18. März 2019 - 4:46 / Walter Gasperi / Zoom

Konventionelles Erzählen war nicht die Sache des Briten Nicolas Roeg. Mit seinen Montagen irritierte und verstörte er immer wieder Publikum und Kritik, doch gerade dieser Bruch mit Regeln machte ihn auch zu einem der originellsten und interessantesten britischen Filmemacher. Das Österreichische Filmmuseum widmet dem am 23. November 2018 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Kameramann und Regisseur eine Retrospektive.

Wenn man "Don´t Look Now" ("Wenn die Gondeln Trauer tragen", 1973), den bekanntesten Film des am 15. August 1928 in London geborenen Nicolas Roeg, einmal gesehen hat, wird man den roten Regenmantel wohl nie mehr vergessen. Roeg stürzt den Zuschauer in diesem Thriller in den Alptraum eines britischen Restaurators, der unter dem Verlust seiner kleinen Tochter leidet. Mit seiner Frau reist er nach Venedig, um dort Restaurierungen durchzuführen, doch Wahnvorstellungen und Verfolgungswahn werden immer größer und die Realität wird immer wieder von Erinnerungen und Vorahnungen durchbrochen.

Typisch ist diese zersplitterte Erzählweise für die Filme Roegs ebenso wie ihre visuelle Brillanz. So beschwört der Brite in "Don´t Look Now" in betörend schönen Bildern die Morbidität der winterlichen Lagunenstadt, die perfekter Hintergrund für die Ängste und die Verzweiflung des Protagonisten ist. Dieses Gespür für und die Lust an der visuellen Gestaltung ist freilich keine Überraschung, hat Roeg, der durch Zufall zum Film kam, als Hilfsarbeiter anfing und sich autodidaktisch schulte, doch als Kameramann unter anderem bei Fred Zinnemann, Richard Lester, John Schlesinger, Francois Truffauts "Fahrenheit 451" (1966) und Roger Corman gearbeitet. Als Meister der Farbdramaturgie hat er sich schon bei Cormans "The Masque of the Red Death" ("Satanas – Das Schloss der blutigen Bestien / Die Maske des roten Todes", 1964) erwiesen, beim assoziativen Erzählen hat er sich wohl von Richard Lesters Filmen inspirieren lassen, er selbst nennt aber auch Alain Resnais´ enigmatischen "L´année dernière à Marienbad" als wichtigen Einfluss.

Sein Regiedebüt drehte er 1970 zusammen mit dem Autor und Maler Donald Cammell. Wie in "Performance" mit Mick Jagger besetzte er auch in späteren Filmen mehrfach die Hauptrollen mit Popstars – mit David Bowie beim Science-Fiction-Film "The Man Who Fell to Earth" (1976), mit Art Garfunkel das Liebesdrama "Bad Timing" ("Black out", 1980). Weniger auf ihr Spiel als vielmehr auf ihr Charisma und ihre Präsenz setzte Roeg dabei.

Trotz des Einsatzes von Stars und trotz der Verwendung klassischer Genres wie Horrorfilm ("Don´t Look Now"), Gangsterfilm ("Performance") oder Science-Fiction-Film ("The Man Who Fell to Earth") blieb seinen Filmen der kommerzielle Erfolg versagt. Viel zu eigenwillig ging er für das breite Publikum mit den Genremustern um, viel zu verstörend waren seine Filme durch das Aufbrechen klassischer Erzählformen und die Mischung von Realität und Traum.

Auf den im Swinging London der späten 1960er Jahre spielenden Gangsterfilm "Performance", in dem das Regieduo mit raschem Wechsel der Handlungsebenen verwirrte, ließ er 1971 in dem in Australien gedrehten "Walkabout" die moderne Zivilisation und die Welt der Aborigines aufeinanderprallen. Für realistisches Erzählen interessiert sich Roeg dabei nicht, sondern versucht vielmehr durch einen Fluss faszinierender Bilder in die Welt der Aborigines einzutauchen.

Gesellschaftskritik übte er auch in dem Science-Fiction-Film "The Man Who Fell to Earth" in dem ein von David Bowie gespielter Außerirdischer auf der Suche nach Wasservorräten auf die Erde kommt. Dank seiner Fähigkeiten gelingt es ihm Einfluss und Macht zu gewinnen, nimmt aber auch immer mehr das egoistische und oberflächliche Verhalten der Erdenbewohner an und verliert damit seine außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Während man heute an nichtlinear erzählte Filme gewöhnt ist, verstörte Roeg 1980 mit dem in Wien spielenden Drama "Bad Timing" ("Black out", 1980), in dem er retrospektiv in nichtchronologischen Rückblenden von der amour fou zwischen einer extrovertierten jungen Amerikanerin und einem kühlen Psychoanalytiker erzählt. Zugänglicher war das nach einem Theaterstück gedrehte Kammerspiel "Insignificance" ("Insignificance – Die verflixte Nacht" (1985), das von einer fiktiven Begegnung von Albert Einsein, Marilyn Monroe, dem Kommunistenjäger Joseph McCarthy und dem Footballstar Joe DiMaggio in einem New Yorker Hotelzimmer handelt und hinter die Fassaden der Berühmtheiten blicken will.

Während „Castaway“ (1986), in dem Roeg mit dem Rückzug eines Paars von der Zivilisation auf eine tropische Insel die heutige Zivilisation zur Diskussion stellen wollte, bei der Kritik wenig Anklang fand, wurde die Roald Dahl Verfilmung "The Witches" ("Hexen hexen", 1990) deutlich besser aufgenommen. An die Filme der 1970er Jahre konnte Roeg danach aber kaum mehr anknüpfen, inszenierte fürs Fernshen eine Episode von "The Young Indiana Jones Chronicles" (1992) ebenso wie die Joseph-Conrad-Verfilmung "Heart of Darkness" (1993) oder "Die Bibel – Samson und Delila" (1996).

Mit seinem letzten Film "Puffball" (2007) knüpfte er nochmals an seinen größten Erfolg "Don´t Look Now" an, doch dieser Thriller um eine schwangere Innenarchitektin, die in ein abgeschiedenes irisches Tal zieht, sich aber dort bald von ihren neuen Bekannten, die alle auf ein männliches Baby hoffen, bedroht fühlt, schaffte im deutschsprachigen Raum nicht den Sprung in die Kinos.

Spuren haben seine Filme dort freilich hinterlassen: Todd Haynes, Steven Soderbergh und Wong Kar-wai erklären von dem Briten, der nie einer filmischen Richtung oder Schule angehörte und im britischen Kino so isoliert dasteht wie Ken Russell oder Peter Greenaway, beeinflusst worden zu sein, und auch der Deutsche Dominik Graf ist ein leidenschaftlicher Fan der Filme des Briten, der am 23. November 1918 im Alter von 90 Jahren in London verstarb.

Trailer zu Don´t Look Now" ("Wenn die Gondeln Trauer tragen")

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