnraum liefert? Matthias Hein stellt lapidar fest: "Die Architekten der 1960er- bis 1980er-Jahre waren viel weiter als wir. Wir bauen heute keine Siedlungen mehr, sondern hauptsächlich Einfamilienhäuser." Dabei muss man sich vor Dichte nicht fürchten, wie Gunter Wratzfeld bemerkt: "Dichte führt nicht automatisch zu Problemen, Dichte kann auch Qualität haben." Und schon Friedrich Achleitner konstatierte, dass Dichte nicht ein rein ökonomischer Wert ist: "Sie bedeutete in der Entwicklung der Menschheit immer auch gesellschaftliches Leben, Information, Kultur, also die Potenzierung individueller Fähigkeiten in der Gemeinschaft."

Die Ausstellung wird ab 13. März 2020 auch im vai – Vorarlberger Architektur Institut in Dornbirn gezeigt.

Vorarlberg – ein Generationendialog
5. Dezember 2019 bis 10. Februar 2020

Architekturzentrum Wien
Museumsplatz 1, im MQ
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52231-15
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E: office@azw.at
W: http://www.azw.at/

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  •  5. Dezember 2019 10. Februar 2020 /
Bernardo Bader, Islamischer Friedhof, Altach, 2007–2012, Blick auf die ornamentale Holzwand und den Innenhof © Foto: Adolf Bereuter
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Bernardo Bader, Islamischer Friedhof, Altach, 2007–2012, Lichtstimmung im Hof © Architekturzentrum Wien, Sammlung
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Architektengemeinschaft C4, Volksschule, Nüziders, 1959–1963, spielende Kinder im Pausenhof zwischen den beiden Klassentrakten © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Erika Sillaber
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Karl Sillaber, Mitglied der Architektengemeinschaft C4, und Matthias Hein im Gespräch vor der imposanten Bergkulisse rund um die Volksschule in Nüziders, erbaut 1959–1963 von der Architektengemeinschaft C4. © Foto: Nikolai Dörler
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Cukrowicz Nachbaur Architekten, vorarlberg museum, Bregenz, 2007–2012, Eingangsfassade © Foto: Adolf Bereuter
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Cukrowicz Nachbaur Architekten, vorarlberg museum, Bregenz, 2007–2012, Fassadendetail mit Schriftzug und charakteristischer Struktur aus unterschiedlichen Flaschenböden © Foto: Hanspeter Schiess
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Helena Weber, Haus am Fels, Feldkirch, 2012–2015, Blick ins Atrium © Foto: Adolf Bereuter
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Matthias Hein, Kinderhaus, Kennelbach, 2017–2019, bemalbare Wände des Hauses im Haus © Architekturzentrum Wien, Sammlung
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Matthias Hein, Kinderhaus, Kennelbach, 2017–2019, der markante Holzbau des Kinderhauses in ländlicher Umgebung © Foto: David Schreyer
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Hans Purin, Siedlung Halde, Bludenz, 1965–1967, Blick auf den aus neun Häusern bestehenden zweiten Teil der Siedlung © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Friedrich Achleitner
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Rudolf Wäger, Siedlung Ruhwiesen, Schlins, 1971–1973, Innenraum © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Friedrich Achleitner
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Rudolf Wäger, Siedlung Ruhwiesen, Schlins, 1971–1973, Außenansicht der verdichteten Flachbausiedlung © Architekturzentrum Wien, Sammlung
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Rudolf Wäger, Siedlung Ruhwiesen, Schlins, 1971–1973, Eingabeplan mit Südansicht der sich flach im Gelände entwickelnden Siedlung © Architekturzentrum Wien, Sammlung
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Gunter Wratzfeld, Jakob Albrecht, Eckhard Schulze-Fielitz, Achsiedlung, Bregenz, 1971–1982, niedriggeschossige Punkthäuser gruppieren sich um zahlreiche Höfe © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Margherita Spiluttini
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Gunter Wratzfeld, Jakob Albrecht, Eckhard Schulze-Fielitz, Achsiedlung, Bregenz, 1971–1982, Lageplan © Architekturzentrum Wien, Sammlung
Gunter Wratzfeld, Jakob Albrecht, Eckhard Schulze-Fielitz, Achsiedlung, Bregenz, 1971–1982, Lageplan © Architekturzentrum Wien, Sammlung