10. Juli 2014 - 4:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Melodram und das Porträt eines herzensguten Mannes, der gleichwohl eines Mordes verdächtigt wird, ist Robert Siodmaks 1944 gedrehter Krimi, aber ein Film noir ist "Unter Verdacht" wohl kaum. Dennoch ist das elegant inszenierte und sympathische Nebenwerk bei Koch-Media in der "Film Noir Collection" auf DVD erschienen.

Die Handlung spielt im London des Jahres 1902, statt mit Autos sind die Menschen mit Kutschen unterwegs. Die Großstadt ist noch kein Moloch, das Leben läuft gemächlich ab. Ein herzensguter Angestellter ist Philip Marshall (Charles Laughton). Oft macht er Überstunden, denn zu Hause erwartet ihn nur eine zänkische Frau. Als der erwachsene Sohn deswegen auszieht, zieht Philip aus dem ehelichen Schlafzimmer in dessen Zimmer.

Im Büro erteilt er einem jungen Mitarbeiter eine Lektion in Anständigkeit und warnt ihn vor dem Abgleiten auf die falsche Bahn, doch auch er selbst ist davor nicht gefeit. Denn als er die junge Mary (Ella Raines) kennenlernt und sich eine Liebesaffäre entwickelt, bittet er seine Frau um die Scheidung. Diese lehnt nicht nur kategorisch ab, sondern schnüffelt ihrem Mann und Mary auch nach und droht beider Leben zu zerstören. An Weihnachten kommt es deshalb zu einem Streit, ausgespart wird was in der Folge passiert, als nächstes freilich sieht man die Beerdigung von Marshalls Frau.

Dreißig Minuten dauert es bis zu diesem Todesfall, viel Zeit lässt sich Robert Siodmak trotz insgesamt nur 80 Minuten Länge für den Aufbau der Handlung. Betulich ist das Erzähltempo, viel Wert legt der nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zuerst aus Deutschland nach Frankreich und 1939 dann in die USA geflohenen Regisseur auf ausführliche Charakterisierung der Figuren und Motivierung ihrer Handlungen. Wie dabei freilich Marshalls Frau in negativer Hinsicht überzeichnet ist, so Marshall selbst in positiver. Keine Zwischentöne gibt es bei diesem Krimi, der sich am historischen Fall des Dr. Crippen orientiert, klar gezogen sind die Grenzen zwischen Gut und Böse, obwohl diese dann gehörig durcheinandergemischt werden.

Als Ursache für den Tod von Marshalls Frau gilt ein Unfall, doch ein Inspektor will nicht daran glauben und heftet sich an Marshalls Spur. Die Freiheit, die er durch den Tod seiner Frau zu finden glaubte, gewinnt er somit doch nicht, auch wenn er Mary heiraten kann und schließlich sogar geplant wird, mit dem Sohn nach Kanada auszuwandern.

Getragen wird der im 4:3 Format gedrehte Schwarzweißfilm von einem großartigen Charles Laughton in einer für diesen Schauspieler ungewöhnlich sympathischen Rolle. Schnell lässt er einem diesen Mr. Marshall ans Herz wachsen. So fiebert man mit ihm, auch wenn seine Taten kriminell sind, denn im Grunde haben die, gegen die sich seine Aktionen richten, nichts Besseres verdient. Selbst der Inspektor hegt da schließlich Sympathie für Marshall, versteht es aber auch gerade dessen Menschenliebe auszunützen.

Ein Musterbeispiel für Manipulation des Zuschauers "The Suspect – Unter Verdacht" damit, denn souverän gelingt es Siodmak den Zuschauer zu lenken auf die Seite des Täters zu ziehen und so letztlich auch ziemlich perfide Mord zu legitimieren.

Die bei Koch-Media als 16. Titel der "Cinema Noir Collection" erschienene DVD verfügt über die originale englische Tonspur sowie über die deutsch synchronisierte Fassung. An Extras gibt es neben einer Bildergalerie ein englisches Radiohörspiel mit den Darstellern des Films.



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