Die Sammlungspräsentation im Aargauer Kunsthaus gleicht einem visuellen Verwandtschaftstreffen: Selbstporträts von Künstlerinnen und Künstlern begegnen Darstellungen von Müttern, Onkeln und Cousinen. Wie porträtieren Kunstschaffende sich selbst und ihre Angehörigen? Wir stoßen auf malende Brüder, Bauernfamilien und Werke aus vier Generationen.
Doch Verwandtschaften finden sich nicht nur in Familien, sondern auch zwischen Werken. Sie können sich formal, motivisch oder technisch ähneln, über Zeiten und Gattungen hinweg. Die Ausstellung zeigt spannungsvolle und harmonische Konstellationen – wie in mancher Familie.
Obergeschoss
Raum 1
Im Eingangsbereich des Obergeschosses begrüsst The Family (2023) von Augustin Rebetez (*1986) die Ankommenden. Die Vogelfamilie aus Bronze wirft die Frage auf, wie Familienkonstellationen im Tierreich gelebt werden. Die Objekte wurden anlässlich der Einzelausstellung des Künstlers im Aargauer Kunsthaus im Jahr 2023 produziert und anschließend von den Freunden der Aargauischen Kunstsammlung angekauft. Das benachbarte Werk Mitternachtszirkus III (1984) von Claude Sandoz (*1946) zeigt eine Zirkusszene und setzt sich mit der Wiederholung von Motiven und Farben auseinander. Sandoz war als Dozent eine wichtige Person im Werdegang des Künstlers Omar Ba (* 1977), dessen Schaffen von Januar bis Mai 2027 in einer Einzelausstellung im Erdgeschoss zu sehen sein wird.
Raum 2
Dieser Raum ist Werken von Ferdinand Hodler (1853–1918) gewidmet. Zu sehen sind ein Selbstporträt des Künstlers sowie Darstellungen seiner Geliebten Valentine Godé-Darel auf dem Sterbebett und seines Sohns Hector. Eine Wahlverwandtschaft zeigt sich in Ohne Titel (Salon Hodler) (1992) von Louise Lawler (* 1947), die sich direkt auf den Künstler bezieht. Zeitübergreifende Verbindungen wie diese sind ein wiederkehrendes Element der Sammlungspräsentation.
Raum 3
Eine Kombination von Werken Cuno Amietts (1868–1961) offenbart den Blick des Künstlers auf sich selbst und sein familiäres Umfeld. Neben seinem Selbstbildnis sind seine Frau Anna allein und mit dem gemeinsamen Kind zu sehen. Ergänzt werden die Familienmotive durch das symbolisch aufgeladene Werk Die Hoffnung (1901) sowie das Porträt Die violette Japanerin (1933), welches das damals weitverbreitete Interesse an Japan verdeutlicht.
Raum 4
Die Werke dieses Raums weisen zahlreiche familiäre Verwandtschaften auf. Zu sehen sind unter anderem Gemälde der Brüder Barraud (Aimé Barraud (1902–1954), Aurèle Barraud (1903–1969) und François Emile Barraud (1899–1934)). Besonders bemerkenswert ist dabei die Szenerie im Bild La séance de peinture (1933) von François Emile Barraud: Der Maler wird von einem unbekleideten Modell sowie seiner hinter ihm stehenden Partnerin gerahmt. Aus heutiger Sicht würde eine solche Darstellung sicherlich kritische Diskussionen auslösen; zugleich lässt sie sich als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen lesen. Der Raum wird durch die Werke Selbstporträt mit Bumpf (1954) von Valery Heussler (1920–2007) und das Familienbild von Sofia Chiostri (1898–1945) ergänzt. Hinzu kommt die Stahlplastik Oh, zittre nicht, mein lieber Sohn von Christoph Haerle (* 1958).
Raum 5
Dieser Raum umfasst mehrere Konstellationen von Verwandtschaftsbeziehungen. Drei Werke des Malers Johann von Tscharner (1886–1946) zeigen dessen Familie. Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Porträt des Künstlers selbst zu sehen, das von seinem Kollegen Ernst Morgenthaler (1887–1962) angefertigt wurde. Zwei Gemälde von Eduard Gubler (1891–1971) ergänzen den Raum. Gubler stammte aus einer Künstlerfamilie. Zwei seiner Brüder waren ebenfalls als Künstler tätig. Eduard Gubler zeigt auf einem der Gemälde eine Bauernfamilie in dicht gedrängter Gemütlichkeit. Markant sind dabei die verwendete Farbpalette und die Plastizität der ausdrucksstarken Gesichter, die an bauhausnahe Künstler wie Oskar Schlemmer (1888–1943) erinnern.
