30. Juni 2015 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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In einer einzigen ungeschnittenen 140-minütigen Einstellung folgt Sebastian Schipper in seinem mit sechs deutschen Filmpreisen ausgezeichneten vierten Spielfilm fünf jungen Erwachsenen durch eine Berliner Nacht. Mag die Handlung auch nicht immer plausibel sein, so entwickelt das furiose filmische Experiment dennoch einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

Als noch auf Zelluloid gedreht wurde, waren Schnitte unumgänglich, da die Filmrollen etwa alle zehn Minuten gewechselt werden mussten. Doch schon Alfred Hitchcock erzeugte 1948 in "Rope – Cocktail für eine Leiche" den Eindruck einer durchgängigen Einstellung, indem er die Rollenwechsel durch Blicke auf schwarze Flächen wie einen Anzug oder einen Kasten kaschierte.

Im digitalen Zeitalter gibt es solche Probleme und Begrenzungen nicht mehr. Während in einer immer schneller werdenden Zeit einerseits die durchschnittliche Einstellungslänge im Kinofilm zwischen 1980 und 2003 von zehn auf sechs Sekunden sank – und bei Actionfilmen heute bei zwei bis drei Sekunden liegt - , finden sich neben der entschleunigten Montage bei Regisseuren wie Bela Tarr oder Andrej Tarkowskij in den letzten Jahren auch Experimente mit einer einzigen Einstellung.

Während freilich Oscar-Sieger "Birdman" nur scheinbar in einer Einstellung gedreht ist, in Wirklichkeit aber doch Schnitte enthält, zwischen denen Zeit verstreicht, hat der Russe Alexander Sokurov schon vor 14 Jahre seinen "Russian Ark" ohne Schnitt gedreht. In einer einzigen 90-minütigen Steadycamfahrt ließ er für diesen Film seinen Kameramann Tilmann Büttner am 23. Dezember 2001 durch 33 Räume der St. Petersburger Eremitage und vorbei an rund 2000 Schauspielern und durch 300 Jahre russische Geschichte streifen.

War bei Sokurov alles genau geplant, so umfasste das Drehbuch von Sebastian Schippers "Victoria" nur zwölf Seiten. Viel Raum für Improvisation gab es somit, doch vom Licht über die Schauspieler bis zu den Kamerabewegungen musste über 140 Minuten dennoch alles zusammenpassen, als nach dreiwöchigen Proben in Berlin gedreht wurde. Denn als es nach zwei vorangegangenen Versuchen am 27. April 2014 um 4.30 Uhr morgens zum dritten Mal "Kamera ab" hieß, ging es gleich um den ganzen Film.

Startend von einem Berliner Club, mit dessen wummernden Rhythmen dieses einzigartige Experiment einsetzt, heftet sich der norwegische Kameramann Sturla Brandt Grøvlen an die Fersen der jungen Spanierin Victoria (Laia Costa), die erst seit drei Monaten in der deutschen Hauptstadt lebt. In einer atemlosen 140-minütigen Einstellung wird er, bis der Morgen anbricht, der jungen Frau, die in dieser Nacht die vier etwa gleich alten Berliner Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) kennenlernt, durch die Straßen der Stadt folgen.

Locker unterhält man sich zuerst, steigt bald auf ein Hochhausdach und zwischen Sonne und Victoria entwickelt sich so etwas wie eine zarte Romanze. Schon verabschiedet sich die junge Frau, um sich noch ein paar Stunden im Café, in dem sie arbeitet, hinzulegen, als das Quartett doch wieder zurückkehrt und sie um einen Gefallen bittet. Denn Boxer (Franz Rogowski) ist einem schmierigen Gangster, der ihn im Gefängnis vor den Mithäftlingen schützte, noch etwas schuldig und soll für diesen in dieser Nacht eine Bank überfallen.

So wird die jugendliche Ausgelassenheit zunehmend von bitterem Ernst abgelöst, wandelt sich die Buddy-Geschichte, mit der Schipper an sein in Hamburg spielendes Debüt "Absolute Giganten" (1999) anknüpft, zum Gangsterfilm, bis die Reise in den Morgen ebenso blutig wie tragisch endet.

Man mag zwar den Kopf schütteln angesichts des unglaubwürdigen Verhaltens der Protagonistin, doch gering wiegt dieser Einwand angesichts des mitreißenden Sogs und der Kraft, die "Victoria" durch seine Inszenierung entwickelt. Hautnah ist man in dem atmosphärisch ungemein dichten Film an den großartig gecasteten und gespielten Figuren.

Hier bleibt man nicht distanzierter Zuschauer, sondern erlebt durch das Erzählen in Echtzeit das Geschehen unmittelbar mit. Weil es keine Vor- und Nebengeschichten, praktisch keine Nebenfiguren und kein langes Reflektieren, sondern nur dieses Quintett und das Hier und Jetzt dieser Nacht gibt, wird man quasi Teil der Handlung und der Emotionen der wunderbar frisch und natürlich spielenden Protagonisten.

Spielerisch leicht wechselt Schipper dabei zwischen Dialogszenen und solchen, in denen er Gespräche mit Musik überdeckt, zwischen ruhigeren Momenten und frenetischer Bewegung. So wirft der 47-jährige Regisseur den Zuschauer in diesem Großstadtfilm in einen Strudel der Gefühle, deren Bandbreite sich von lockerem Herumtollen bis zu bitterem Ernst, von zarter Liebe bis brutaler Gewalt, von Unbeschwertheit bis zu tiefster Verzweiflung, von höchster Anspannung und enormem Druck bis zu Erleichterung spannt.

Eine intensive sinnliche Erfahrung ist diese mit sechs deutschen Filmpreisen ausgezeichnete filmische Tour de Force, für die Kameramann Sturla Brandt Grøvlen schon bei der Berlinale völlig zurecht mit einem Silbernen Bär für eine herausragende künstlerische Leistung ausgezeichnet wurde.

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 6.7., 18 Uhr + Do 9.7., 19.30 Uhr
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 5.8. + Do 6.8. - jeweils 20 Uhr
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Do 13.8. bis Mo 17.8.

Trailer zu "Victoria"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

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