16. Mai 2020 - 5:07 / Ausstellung / Fotografie 
25. Januar 2020 28. Juni 2020

Ab 17. Mai öffnet das Kuefer-Martis-Huus wieder und kann unter Einhaltung der erforderlichen Schutzmassnahmen wieder besucht werden. Die Verdingkinder-Ausstellung wird bis 28. Juni verlängert.

Peter Klaunzer hat während eineinhalb Jahren ehemalige Heim- und Verdingkinder porträtiert. Er nähert sich mit seinen Porträts den bewegenden Schicksalen behutsam an und ermöglicht einen Einblick in die heutigen Lebensumstände der betroffenen Personen.

Die ehemaligen Heim- und Verdingkinder erfuhren eine für uns unvorstellbare Willkür während der Fremdplatzierung. Sie leiden teilweise bis heute unter der Diffamierung und den schweren Misshandlungen, die sie in ihren Kinder- und Jugendjahren erleben mussten. In Ruggell wird die Ausstellung durch ein Porträt von Uschi Waser und ein Kapitel zur Situation in Liechtenstein ergänzt.

In der Schweiz wurden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Hunderttausende Kinder und Jugendliche in Heimen fremdplatziert oder in landwirtschaftlichen und gewerblichen Betrieben verdingt. Es waren mehrheitlich Kinder aus ärmlichen Verhältnissen, darunter besonders uneheliche und verwaiste. Hauptgrund für die Fremdplatzierung war die wirtschaftliche Not. Sozialsysteme, wie wir sie heute kennen, gab es kaum. Für bedürftige Menschen kamen hauptsächlich die Gemeinden auf. Die Fremdplatzierung sollte sowohl Familien als auch Gemeinwesen entlasten. In ihrem neuen Umfeld erlebten die Verding- und Heimkinder oftmals psychische und physische Gewalt.

Neben der Verfolgung der » Jenischen , deren Kinder selbst häufig verdingt wurden, gilt die Verdingung als eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte. Verdingkinder wurden von 1800 bis in die 1960er-Jahre von den Eltern weggegeben oder von Behörden den Eltern weggenommen und Interessierten öffentlich feilgeboten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Kinder oft auf einem Verdingmarkt versteigert. Den Zuspruch bekam jene Familie, die am wenigsten Kostgeld verlangte. Betroffene beschreiben, dass sie auf solchen Märkten "wie Vieh abgetastet wurden". In anderen Gemeinden wurden sie wohlhabenderen Familien durch Losentscheid zugeteilt. Zugeloste Familien wurden gezwungen, solche Kinder aufzunehmen, auch wenn sie eigentlich gar keine wollten.

Die Kinder mussten meistens auf Bauernhöfen harte Arbeit leisten. Sie wurden oft wie Leibeigene behandelt und für Zwangsarbeit ohne Lohn und Taschengeld eingesetzt. Ausbeutung, Erniedrigung oder gar Vergewaltigung prägten ihren Alltag. Einige kamen dabei ums Leben. Misshandlungen wurden nur sehr selten verfolgt. Wenn solche behördlich festgestellt wurden, wurde den Pflegeeltern das Recht, neue Verdingkinder zu erwerben, für mindestens fünf Jahre entzogen.

Die genaue Anzahl der Verdingkinder ist unbekannt. Nach Schätzungen sind es "Hunderttausende", welche bis in die 1960er-Jahre verdingt wurden. Die genaue Anzahl der heute noch lebenden Heim- und Verdingkinder ist nicht bekannt. Die Meisten sind mit ihrer Geschichte nie an die Öffentlichkeit gelangt. Viele von ihnen haben aus dieser Zeit schwere Beeinträchtigungen davongetragen. Die Willkür und der Missbrauch, welche ihre Kinder- und Jugendjahre prägten, verfolgt sie teilweise bis heute.