Raum 6
Der Raum konzentriert sich auf drei Werke von Hermann Scherer (1893–1927), dessen Todestag sich 2027 zum 100. Mal jährt. Im Zentrum steht die Skulptur Mutter (1924) aus bemaltem Pappelholz, die auch als moderne Madonna ausgelegt werden kann. Hinzu kommen zwei Selbstbildnisse Scherers in verschiedenen Lebenssituationen. Das Selbstbildnis im Atelier (1925) zeigt ihn in seiner Arbeitsumgebung als Künstler mit gedrungener Körperhaltung und melancholischem Blick. Der Kranke (1926) hingegen stellt ihn vor einem Bett dar, zur Untätigkeit verurteilt.
Raum 7
Landschafts- und Mariendarstellungen prägen den großen Eckraum. Er kombiniert Werke von Malern des Schweizer Realismus, wie Albert Anker (1831–1910), Robert Zünd (1827–1909) und Rudolf Koller (1828–1905), mit Skulpturen der Sammlung Häuptli aus der Renaissance. Dabei tauchen formale Verwandtschaften unter den ausgestellten Werken auf, die wie familiäre Verbindungen wirken – vom Kinderbegräbnis (1863) von Albert Anker bis zur Hochzeit auf dem Dorf (um 1830) von Wolfgang Adam Töpffer (1766–1847). Ein Werk von Caspar Wolf (1735–1783) stimmt auf einen Sammlungsfokus zum Künstler ein, der 2027 im Kunsthaus zu sehen sein wird.
Raum 8
Der Raum ist der Familie Fellner-Wyler gewidmet. Ausgangspunkt ist ein Selbstporträt des Aargauer Malers Otto Wyler (1887–1965). Es ist umgeben von Darstellungen seiner Familie: seiner Mutter und seiner Cousine. Ihre gemeinsame Tochter, die Künstlerin Else Lotte Fellner-Wyler (1924–2018), ist mit einem Selbstbildnis vertreten. Hinzu kommt ein Werk ihres Sohnes Tom Fellner (* 1956). Somit sind in diesem Raum vier Generationen einer Familie repräsentiert, die eng mit dem Kanton Aargau verbunden sind und sich kontinuierlich mit Kunst beschäftigen. Anne Fellner, die Tochter von Tom Fellner, ist heute ebenfalls als Malerin tätig, jedoch bislang nicht mit Werken in der Sammlung vertreten.
Raum 9
Die Giacomettis sind die wohl bekannteste Schweizer Künstlerfamilie. Die Zusammenstellung zeigt Werke von Augusto (1877–1947), seinem Cousin Giovanni (1868–1933) sowie dessen Sohn Alberto (1901–1966), der mit seinen hageren Skulpturen Weltruhm erlangte und den Ruf der Künstlerdynastie nachhaltig prägte. Die Werke zeigen weitere Familienmitglieder und zeichnen gemeinsam mit den Künstlern ein facettenreiches Porträt der Giacomettis. Da die Familie dem Bergell sehr verbunden war, werden auch Landschaftsdarstellungen als Teil dieser familiären Konstellation gezeigt.
Raum 10
Ausgangspunkt für die Konzeption dieses Raumes waren Werke der deutschen Expressionisten Emil Nolde (1867–1956) und Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) aus der Sammlung Häuptli. Die beiden Künstler teilen ein Interesse an Japan, was die ähnlichen Motive zeigen. Das Brautpaar (Oblomow und Olga) (1928) von Paul Camenisch (1893–1970) verweist auf Entwicklungen in der Schweiz. Gemeinsam mit Albert Müller (1897–1926) und dem in der Ausstellung ebenfalls vertretenen Hermann Scherer gründete Camenisch in der Silvesternacht 1924/25 in Basel die Künstlergruppe „Rot-Blau”. Diese bezog sich direkt auf Kirchners Stil und verankerte damit den deutschen Expressionismus in der Schweizer Kunst.
Raum 11
Dieser Raum vereint Madonnen von Hans Schärer (1927–1997) und Walter Arnold Steffen (1924–1982). Ihre Neuinterpretationen zeugen von der Loslösung des ursprünglich sakralen Motivs von tradierten Konventionen. Die Terrakottastatuette La Douleur I von Margrit Linck (1897–1983) greift die Auseinandersetzung mit Mutterschaft auf. Die Titelgebung macht deutlich, dass das Werk die schmerzhaften Seiten der Thematik ins Zentrum rücken möchte.
