Von der Antike zur Moderne – Medizin im Wandel der Zeit

Die Ausstellung in der Österreichischen Nationalbibliothek widmet sich der Entwicklung der Gesundheitsversorgung von der Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert und legt dabei einen besonderen Fokus auf Wien.

Dabei werden wissenschaftliche Fortschritte und die medizinische Ausbildung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und Bedrohungen thematisiert. Präsentiert werden wertvolle mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften, Autografen, Inkunabeln, außergewöhnliche Drucke, Grafiken, Karten, Fotografien und großformatige Stadtansichten sowie chirurgische Instrumente des Leibarztes Joseph II.

Beginnend mit griechischen Ärzten der Antike wie Hippokrates und Galen wird die Geschichte der Medizin anhand ausgewählter Beispiele beleuchtet: von der Klostermedizin und Krankenfürsorge des Mittelalters über die Überlieferung des antiken Wissens durch arabische Gelehrte bis hin zu den Gründungen der ersten Universitäten in Europa und schließlich zu wissenschaftlichen Fortschritten, die bis heute nachwirken. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist ein Gesundheitsratgeber aus dem Spätmittelalter, das sogenannte „Tacuinum sanitatis”. Die prachtvoll illustrierte Ausgabe der „Tabellarischen Übersicht der Gesundheit” stammt aus dem Jahr 1400 und basiert auf einem Werk des Arztes Ibn Butlan aus dem 11. Jahrhundert. Das Werk basiert auf der antiken Humoralpathologie, der Lehre von den vier Körpersäften (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim). In diesem Gesundheitsratgeber werden pflanzliche und tierische Nahrungs- und Genussmittel, die Jahreszeiten, Bekleidung und weitere Lebensbereiche, die das Gleichgewicht der Säfte beeinflussen können, thematisiert.

Thematisiert wird auch das Spannungsfeld zwischen akademischer Ärzteschaft und Naturmedizin seit der Antike sowie die Entwicklung der organisierten Gesundheitsfürsorge ab der Neuzeit. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf herausragenden Persönlichkeiten wie Gerard van Swieten, der als Leibarzt von Maria Theresia und Präfekt der Hofbibliothek die medizinische Ausbildung in Wien revolutionierte, sowie auf Joseph II., der das Spitalswesen mit dem Bau des Allgemeinen Krankenhauses und der Ausbildung der Chirurgen grundlegend reformierte. Dabei werden auch die ersten österreichischen Ärztinnen gewürdigt, die trotz vieler Widerstände und Vorurteile ihren Weg in die Medizin fanden.

Die Ausstellung vermittelt zudem Einblicke in die Lebenskontexte der Menschen verschiedener Epochen. So wird etwa das Tagebuch des Wiener Arztes Johannes Tichtel aus dem späten 15. Jahrhundert präsentiert und die heute kaum vorstellbaren Wohnverhältnisse in Wien über Jahrhunderte hinweg dargestellt, die zur Ausbreitung von Krankheiten wie Pest, Cholera und Tuberkulose beitrugen.

Parallel dazu lenkt der zweite Schwerpunkt der Ausstellung den Fokus auf Bewältigungsstrategien von Krisen, die zu wegweisenden Entwicklungen in der Medizin, dem Gesundheitswesen und der Infrastruktur führten. Bedrohungen wie Pandemien und Kriege verdeutlichen die Fragilität der menschlichen Gesundheit sowie die Bruchstellen der Gesellschaft und deren Wertesystem, erkennbar am Umgang mit Schwächeren. Vieles, was uns aktuell im Bereich von Gesundheit, Medizin und Sozialpolitik beschäftigt, sind keine neuen Fragen. Schwierige Zeiten mit (neuen) Krankheiten und politischen Krisen lösen – in der Antike wie heute – Unsicherheit aus, erzeugen Sorge und Angst und fördern gesellschaftliche Verwerfungen. Aberglaube und Gottesfurcht, politische Revolutionen und die Verfolgung von Randgruppen sind die Folge. Doch Brüche mobilisieren auch ungeahnte Kräfte, regen kommunikative Prozesse an und befeuern Wissenschaft und gesellschaftliche Innovationen. Beispiele dafür sind Impfungen, etwa die Einführung der Pockenimpfung im 18. Jahrhundert, bauliche Maßnahmen wie die Wiener Hochquellenleitung als Reaktion auf Choleraepidemien im 19. Jahrhundert, welche die Lebensqualität in der Stadt und damit auch die sozialpolitische Stabilität nachhaltig verbesserten, sowie die Schaffung eines flächendeckenden Gesundheitssystems, welches bis heute als Vorbild dient.

Medizin im Wandel der Zeit. Von der Antike zur Moderne
 1. März 2026