15. Dezember 2019 - 5:35 / Ausstellung / Architektur 
16. November 2019 15. März 2020

Die "Architektur" des Territoriums wird weitgehend ohne Architekten entworfen. Trotzdem, oder gerade deswegen, erforschen Architekten heute zunehmend die Prozesse, die diese territorialen Räume bestimmen.

Das S AM Schweizerisches Architekturmuseum geht diesem Thema nach und stellt in der Ausstellung "Unterm Radar" folgende Forschungsarbeiten zur investigativen Architektur vor: "Handbook of Tyranny" von Theo Deutinger (AT), "Der Mord an Halit Yozgat" und weitere Ermittlungen von Forensic Architecture (GB), "Italian Limes" von Studio Folder (IT), "Smuggling Architecture" von Kwong Von Glinow (USA), "Swiss Lessons" vom Laboratoire Bâle der ETH Lausanne (CH), "Sand and Labour" des Lehrstuhls Architecture of Territory der ETH Zürich (CH), "Parallel Sprawl" von Kunik de Morsier (CH) und "Meteorological Architecture" von Philippe Rahm (FR).

Bauen wird meist als Synonym für Architektur gelesen und prägt das Selbstverständnis sowie die Fremdwahrnehmung von Architekten massgeblich. Ein grosser Teil des architektonischen Arbeitens findet aber vor und nach dem Bauen statt: Wenn Architekten die Bedingungen des Geländes untersuchen, in dem sie intervenieren, beobachten sie, stellen Fragen und stossen in Gebiete jenseits des Bauplatzes vor. Vergleichbar mit investigativen Journalisten sammeln sie Beweismaterialien, arbeiten sie auf und führen sie zu einem Narrativ zusammen. Dadurch decken sie auch im Hintergrund ablaufende Mechanismen auf: Sie veranschaulichen mit ihren räumlichen Analysen die Nutzung, Verwaltung und Kontrolle des jeweiligen Territoriums und machen so Sachverhalte fassbar, die man nicht auf dem Radar hat.

Ein Beitrag zur räumlichen Aufklärung

Die Ausstellung "Unterm Radar" im S AM Schweizerisches Architekturmuseum präsentiert wichtige internationale Forschungsarbeiten zu dieser investigativen Architektur: "Handbook of Tyranny" von Theo Deutinger (AT), "Der Mord an Halit Yozgat" und weitere Ermittlungen von Forensic Architecture (GB), "Italian Limes" von Studio Folder (IT), "Smuggling Architecture" von Kwong Von Glinow (USA), "Swiss Lessons" vom Laboratoire Bâle der ETH Lausanne (CH), "Sand and Labour" des Lehrstuhls Architecture of Territory der ETH Zürich (CH), "Parallel Sprawl" von Kunik de Morsier (CH) und "Meteorological Architecture" von Philippe Rahm (FR). Der Fokus liegt auf den Methoden, Inhalten und Schlussfolgerungen dieser räumlichen Analysen des Territoriums. Globale Themen wie Grenzen, Rechtsnormen und Konflikte werden in den Projektbeiträgen jeweils auf lokaler Ebene sichtbar gemacht. Die in der Schau präsentierten Recherchen leisten so einen Beitrag zur räumlichen Aufklärung. Letztlich vermittelt die Ausstellung ein erweitertes Verständnis von Architektur, das die Gestaltung von Räumen untrennbar mit der Analyse, Gestaltung und Interpretation des Territoriums verbindet.

Handbook of Tyranny

Im ersten Raum wird Theo Deutingers "Handbook of Tyranny" präsentiert. Er will mit diesem Handbuch die Zusammenhänge zwischen politischer Macht, Territorialität und systematischen Einschränkungen aufzeigen. Sein Ausstellungsbeitrag veranschaulicht diese Beziehungen anhand von detaillierten, nichtfiktionalen, grafischen Illustrationen: zu Mauern, Zäunen, Gefängniszellen, Drohnen, Taktiken der Polizei etc.. Er weist mit den sachlich-nüchtern gehaltenen Zeichnungen auf Kontrollmechanismen hin, welche sowohl die Menschen als auch die Tiere betreffen.

