7. April 2009 - 2:59 / Ausstellung / Archiv 
14. Februar 2009 13. April 2009

Tanzende Objekte, objekthafte Tänzer, Puppen, Verkleidungen, Fetische, verschlüsselte Handlungen, angesiedelt im Niemandsland von Tanz, Theater, Film, Objekt und Bild – der junge österreichische Künstler Markus Schinwald (*1973 in Salzburg) gibt den Dingen eine Persönlichkeit und verwandelt menschliche Körper in puppenhafte Figuren.

Die psychologische Auseinandersetzung mit Raum und Körper, das Unbehagen und die irrationalen Tiefen des individuellen und kollektiven Seins sind Themen seiner Arbeiten. Spielerisch verschmelzen in seinem Werk die verschiedensten Medien – von beklemmenden Filmen zu marionettenhaften Skulpturen, von überarbeiteten historischen Gemälden zu prothetischen Design- und Kleiderentwürfen –, die subtil miteinander choreographiert werden. Mit seinen Filmen und gebauten Räumen erzeugt Markus Schinwald durch Fragmentierung und traumartige Brüche überraschende Lücken im narrativen Grundgerüst seiner Werke, die zu stark ästhetisierten Bildern und verrückten Verschiebungen der Realitätsebenen führen. Mit seiner größten Einzelausstellung in Österreich wird Markus Schinwald mit einer neuen Werkfolge ein surreales Panoptikum unerfüllbarer Wünsche aus Körpern, Objekten, Filmen und gebauten Räumen inszenieren.

Markus Schinwald wird in den oberen drei Stockwerken des Kunsthaus Bregenz jeweils eine Studiosituation wie für die Fernsehproduktion einer Sitcom einrichten. Diese werden jeweils aus einer Publikumstribüne mit übereinander angeordneten Stufenpodesten und Sitzen für ca. 80 Personen bestehen; drei abgehängte Flatscreens, drei Studio- Fernsehkameras und ein Bühnenhintergrund vervollständigen die Szene. In den Tagen vor der Ausstellungseröffnung und innerhalb der ersten Wochen werden nach Schinwalds Regieanweisungen und seinem Drehbuch ca. 20 Minuten lange sitcomartige Szenen mittels dreier Kameras aufgezeichnet, die dann während der Ausstellung über die Flatscreen-Monitore für die Ausstellungsbesucher abgespielt werden.

Jedes Stockwerk wird unterschiedlich ausgestattet und von einer anderen ca. fünfköpfigen Protagonistengruppe bespielt. Die Bühnenausstattung, Möblierung, Objekte und Kostüme werden vom Künstler gestaltet. Im ersten Stock kommen auf der guckkastenartigen Bühne, welche großflächig verspiegelt, mit einer begehbaren Trennwand und mit einem doppelten Schrank für Überraschungsauftritte versehen ist, fünf Schauspieler mittels Sprache und Gesten zum Einsatz. Im zweiten Stock wird die Bühnenarchitektur durchlässiger. Begeh- und benutzbare niedere Raumtrennwände sowie eine in zwei Teile zerschnittene Begräbniskutsche aus dem 19. Jahrhundert und fünf Tänzer spielen mittels ihrer Körpersprache die Hauptrolle. Hier wird nicht mehr gesprochen, sondern Musik bildet den Soundtrack. Im dritten Stock verschwindet die Bühnenhintergrundarchitektur fast vollständig und wird durch drehbare Raumelemente ersetzt. Von Markus Schinwald umgebaute Turngeräte – Stufenbarren, Reck, Pferd, Ringe etc. – dienen fünf Turner als Objekte für Spiel- und Bewegung. Sprache und Musik werden nun durch die bei den Aktionen entstehenden Geräusche ersetzt.

Die Sitcom (kurz für situational comedy = Situationscomedy) ist ein ursprünglich US-amerikanisches Genre im Bereich der Fernsehsendungen und wird meist als Fernsehserie ausgestrahlt. Typisches äußeres Kennzeichen der klassischen Sitcom ist die Aufzeichnung im Studio: Die Darsteller agieren auf einer Guckkasten- Bühne; bei Innenräumen werden die vierte Wand und die Zimmerdecke nie im Bild sichtbar. Für die Handlung folgt daraus eine Beschränkung der Schauplätze auf wenige, stets wiederkehrende Orte. Die Bühnenwirkung wird verstärkt durch das Spiel der Darsteller zur Bühnenrampe und das für das Fernsehpublikum hörbare Gelächter des Studiopublikums, der so genannte "laugh track", der die Wirkung, einem Live-Ereignis beizuwohnen, verstärkt. Dieses Setting – die Aufzeichnung auf Film vor einem Studiopublikum – behielten vor allem Drei-Kamera-Sitcom- Produktionen bis Mitte/Ende der 1990er Jahre bei.

Das Drei-Kameras-Setup: Drei Kameras befinden sich dabei gleichzeitig in einem Graben zwischen Publikum und Bühne. Eine Kamera nimmt das Geschehen in einer Totalen auf, die anderen beiden konzentrieren sich auf die agierenden Figuren. Aus den drei Filmstreifen, die dasselbe Geschehen aus drei unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen haben, wird später die Show zusammengeschnitten. Auch diese Technik ist bis heute Standard geblieben. Aufgrund ihrer Ausrichtung auf triviale Situationen des Alltags wurde die Sitcom oft auch "the show about nothing" genannt. Wegen der häufigen Thematisierung gesellschaftlicher Konventionen und Sitten, neurotischen und obsessiven Verhaltens und der rätselhaften Mechanismen menschlicher Beziehungen könnte die Sitcom als ein Gesellschaftsstück in Serienform kategorisiert werden.


Markus Schinwald - Vanishing Lessons
14. Februar bis 13. April 2009

Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz
A - 6900 Bregenz

T: 0043 (0)5574 48594-0
F: 0043 (0)5574 48594-408
E: kub@kunsthaus-bregenz.at
W: http://www.kunsthaus-bregenz.at/

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Vanishing Lessons I, 2009. Aufnahme von den Proben, 1. OG, Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter; © Markus Schinwald, Kunsthaus Bregenz
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Vanishing Lessons II, 2009. Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter; © Markus Schinwald, Kunsthaus Bregenz
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Vanishing Lessons III, 2009. Ausstellungsansicht 3. OG, Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter; © Markus Schinwald, Kunsthaus Bregenz
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Vanishing Lessons I, 2009. Aufnahme von den Proben, 1. OG, Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter; © Markus Schinwald, Kunsthaus Bregenz
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Vanishing Lessons I, 2009. Aufnahme von den Proben, 1. OG, Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter; © Markus Schinwald, Kunsthaus Bregenz