Das Kunsthaus Zürich zeigt eine umfassende Ausstellung des dänischen Künstlers Vilhelm Hammershøi (1864–1916). Die Schau widmet sich dem außergewöhnlichen Werk eines Malers, der mit subtilsten Farbnuancen arbeitete und dessen reduzierte Interieurs und stille Stadtansichten zu den eindringlichsten Bildwelten der europäischen Moderne zählen.
Hammershøi, der auch als „Vermeer des Nordens” bezeichnet wird, gehört in Dänemark zu den bedeutendsten Künstlern seiner Zeit und gilt dort als Nationalikone. Seine Gemälde zeigen meist leere Räume, verlassene Plätze oder von gedämpftem Licht durchdrungene Interieurs. Trotz ihrer scheinbaren Einfachheit entfalten sie eine eigentümlich dichte Atmosphäre: Die Räume wirken zugleich vertraut und fremd, die Gegenstände treten mit ihrer stillen Präsenz hervor, während die Figuren – häufig seine Frau Ida – oft nur von hinten zu sehen sind. Das Erzählerische tritt zugunsten einer konzentrierten Betrachtung von Raum, Licht und Stimmung zurück.
Gerade diese Konzentration auf das Wesentliche verleiht Hammershøis Kunst ihre besondere Eigenständigkeit. In seinen Bildern gewinnen alltägliche Dinge – ein leerer Teller auf dem Tisch, ein unbesetzter Stuhl oder ein Bild an der Wand – eine ungeahnte, oft beunruhigende Präsenz. Heimito von Doderer prägte einst den Ausdruck vom „möbelhaften Schweigen” der Dinge – eine Formulierung, die Hammershøis karge, von wenigen Objekten bestimmte Interieurs treffend beschreibt.
Was Hammershøis Werke besonders auszeichnet, ist ihre Sensibilität für feinste Nuancen. Seine Bilder leben von subtilen Abstufungen gedeckter Farben. Sanftes Licht fällt in eigentümlich stille Räume, Schatten breiten sich über helle Wände aus, während sich die Anordnung von Möbeln und Gegenständen von Bild zu Bild oft nur minimal verändert. Gerade diese kleinen Variationen schärfen den Blick der Betrachter und rücken deren Wahrnehmung ins Zentrum.
Obwohl Hammershøi oft als zurückgezogen beschrieben wird, stand er im Austausch mit internationalen Strömungen seiner Zeit. So bewunderte er etwa den US-amerikanischen Maler James McNeill Whistler, dessen Werke ebenfalls auf harmonische Farbarrangements und reduzierte Kompositionen setzen. Whistlers Praxis, seine Bilder als „Arrangements” oder „Symphonien” zu bezeichnen, findet eine Entsprechung in Hammershøis Werk. Auch bei ihm wird der Bildraum zunehmend von allem Anekdotischen befreit und der Fokus primär auf formale Aspekte gerichtet.
In diesem Sinne erscheint Hammershøis Kunst überraschend modern. Seine konzentrierten Bildkompositionen und die minimalen Veränderungen zwischen stets wiederkehrenden Motiven lassen Vergleiche mit jüngeren Kunstschaffenden zu, etwa mit dem italienischen Maler Giorgio Morandi, der in seinen Stillleben mit wenigen Objekten immer neue Variationen erprobte. Beide Künstler verbindet eine reduzierte Farbpalette und das Interesse daran, selbst kleinste Unterschiede sichtbar zu machen.
Der Ausstellungstitel „Maler des stillen Klangs” verweist zudem auf eine bislang wenig beachtete Dimension in Hammershøis Werk, nämlich die Beziehung zur Musik. In vielen seiner Bilder sind einzelne Instrumente wie Cello, Klavier oder Geige integriert. Auch biografisch lassen sich Verbindungen zur Musik nachweisen: Mehrere seiner Freunde und Sammler waren Musiker und Hammershøi selbst spielte als Amateur Cello.
Seine Gemälde entfalten eine besondere Form von Stille: nicht die Abwesenheit von Klang, sondern eine gespannte Ruhe, die an den Moment kurz vor Beginn eines Konzerts erinnert.
Die Ausstellung im Kunsthaus Zürich widmet sich nicht nur den berühmten Interieurs von Hammershøi. Es werden auch weniger bekannte Sujets wie Porträts, Stadtansichten und Landschaften präsentiert. Darüber hinaus verortet die Präsentation Hammershøis Werk in einem erweiterten kunsthistorischen Zusammenhang.
Einzelne Werke anderer Künstler:innen – darunter Jacobus Vrel, Adolph Menzel oder der zeitgenössische Maler Michaël Borremans – eröffnen eine „stille Kunstgeschichte”, in der sich über Jahrhunderte hinweg verwandte künstlerische Haltungen erkennen lassen.
Vilhelm Hammershøi – Maler des stillen Klangs
vom 3. Juli bis 25. Oktober 2026