Nachdem von staatlicher Seite keine Bestrebungen zur Entschädigung unternommen wurden, startete im April 2014 die Wiedergutmachungsinitiative. Diese fordert die Errichtung eines Fonds in der Höhe von 500 Millionen Schweizer Franken zugunsten der Opfer. Als indirekten Gegenentwurf zur Initiative schlug der Bundesrat im Juni 2015 die Bereitstellung von 300 Millionen Schweizer Franken für Entschädigungen vor. Am 27. April 2016 stimmte der Schweizer Nationalrat diesem Vorschlag zu, der den noch lebenden Opfern von Kinder-Zwangsarbeit ein Anrecht auf Entschädigung zwischen 20'000 und 25'000 Franken zuspricht. Am 15. September 2016 stimmte auch der Ständerat diesem Vorschlag zu.

Durch seine Arbeit für Keystone-SDA ist der Fotograf Peter Klaunzer mit ehemaligen Verding- und Heimkindern in Berührung gekommen. Bewegt durch ihre Geschichte, hat er in zwei Jahren mehr als zwei Dutzend von ihnen porträtiert. In seinen Bildern nähert er sich den bewegenden Schicksalen behutsam an und ermöglicht einen Einblick in die heutigen Lebensumstände der betroffenen Personen. In den Bildern treten uns die Protagonisten direkt gegenüber. Sie müssen sich nicht mehr rechtfertigen. Die Porträts zeigen ungeschminkt auch die Spuren, welche das Leben in ihren Gesichtern hinterlassen hat. Das Verschweigen der Vergangenheit hat ein Ende. Die Jahrzehnte des Wegschauens sind Geschichte, nun gilt es, genau hinzusehen.

Ein Ziel der Ausstellung ist es, den Verding- und Heimkindern ein Gesicht zu geben und damit ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren. Die Porträts sind in einem separaten Reader mit den persönlichen Biografien der Porträtierten versehen. Darin finden sich wichtige Eckdaten aus dem Leben der Personen mit prägenden persönlichen Momenten. Die Texte sind in Interviews mit den Betroffenen durch Walter Zwahlen, Präsident des Vereins netzwerk-verdingt, entstanden. Die Ausstellung war ein wichtiger Schritt zu Rehabilitation der Verdingkinder. Die Porträts sind auch deshalb bedeutsam, weil möglicherweise viele der Porträtierten in wenigen Jahren nicht mehr leben werden. Die Fotoausstellung ist gleichzeitig eine Hommage an die hunderttausende Betroffene, welche unerkannt und ungewürdigt blieben.

Verdingkinder
Portraits Von Peter Klaunzer
25. Jänner bis 28. Juni 2020 (verlängert)
Eine Fotoausstellung von Keystone-SDA und dem Verein netzwerk-verdingt
in Zusammenarbeit mit dem Küefer-Martis-Huus
Vorläufig wird das Museum nur an Sonntagen zwischen 14 und 17 Uhr geöffnet sein.

Küefer-Martis-Huus
Giessenstraße 14
FL - 9491 Ruggell

T: 00423-371 12 66
F: 00423-371 12 67
E: kmh@adon.li
W: http://www.kmh.li

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  •  25. Januar 2020 28. Juni 2020 /
Uschi Waser wurde als Angehörige einer Minderheit (Jenische) 1952 in Rüti (ZH) geboren. Ihr von offenem Rassismus und Vorurteilen bestimmter Lebensweg führte sie auch durch Heime im St. Galler Rheintal. Fotografie: Peter Klaunzer 2019
Uschi Waser wurde als Angehörige einer Minderheit (Jenische) 1952 in Rüti (ZH) geboren. Ihr von offenem Rassismus und Vorurteilen bestimmter Lebensweg führte sie auch durch Heime im St. Galler Rheintal. Fotografie: Peter Klaunzer 2019
Fritz Probst, 1931 in Bern geboren, wurde mit 10 Jahren zu einer Bauernfamilie in Rapperswil und später als Knecht an mehrere Stationen verdingt. Fotografie: Peter Klaunzer 2018
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