In seiner Sommerausstellung präsentiert der Kunstverein Konstanz eine Gruppe von vier Künstlerinnen: Drei von ihnen – Christiane Dessecker, Leonie Mertes und Jaeyun Moon – haben bei der vierten, Katharina Hinsberg, Professorin für Konzeptuelle Malerei an der Hochschule der Künste Saar in Saarbrücken, studiert.
In der Ausstellung „Weiß auch, Grau, vielleicht schillernd” widmen sich alle vier Künstlerinnen dem Medium Zeichnung. Jede nähert sich dabei Aspekten wie Geste, Struktur, Differenz und Wiederholung auf eigene Weise. Ihnen allen ist die Annahme gemein, dass die zeichnerische Linie ihren Ursprung in der körperlichen Bewegung hat und sich im Raum oder im Bildkörper selbst plastisch einschreiben kann.
Christiane Desseckers Arbeit führt zurück in eine unlängst vergangene Zeit, die noch immer nachwirkt. Ihre wandfüllende Zeichnung aus vielen Einzelblättern mit dem Titel „Spreading mit unterschiedlichen Härtegraden“ entstand während der Pandemie und ist eine sehr eigenständige, persönliche Verarbeitung dieses bedrohlichen Geschehens. Je nach gemeldeten Fallzahlen zeichnete sie mit weicherem oder härterem Bleistift; die Verletzlichkeit höherer Fallzahlen stellte sie mit weicherem Strich dar und die hoffnungsvolle Erleichterung bei niedrigeren Fallzahlen mit härterem Bleistift. So entstanden wolkenartige Graphitgebilde in feinen Linien, die sich immer wieder zu Tier- und Pflanzenfiguren oder einer menschlichen Hand wie aus einer Höhlenzeichnung verdichten. Die eng aneinander gruppierten Einzelblätter lassen über zwei Wandflächen hinweg ein Geflecht entstehen, das die unablässige Folge und das kaum noch zu erinnernde Ineinanderübergehen von Tagen und Wochen dieser beunruhigenden Zeit spiegelt.
Farbe als Material kommt bei Jaeyun Moons Arbeiten ins Spiel. In einem komplexen, langwierigen Prozess trägt die Künstlerin immer wieder Farbe auf den Leinwandgrund auf und übermalt die einzelnen Schichten, die zunehmend unebener und furchiger geraten, bis zu hundert Mal. Auch bei ihr nehmen das Tagesgeschehen, ihre Stimmung und die sie bewegenden Gedanken Einfluss auf die Wahl der künstlerischen Mittel, auf den Druck, den sie mit dem Pinsel auf den Malgrund ausübt, und auf die Farbe, für die sie sich entscheidet. Längst hat sich die ursprünglich zweidimensionale Bildstruktur in ein Raumgebilde verwandelt, das Moon nun einer Bearbeitung unterzieht, die weniger malerisch als zeichnerisch das finale Werk entstehen lässt. Mit einem Messer schneidet die Künstlerin in die Farbschichten hinein, orientiert sich dabei an den Linien der einzelnen Farbverläufe und trägt in sorgfältig durchdachten Schritten behutsam Farbe ab, um darunterliegende Ebenen freizulegen. Farbenreich, helltönig oder dunkel schillern Moons Arbeiten.
Leonie Mertes’ Zeichenweise lässt sich zum einen als subkutane Operation beschreiben. Sie ritzt das weiße Blatt Papier mit einem Cutter leicht an, gerade ausreichend, um mit dem Graphitstift in die Öffnung zu fahren und diese zu vergrößern. Unter der Papierhaut arbeitet sich der Stift immer weiter vor, zieht seine graphitgrauen Linien, die dem unmittelbaren Blick der Zeichnerin entzogen sind und nur je nach Stärke des Aufdrucks durch das Papier hindurch schimmern. Auch bei einer zweiten Arbeitsweise bleibt das Papier nicht einfach nur der Zeichengrund: Mit einem spitzen Graphitstift löst sie, vom Rand des Papierbogens beginnend, durch eine kräftige, dichte Strichführung einzelne Fasern, die sich von der Fläche gewölbt in den Raum erheben. Es entstehen dunkle, gitterartige Strukturen, durchsetzt mit unregelmäßigen weißen Flächen, dort, wo der Papierbogen unbearbeitet blieb.
Katharina Hinsbergs Aufmerksamkeit gilt der Linie, die aber nicht nur auf Papier gezeichnet erscheint. Oft wird sie geschnitten, wobei sich der Schneideprozess mit Schere oder Skalpell, der filigrane Papierlinien entstehen lässt, in Energie und Zeitaufwand deutlich vom Gestus rasch und vehement gezeichneter Linien unterscheidet. In ihrer neuesten Werkgruppe „Säumnisse” wird der Schnitt so wichtig wie die Linie: Die Ausgangslinie ist hier der Blattrand, der mit roter Tusche eingefärbt und anschließend mit dem Messer entlang eines Lineals ausgeschnitten wird. Die entstehenden Schnittkanten werden erneut rot gefärbt, zueinander verschoben und zu einem neuen Format zusammengesetzt. Mit ihrer konzeptuellen Vorgehensweise, bei der Zeichnen auch Schneiden, Ritzen, Stanzen, Falten und Kleben des Papiers bedeuten kann, erneuert Hinsberg die Bedingungen und Möglichkeiten des Mediums Zeichnung.
Weiß auch, Grau, vielleicht schillernd
Christiane Dessecker, Katharina Hinsberg, Leonie Mertes und Jaeyun Moon
bis 20.09.2026