Forensic Architecture

Im zweiten Raum werden Projekte der 2010 von Professor Eyal Weizman initiierten Forschungsagentur "Forensic Architecture" gezeigt. Das Kollektiv bearbeitet Fälle von Menschenrechtsverletzungen, politischer Gewalt und Umweltzerstörung. Sie nimmt mit oder im Auftrag von Betroffenen, Menschenrechts-, Umwelt- und Medienorganisationen oder internationalen Strafverfolgern architektonische, urbane und territoriale Räume mit modernsten forensischen und räumlichen Analyseverfahren unter die Lupe. So arbeitete sie den rassistischen Mord an Halit Yozgat in einem Internetcafé in Kassel in Form eines 1:1-Modells sowie mit Nachstellungen auf und konnte so die widersprüchlichen Aussagen eines wichtigen Zeugen als falsch belegen. Zusätzlich werden die Untersuchungen "The Killing of Tahir Elçi", "Killing in Umm al-Hiran" und "Sea Watch vs. the Libyan Coastguard" in Form von Filmen präsentiert.

Italian Limes

Im dritten Raum sind ein Projekt von Studio Folder und eines von Kwong Von Glinow ausgestellt. Italiens Alpengrenze folgt der Wasserscheide, welche die Einzugsgebiete von Nord- und Südeuropa trennt. Sie verläuft meist im Hochgebirge und überquert Schneefelder und Gletscher, die infolge des Klimawandels am Schmelzen sind. Dadurch verschiebt sich die Wasserscheide und in der Folge auch die Grenze. Italien, Österreich und die Schweiz haben deshalb 2008 und 2009 im Rahmen von zwei bilateralen Abkommen den Begriff der "wandelnden Grenze" eingeführt. Die Ausstellungsinstallation "Italian Limes" von Studio Folder veranschaulicht die Auswirkungen des Klimawandels auf das geopolitische Verständnis: Grenzen haben sowohl eine materielle als auch eine ideelle Form, ökologische Prozesse stellen das Konzept Territorium in Frage.

Smuggling Architecture

Das Büro Kwong Von Glinow untersucht mit ihrem Forschungsprojekt "Smuggling Architecture" die für die amerikanische Suburbia typischen Kataloghäuser. Ihr Fokus liegt auf der Gestaltung dieser konservativen Bauten, die sie auf subversive Art im Innenraum verändern. Das Ausstellungsmodul "Smuggling Architecture" bietet die Möglichkeit, einem Vorstadtweg mit drei Modellen transformierter Musterhäuser entlang zu gehen, in denen die eingeschleusten Elemente gut sichtbar sind. Das Büro Kwong Von Glinow versteht diese Entwürfe als Psychogramm einer Gesellschaft, die nicht ohne den technologischen Fortschritt der Gegenwart leben will, diesen aber unter der Hülle überkommener ästhetischer Vorstellungen versteckt.

Swiss Lessons

Im letzten Raum werden Untersuchungen von Laboratoire Bâle (Prof. Harry Gugger, EPF Lausanne), Kunik de Morsier, Architecture of Territory (Prof. Milica Topalović, ETH Zurich) und Philippe Rahm präsentiert. Das Laboratoire Bâle (laba) der EPF Lausanne hat das 200-Jahr-Jubiläum der ersten Bundesverfassung von 1848 zum Anlass genommen, um mit der Studie "Swiss Lessons" auf die Schweiz im Jahr 2048 zu blicken. Ausgehend von einer statistisch begründeten Bevölkerungszunahme von heute 8.5 auf dannzumal 14 Mio. analysiert es die möglichen Auswirkungen dieser Erhöhung der Einwohnerzahl auf das Territorium und die Menschen. Dieses Wachstum wird die Schweiz stark beeinflussen: Der Druck auf die städtischen und ländlichen Gebiete wird zunehmen, die Infrastruktur wird sich dramatisch verändern. Die Forschungsergebnisse und studentischen Projekte des laba werden als Grafiken, Karten, Buch und auf einem Querschnitt durch die Schweiz vermittelt.

Parallel Sprawl

"Parallel Sprawl" ist eine Untersuchung von Vorstadtlandschaften im Kosovo und in der Schweiz. Seit Jahrzehnten wird das städtische Wachstum in beiden Ländern von einer Siedlungsentwicklung mit geringer Dichte dominiert. In der Schweiz begann die Zersiedelung bereits in den 1950er-Jahren, im Kosovo dagegen verstärkte sich dieses Phänomen unmittelbar nach dem Krieg (1999). In beiden Fällen nahmen – als Folge – der Verkehr und der Energieverbrauch zu. Heute befassen sich beide Länder mit den Konsequenzen und der Weiterentwicklung der Zersiedelung. Das Lausanner Büro Kunik de Morsier untersucht zusammen mit dem Architektur- und Städtebaukritiker Ibai Rigby und der Wissenschaftlerin Rozafa Basha die Veränderung in beiden Gebieten, um Material und Ideen zu sammeln und zu teilen. Ihr Ziel ist es, Praktikern und Forschern in beiden Ländern eine Plattform zu bieten, um gemeinsam über die Zukunft der Vorstädte nachzudenken.

