23. Dezember 2009 - 2:46 / Bühne / Musiktheater 

"Anni di galera", Galeerenjahre – so hat er sie selbst genannt, die 16 Jahre von "Nabucco" bis "Maskenball", jenen Zeitraum von 1842 bis 1858, der Giuseppe Verdi zum Nationalhelden, zum Operngott Italiens und Europas werden liess. 16 Jahre, in denen ein Kompositionsauftrag den anderen jagte und seine Gesundheit ernstlich Schaden zu nehmen drohte. 1847, nach der Premiere von "Attila" in Venedig, zwang ihn die Erschöpfung zu einem sechsmonatigen Erholungsurlaub im Kurbad Recoaro, und hier kam er auf ein Projekt zurück, das ihn schon seit 1845 beschäftigte.

Damals war nach der Uraufführung von "Giovanna d’Arco" an der Mailänder Scala eine ziemlich gehässige Kritik in der von seinem Verleger Ricordi herausgegebenen "Gazetta Musicale di Milano" erschienen. Der gekränkte Komponist rächte sich, indem er mit Francesco Lucca, dem direkten Konkurrenten der Casa Ricordi, einen Vertrag über drei Opern unterzeichnete. Die erste war für das von Benjamin Lumley geleitete "Her Majesty’s Theatre" in London bestimmt. Ein englischer Stoff sollte es sein! Von Verdis Idee eines "King Lear" war der Impresario wenig begeistert. Schliesslich einigte man sich auf Lord Byrons Verserzählung "The Corsair", die sich in England grosser Beliebtheit erfreute. Schon am Tag ihres Erscheinens am 1. Februar 1814 war sie in 10"000 Exemplaren verkauft worden.

Der 1788 in London geborene George Gordon Noël Lord Byron war eine literarische Ausnahmeerscheinung von europäischem Rang. Als Dichter von "Childe Harolds Pilgerfahrt" und "Manfred", als Autor exotischer Verserzählungen und abenteuerlicher Dramen hatte er sich eine grosse Leserschaft erworben. Doch sein grösstes Kunstwerk war er selber und der Skandal sein eigentliches Lebenselixier. Byron suchte das Anstössige, und wo er es fand, kostete er es bis zur Neige aus. In der Liebe: Frauen, die verboten waren, verheiratet oder hochgestellt oder Dirnen aus den Hafenspelunken; schliesslich die erregendste Tabu-Verletzung und noch faszinierender als die Knaben und Pagen seiner Umgebung: die eigene Halbschwester Augusta.

Um die widerspruchsvolle Natur des Dichters zu erklären, ist vor allem das körperliche Gebrechen eines Klumpfusses herangezogen worden. Ein Makel, der seinem Körper wie ein Fluch anhaftete und unter dem er zeitlebens gelitten hat. Einem ganzen Jahrhundert galt Byron als Leitfigur der Grenzüberschreitung, als die Verkörperung problematischer Modernität schlechthin. Ein unvollendetes Theaterstück Byrons trägt den Titel "Heaven and Earth", doch seinen Helden, jenen vom Schicksal geschlagenen gefallenen Engeln, bleibt die Verbindung dieser Extreme versagt. Sie schwanken zwischen Himmel und Erde, bis sie der Abgrund verschlingt.

Nicht zuletzt durch den romantischen Tod Byrons im griechischen Freiheitskrieg gegen die Türken wuchs die Popularität seiner literarischen Helden beträchtlich. Leben und Werk sind bei Byron kaum voneinander zu trennen. Mehr als bei allen anderen grossen Dichtern der Weltliteratur bilden sie eine komplexe Einheit. "Alle Erschütterungen münden bei mir in Verse", hat er einmal bekannt, und so ist sein Werk im Grunde eine endlose Variation über das eine Thema: Byron.

Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave hatten Byrons Verserzählung in der italienischen Übersetzung von Giuseppe Nicolini kennengelernt. In seiner Bearbeitung hielt sich Piave überaus textgenau an diese Vorlage, fügte lediglich einige kleinere Szenen ein, die türkisches Lokalkolorit liefern sollten, und spitzte den Schluss operngerecht zu, indem er Medora erst sterben lässt, als Corrado mit Gulnara auf die heimatliche Pirateninsel zurückgekehrt ist: die Chance eines wirkungsvollen Finalterzetts konnte man schliesslich nicht einfach verschenken. Doch Unstimmigkeiten zwischen Verdi und seinem Verleger sowie Verdis angegriffener Gesundheitszustand liessen die für Mai 1846 angesetzte Premiere des "Corsaro" platzen.

Erst im November des Jahres wendet Verdi sich wieder "Il Corsaro" zu und stellt die Oper schliesslich im Februar 1848 in Paris fertig. Die Partitur schickt er an den Verleger Lucca, der sich um alles Weitere kümmern sollte. Verdi wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben und fuhr nicht einmal zur Uraufführung, die am 25. Oktober 1848 am Teatro Grande in Triest stattfand. Das Publikum nahm ihm das Fernbleiben übel, und ein Triester Kritiker warf Verdi vor, dass er sich nun, wo er die Taschen voll französischem und englischem Geld habe, wohl nicht mehr recht für seine Heimat interessiere. Die Uraufführung der Oper geriet zu einem Fiasko, von dem sie sich bis heute nicht wieder erholt hat.

Dabei wartet "Il Corsaro" mit einer ganzen Reihe musikalischer Schönheiten auf: Neben der sturmgepeitschten Orchestereinleitung, der Kerkerszene Corrados und Medoras vom Harfenklang geprägter Romanze ist es vor allem das Duett zwischen Corrado und Gulnara im zweiten Akt, in dem es Verdi gelingt, die traditionelle dreisätzige Form zu einem flexiblen, sich zu atemloser Spannung steigernden Ganzen zu verbinden. Trotz einiger zum Teil prominent besetzter Wiederbelebungsversuche ist es bisher nicht gelungen, das Werk aus seinem Schattendasein zu befreien. mk

Il Corsaro
Melodramma tragico in drei Akten
von Giuseppe Verdi (1813-1901)
Libretto von Francesco Maria Piave
Schweizerische Erstaufführung
So 22. November 2009, 19 Uhr

Musikalische Leitung: Eivind Gullberg Jensen
Inszenierung: Damiano Michieletto
Bühnenbild: Paolo Fantin

Weitere Vorstellungen:
24./ 26./ 28. November 09
1./ 3./ 6./ 29. Dezember 09
1. Januar 2010

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