Untergeschoss
Raum 1
Im Treppenbereich des Untergeschosses wird die imposante Fotoarbeit Les Jambes (1986) von Balthasar Burkhard (1944–2010) präsentiert. Die übergroßen Abbildungen von Beinen bieten eine ungewöhnliche Perspektive auf den menschlichen Körper. Durch die Beschränkung auf einen Ausschnitt des Motivs wird es entpersonalisiert und der Blick wird auf Formen und Details gelenkt. Das Selbstporträt desselben Künstlers weicht von diesem Ansatz ab. Zwar zeigt das Werk ebenfalls nur ein Körperteil – das Gesicht –, doch der eindringliche Blick weckt unsere Empathie und deutet eine Nähe zwischen dem Motiv und den Betrachtenden an. Eine Selbstdarstellung von Guido Nussbaum (* 1948) als Hochhaus (Figürchen von Patricia Nussbaum) aus dem Jahr 1981 setzt den eigenen Körper auf spielerische Weise in einen neuen Maßstab.
Raum 2
Die intensive Beschäftigung mit Körperlichkeit erreichte in der performancenahen Bildenden Kunst der 1970er-Jahre einen Höhepunkt. Werke von Dieter Meier (* 1945) und Manon (* 1940) zeugen mit ihrem seriellen Charakter von der studienhaften Anlage vieler Werke dieser Zeit. Urs Lüthis (* 1947) Selfportrait in Three Pieces (1973/74) ist von großer Dynamik gekennzeichnet und macht die Erweiterung des klassischen Selbstporträts im Verlauf des 20. Jahrhunderts sichtbar. Der Raum schafft eine Verbindung zur Ausstellung „Miteinander nebeneinander”. Die 1970er und Aarau, die von Juni bis September 2026 im Erdgeschoss des Kunsthauses zu sehen ist.
Raum 3
Auch in diesem Raum stehen Formen der Selbstinszenierung im Zentrum. Die Werke des Künstlerduos RELAX (Chiarenza & Hauser & Co.) – du bist, was du siehst; wir sind, was du willst (1991/1994) und Die Künstlerinnen kurz vor dem Höhepunkt ihrer Karriere (2008) – greifen gesellschaftliche Projektionen und Zerrbilder von Kunstschaffenden zwischen Geniekult und Prekariat auf. Florian Grafs (* 1980) Artist I (2021) und Valentin Carrons (* 1977) Bottle Man (2017) stehen für die vielfältigen Möglichkeiten menschlicher (Selbst-)Darstellung.
Raum 4
Pipilotti Rists (* 1962) „Das Zimmer“ (1994) verschiebt mit einem Augenzwinkern die gewohnten Relationen zwischen Raum, Objekt und menschlichem Körper. Die überdimensionalen Möbel erzeugen den Eindruck körperlicher Schrumpfung und lassen uns, ähnlich wie bei Alice im Wunderland, kurzzeitig eine Zwergenperspektive einnehmen. Die Vergrößerung der Möbel verschiebt die Maßstäbe des menschlichen Körpers – vergleichbar mit Guido Nussbaums „Hochhaus” (Figürchen von Patricia Nussbaum) im Treppenbereich des Untergeschosses (siehe Raum U1).
Raum 5
Die Werke dieses Raums rücken die Untersuchung von Material und Form in den Vordergrund. Esther Kempf (* 1980) zerlegt einen Stuhl in seine Einzelteile und erprobt verschiedene neue Konstellationen. Zwei Werkserien von Cécile Hummel (* 1962) – beides Neueingänge in die Sammlung – zeugen von der intensiven formalen Auseinandersetzung mit Veränderung und Wiederholung. Ilona Rüggs (* 1949) „Quinten Cross” (2012/2013) besteht aus zwei ineinander verkeilten Türzargen, die durch einen kleinen Eingriff der Künstlerin von Gebrauchsgegenständen zu einer Skulptur werden. Das Werk ist eine Dauerleihgabe der Schweizerischen Eidgenossenschaft und kündigt somit die ab Juni 2027 im Aargauer Kunsthaus zu sehende Ausstellung zur Bundeskunstsammlung an.
Peter Fischer (*1968) baut kinetische Projektionsmaschinen, das heißt selbst erdachte Apparate aus Spiegeln, Linsen und Mechanik, die flüchtige Bilder in den Raum senden. In dieser Mischung aus schweren Materialien und flüchtigem Bewegtbild entsteht eine lustvolle, verschrobene Konstellation. Fun / No More Fun (2014) vereint die Gegenpole statisch und bewegt, leicht und schwer sowie spielerisch und ernst zu einer spannungsvollen Kombination. Das gezeigte Werk wurde im Rahmen der Auswahl 2014 des Aargauer Kunsthauses angekauft.