Sand and Labour – Hinterlands of the Production of Architecture

Anhand von Singapur kann die Rolle des Hinterlands in heutigen Städten veranschaulicht werden. Der Insel- und Stadtstaat muss lebenswichtige Ressourcen wie Nahrung und Wasser längst in den Nachbarländern Malaysia und Indonesien beschaffen. Dies gilt aber auch für wesentliche Bauressourcen: den Sand und die Arbeitskraft. Der importierte Sand wird in Singapur für die Landgewinnung und in der Bauindustrie eingesetzt. Ausländische Arbeitskräfte erhalten befristete Genehmigungen, um dabei mitzuwirken. Arbeiterwohnheime, Sandsteinbrüche und -depots prägen folglich das Hinterland. Der Lehrstuhl Architecture of Territory der ETH Zürich hinterfragt in seinem Beitrag diese ausbeuterischen Praktiken, bei denen die Entwicklung des Territoriums bislang nicht berücksichtigt wird. Er liefert Erkenntnisse, die es Architekten ermöglichen, sich kritisch mit den urbanen Veränderungen im Hinterland auseinanderzusetzen.

Meteorological Architecture

Das Bauen muss wegen des Klimawandels radikal überdacht werden. Es reicht heute nicht mehr, Architektur nur unter ästhetischen und funktionalen Aspekten zu betrachten. Vielmehr sind auch die klimarelevanten Dimensionen des Raums mit einzubeziehen. Philippe Rahm untersucht in seiner meteorologischen Architektur nicht nur das atmosphärische, sondern auch das poetische Potenzial neuer Bautechniken für Lüftung, Heizung und Isolation. Auf mikroskopischer Ebene lotet er unter anderem taktile, olfaktorische oder hormonelle Wahrnehmungsbereiche aus. Rahm versteht Architektur als eine dreidimensionale Meteorologie des Alltags, die vom Festkörper in den Leerraum, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, von der metrischen zur thermischen Komposition übergeht.

Unterm Radar
16. November 2019 bis 15. März 2020

SAM - Schweizerisches Architekturmuseum
Steinenberg 7
CH - 4001 Basel

T: 0041 (0)61 26114-13
F: 0041 (0)61 26114-28
E: info@sam-basel.org
W: http://www.sam-basel.org/

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Italian Limes, General view of the interactive installation, la Biennale di Venezia 2014 Image: Delfino Sisto Legnani © Studio Folder
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Smuggling Architecture, Kwong Von Glinow
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Swiss Lessons, strip location © Laboratoire Bâle (laba), Prof. Harry Gugger, EPFL
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Swiss Lessons, Schwarzplan der Schweiz © Laboratoire Bâle (laba), Prof. Harry Gugger, EPFL
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Reclaimed Land (Sand Storage), 2016. Architecture of Territory, Prof Milica Topalović Image: Bas Princen
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Sand depot, Punggol Timor Island, Singapore. Architecture of Territory, Prof Milica Topalović / Ani Vihervaara with assistents form students of NUS Singapore: Bek Tai Keng, Sheila Ong, Boyang Chew
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Reclaimed Land (Worker Dormitories). Architecture of Territory, Prof Milica Topalović, 2016 Image: Bas Princen
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Foreign worker dormitory Westlite Tuas Lodge I, Tuas reclamation area, Singapore. Architecture of Territory, Prof Milica Topalović / Ani Vihervaara with assistents form students of NUS Singapore: Bek Tai Keng, Sheila Ong, Boyang Chew
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Parallel Sprawl; Vaud, Schweiz © Kunik de Morsier
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Parallel Sprawl; Ferizaji, Kossovo © Kunik de Morsier
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Prallel Sprawl; Kossovo / Schweiz © Kunik de Morsier
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Convection, Meteorological typologies, Philippe Rahm architectes. Meteorological Architecture, 2010-2019. Courtesy of Philippe Rahm architectes
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Evaporation, Meteorological typologies, Philippe Rahm architectes. Meteorological Architec- ture, 2010-2019. Courtesy of Philippe Rahm architectes
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