20. März 2021 - 12:14 / Ausstellung / Geschichte 
2. Oktober 2020 2. Mai 2021

Die Ausstellung beleuchtet eine Zeit der Extreme und Gegensätze, voller Hoffnung und Elend, Licht und Schatten, die auch Assoziationen an die Gegenwart wecken. Im Dialog zwischen Malerei und Fotografie stellt die Ausstellung Höhepunkte einer Kultur vor, die künstlerisch voller Innovationen steckte und in der sich zugleich Vorboten des kulturellen Niedergangs im Nationalsozialismus mehrten.

Die moderne Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit in der Malerei und des Neuen Sehens in der Fotografie strebte eine sachliche und realistisch-veristische Wiedergabe des Bildgegenstands an. Charakteristisch ist der kühle distanzierte Blick auf das Geschehen, der die Welt ohne Illusionen, nüchtern und weitgehend emotionslos erfasst. In Abkehr von dem hymnischen Pathos des Expressionismus richteten die Maler_innen nunmehr ihre Aufmerksamkeit auf vermeintlich Banales, auf den Alltag der Großstadt und auf "häßliche" Sujets.

Wie die Malerei befand sich auch die Fotografie Anfang der Zwanziger Jahre im tiefgreifenden Umbruch. Statt malerischer Unschärfe, die eine Nähe zur Kunst des Impressionismus und Symbolismus suggerierte, bekannten sich die modernen Fotograf_innen zur Bildschärfe und zu einer unmanipulierten Darstellung der Wirklichkeit.

Zeitgenössische Kunstkritiker wie Adolf Behne oder Paul Westheim haben auf die Präsenz einer fotografischen Ästhetik in der Malerei der Neuen Sachlichkeit schon frühzeitig hingewiesen. Zu dieser Präsenz des Fotografischen zählen die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Stofflichkeit, Materialität und Oberflächentextur, außerdem die Fragmentierung und Isolierung des Gegenstands, oder die Wahl von Nah-, Auf- und Schrägsichten, welche die Komposition in einen dynamischen Bildraum verwandeln.

Die figurative Malerei und Fotografie der 20er Jahre verbindet die Rückbesinnung auf den Gegenstand. Technische Apparate oder gewöhnliche Alltagsobjekte wurden mit liebevoller Hingabe zum Detail wiedergegeben. Dieses Bekenntnis zur "Ordnung der Dinge" geht in der Malerei einher mit einer Rückbesinnung auf handwerkliche Traditionen. Mit Hilfe der altmeisterlichen Öllasurtechnik ließen sich beispielsweise Gegenstände wirklichkeitsnah darstellen und zugleich jede gestische Spur zugunsten einer glatten Oberfläche tilgen. Die besondere Eigenschaft, die Oberfläche und Gestalt prägnant zu erfassen, prädestinierte die Fotografie für den Einsatz in der Reklame im Wechselspiel mit moderner Typografie und Bildmontage. Diese allgegenwärtige Ästhetisierung des Alltäglichen fand bei Zeitgenossen nicht nur Zustimmung, sondern rief auch Kritik hervor. Walter Benjamin beispielsweise warf dem Fotografen Albert Renger-Patzsch Verklärung und Verschleierung der eigentlichen Realitätsverhältnisse vor und kritisierte die neusachliche Fotografie als modische Affirmation der bestehenden Ordnung im Kapitalismus. Diese Systemkritik schloss in den Zwanziger Jahren auch die allgemeine Technikeuphorie in einer modernen Industriegesellschaft mit ein. Die vielfach als Maschinenkunst bezeichnete Fotografie schien besonders dafür geeignet, die Welt der Technik und die Stätten der industriellen Produktion bildlich zu erfassen. Doch auch Maler wie Carl Grossberg widmeten sich in ihren Werken dem Innenleben von Fabrikanlagen wie Kessel, Druckwalzen oder Gasometer. Die Schattenseiten einer technisierten Gesellschaft blieben in der Malerei und Fotografie jedoch weitgehend ausgespart.

Die Ausstellung spürt diesem künstlerischen Dialog zwischen Malerei und Fotografie erstmals mit besonderem Fokus auf sieben Kapitel nach: Stillleben/Die Dinge, Maschinenkunst und Technikkult, Akt und Selbstbildnisse, Individualportrait und Typenbildnis, Architektur/Stadtansicht sowie politische Collagen. Das letzte Kapitel präsentiert Arbeiten von Karl Hubbuch, Georg Scholz und John Heartfield, in denen sich die gesellschaftliche Entwicklung in der Weimarer Republik kritisch verdichtet.

Ausstellung präsentiert Werke, die in Deutschland zwischen 1920 und 1935 gelebt und gewirkt haben. Neben circa 250 Fotografien, Gemälden und Grafiken sind auch die wichtigsten Fotopublikationen der Zeit zu sehen sein. Die Künstler_innen der Ausstellung sind u.a. Aenne Biermann, Erwin Blumenfeld, Otto Dix, Hugo Erfurth, Carl Grossberg, George Grosz, Florence Henri, Hannah Höch, Karl Hubbuch, Germaine Krull, El Lissitzky, László Moholy-Nagy, Albert Renger-Patzsch, Walter Peterhans, Max Radler, August Sander, Georg Scholz, Sasha Stone, Umbo.

Welt im Umbruch.
Von Otto Dix bis August Sander – Kunst der 20er Jahre
2. Oktober 2020 bis 2. Mai 2021 (verlängert)

Münchner Stadtmuseum
St.-Jakobs-Platz 1
D - 80331 München

W: http://www.muenchner-stadtmuseum.de/

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  •  2. Oktober 2020 2. Mai 2021 /
Lotte Jacobi, Karl Valentin und Liesl Karlstadt, 1928, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie © Lotte Jacobi Archive, University of New Hampshire Library, Durham, USA.
Lotte Jacobi, Karl Valentin und Liesl Karlstadt, 1928, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie © Lotte Jacobi Archive, University of New Hampshire Library, Durham, USA.
Georg Scholz, Selbstbildnis vor der Litfaßsäule, 1926, Sammlung Staatliche Kunsthalle Karlsruhe © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Georg Scholz, Selbstbildnis vor der Litfaßsäule, 1926, Sammlung Staatliche Kunsthalle Karlsruhe © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Karl Hubbuch, Hilde und Karl Hubbuch vor dem Spiegel stehend, nach 1927, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie © Karl Hubbuch Stiftung / Städtische Galerie Karlsruhe 2020
Karl Hubbuch, Hilde und Karl Hubbuch vor dem Spiegel stehend, nach 1927, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie © Karl Hubbuch Stiftung / Städtische Galerie Karlsruhe 2020
Hannah Höch, Gläser, 1927, MHK, Neue Galerie – Sammlung der Moderne, Kassel © MHK, Neue Galerie – Sammlung der Moderne, Kassel / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Hannah Höch, Gläser, 1927, MHK, Neue Galerie – Sammlung der Moderne, Kassel © MHK, Neue Galerie – Sammlung der Moderne, Kassel / VG Bild-Kunst, Bonn 2020