Raum 6
In diesem Raum kuratieren die Besucher selbst. Stöbern Sie durch eine Auswahl von Sammlungswerken und fügen Sie diese zu immer neuen Konstellationen zusammen. Entdecken Sie formale Verwandtschaften oder suchen Sie nach thematischen Verbindungen zwischen den Werken. Im Anschluss können Sie Ihre Zusammenstellung auf die Wände projizieren und andere Besucher an Ihren Ideen teilhaben lassen. Eine Do-it-yourself-Station lädt dazu ein, eine eigene Hängung von Sammlungswerken zu gestalten.
Raum 7
In diesem Raum steht das Medium der Zeichnung im Fokus. Hier treten Werke von Miriam Cahn (*1949), Monika Dillier (*1947) und Louis Soutter (1871–1942) in den Dialog. Die Gegenüberstellung der beiden Künstlerinnen mit dem um zwei Generationen älteren Louis Soutter veranschaulicht sowohl formale Verwandtschaften als auch zeitlich bedingte Veränderungen im Bereich der Zeichnung. Dillier und Cahn gehörten ab den späten 1970er-Jahren zu den prägenden Vertreterinnen einer jungen, feministisch geprägten Künstlerinnenszene. Dilliers Werkserie „Supermutter” (1983/84) hinterfragt bewusst gesellschaftliche Rollenbilder und wirft einen ironischen Blick auf das Ideal der „perfekten Mutter”. Martin Dislers (1949–1996) „Denkmal für toten Fixer” (1985/1987) erzählt vom Scheitern am Leben, möglicherweise auch aufgrund gesellschaftlicher Erwartungshaltungen und Normen.
Raum 8
Werke auf Papier von Sandra Boeschenstein (*1967) und Sabian Baumann (*1962) nehmen die Themen vorangegangener Räume auf und führen die lose Chronologie der Schweizer Zeichnung weiter. Der Aargauer Sabian Baumann, der in diesem Jahr in der Hauptausstellung der Kunstbiennale von Venedig vertreten ist, bündelt in „Tired Activist Gets Energy Upload By Good Ghost” (2020) Referenzen aus der Populärkultur zu einer verdichteten, offen angelegten Bilderzählung. Der flächige Farbauftrag wird durch die filigranen Linienzeichnungen von Sandra Boeschenstein kontrastiert. Die Künstlerin arbeitet häufig in Werkzyklen, die spezifischen Themenkomplexen mittels Text und Zeichnung nachgehen. Mélodie Moussets (* 1981) „Hanger” (2015) ergänzt den Raum durch ein unkonventionelles Selbstporträt: die Organe der Künstlerin auf einem Kleiderständer.
Raum 9
Der Performancekünstler San Keller (* 1971) ließ sich im Jahr 2009 beim Entrümpeln seines Kellers filmisch begleiten. Das Video beginnt mit den Worten des Künstlers: „Jetzt gibt es erstmals eine Arbeit, eine Aktion von San Keller in seinem Keller.” Er verweist dabei auf eine zufällige sprachliche Verwandtschaft, die er zum Ausgangspunkt der Aktion macht.
Raum 10
„The Gender Globalisation Collection” bündelt vier frühe Videoessays von Ursula Biemann (* 1955): „Performing the Border” (1999), „Writing Desire” (2000), „Remote Sensing” (2003) und „Europlex” (2003). Die Filmszenen stammen aus weltweiten Grenzregionen, von Ciudad Juárez bis Andalusien. An diesen Orten, an denen die Globalisierung besonders spürbar wird, treten Fragen nach Migration, Arbeit und Geschlechterrollen wie unter einem Brennglas hervor.
Raum 11
Für das Projekt „Vox Populi Switzerland” (2010) durchforstete die aus Indonesien stammende Künstlerin Fiona Tan (* 1966) Fotoalben aus der Schweiz. Daraus erstellte sie eine Auswahl an Fotos, die sie in neuer Anordnung zusammenführte. Entstanden ist ein Kaleidoskop Schweizer Momente. Die Vielzahl eingefangener privater Szenen gibt Einblick in gesellschaftliche Vorlieben und Eigenheiten.
Für die großformatige Zeichnung Les pommiers ou indécente forêt (2014–2016) nutzte Didier Rittener (* 1969) bestehende Paradiesdarstellungen. Aus diesen extrahierte er die Bäume und gestaltete so das Bild eines Waldes voller Bäume der Erkenntnis.
Verwandtschaften
Sammlung 26
bis 6.11.2026