6. Juli 2019 - 7:44 / Ausstellung 
28. Juni 2019 5. April 2020

Beängstigend hoch ist die Zahl der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten in Tirol. Und sie steigt weiter an. Gründe dafür gibt es einige, vor allem aber wird vielen Insekten wie Schmetterlingen, Käfern & Co. der Lebensraumwandel zum Verhängnis. Die Sonderausstellung im Tirol Panorama mit Kaiserjägermuseum thematisiert, wie sich die Natur im Großraum Innsbruck in den vergangenen hundert Jahren verändert hat und welchen Einfluss der Mensch genommen hat.

Wer vor hundert Jahren den Inn entlang spazierte, begegnete hie und da einem Hirschkäfer. Am Ufer machten sich Zwerg-Rohrkolben breit, der Weidenkarmin flatterte über die Schotterbänke. Menschen waren damals nur halb so viele anzutreffen wie heute: Innsbruck zählte im Jahr 1920 rund 70.000 Einwohnerinnen und Einwohner, heute sind es mehr als 130.000, die den Lebensraum der Tiere und Pflanzen maßgeblich beanspruchen. Die genannten Arten gelten inzwischen als bedroht. „In den vergangenen hundert Jahren siedelten sich immer mehr Menschen in unserer Region an und machten aus einer ursprünglichen Natur- und Kulturlandschaft eine Industrielandschaft mit Innsbruck als städtischem Zentrum. Die Natur gerät dadurch in Bedrängnis“, so PD Dr. Wolfgang Meighörner, Direktor der Tiroler Landesmuseen. In ihrer Rolle als naturkundliche Institution setzen sich die Tiroler Landesmuseen dafür ein, die Biodiversität und Artenvielfalt in Tirol zu dokumentieren, zu erforschen und zu fördern.

Die Sonderausstellung, die von der Leiterin des Tirol Panorama mit Kaiserjägermuseum, Mag. Christine Gamper, sowie Mitarbeitern der Naturwissenschaftlichen Sammlungen, Mag. Andreas Eckelt und Peter Morass, erarbeitet wurde, veranschaulicht den Landschaftswandel und dessen Einfluss auf die Natur. „Um die Sonderausstellung in das bestehende Museum mit dem Riesenrundgemälde zu integrieren, vergleichen wir die Landschaft rund um Innsbruck von damals mit der Gegenwart“, so Christine Gamper. „Ausgehend von der dritten Schlacht am Bergisel im Jahre 1809, die im Riesenrundgemälde dargestellt wird, zeigen wir den Landschaftswandel und dessen Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt bis heute.“ Das historische Riesenrundgemälde wurde dazu mit zeitgenössischen Fotografien erweitert. Dort, wo früher das dynamisch strukturierte Innufer lag, fährt man heute über die Inntal-Autobahn. Auf ehemaligen Wiesen und Feldern ragt das dicht bewohnte Olympische Dorf in die Höhe. In der einst sumpfigen Amraser Landschaft steht eine gut besuchte Shoppingmeile. Eine akustische Installation lässt die Besucherinnen und Besucher vom Wald bis in die Stadt spazieren, um auch den Wandel in der Geräuschkulisse erlebbar zu machen.

Die bedrohte Artenvielfalt

Anhand unterschiedlicher Stationen wird der menschliche Eingriff in die Natur beleuchtet und reflektiert. In Österreich werden inzwischen beinahe achtzig Prozent der Fläche land- oder forstwirtschaftlich genutzt – mit allen Chancen und Risiken für die Biodiversität. Insekten wie die Widderchen, der Schwalbenschwanz oder der Apollofalter finden in einer intensiv genutzten Landwirtschaft etwa keinen geeigneten Lebensraum mehr. „Wenn die Felder intensiv bewirtschaftet werden, um immer schneller und effizienter zu produzieren, ist die natürliche Vielfalt in Gefahr. Monokulturen sind keine funktionierenden Ökosysteme und bieten nur wenigen Arten einen Lebensraum“, so Peter Morass, Leiter des Fachbereiches Wirbeltiere im Sammlungs- und Forschungszentrum Hall. Biodiversitätsforscher Andreas Eckelt ergänzt: „Die aktuelle Debatte um bedrohte Arten dreht sich primär um Bienen und Schmetterlinge, die unter den Lebensraumverlusten leiden und zum Teil verschwinden. Tausende weitere gefährdete Insekten sowie viele andere Tiere und Pflanzen werden dabei meist außer Acht gelassen. Die Ausstellung verdeutlicht, wie weit der Eingriff in die Natur reicht und wie viele Arten bereits betroffen sind.“

Unter den bedrohten Arten finden sich etwa auch der Maulwurf oder die Rauchschwalbe, bei denen kaum jemand vermuten würde, dass sie akut gefährdet sind. Die gezeigten Tier- und Pflanzenarten aus den Beständen der Naturwissenschaftlichen Sammlungen verdeutlichen die prekäre Lage, in die sie der Lebensraumwandel getrieben hat. Die Osttiroler Künstlerin Alexandra Kontriner kreierte eigens für die Ausstellung eine Serie von gefährdeten und bereits aus Tirol verschwundenen Insektenarten mit dem Titel Perikularium. Diese künstlerische Dokumentation des Insektensterbens wird erstmals in der Ausstellung gezeigt.

Rückkehrer willkommen?

Dass in den kleiner werdenden Naturräumen aber immer noch Platz vorhanden ist, beweisen unter anderem Wolf, Luchs, Fischotter oder Biber, die ihr angestammtes Gebiet wieder zurückerobern – und auch in der Ausstellung einen Platz finden. Ihre Heimkehr wird in der Region aber nicht von allen begrüßt. Der ursprüngliche Lebensraum hat sich verändert, die tierischen Rückkehrer geraten mit der Bevölkerung in Konflikt. Die mehr als 150 Biber, die sich in Tirol inzwischen wieder angesiedelt haben, fällen etwa Bäume für ihre Burgen, die geschätzt 15 heimgekehrte Fischotter machen der Fischerei vermeintlich Konkurrenz. Die derzeit an einer Hand abzählbaren, durch Tirol ziehenden Wölfe sorgen für breiten Gesprächsstoff in der Gesellschaft. Kontrovers geführte Debatten polarisieren die Gesellschaft – und finden auch in der Ausstellung ihren Platz.

Die rund dreißig Präparate unterschiedlicher Wirbeltiere, die ausgestellt werden, sind Todesfälle aus dem Zoo, dem Straßenverkehr zum Opfer gefallen oder eines natürlichen Todes verstorben. Im Sammlungs- und Forschungszentrum der Tiroler Landesmuseen wurden sie für die Ausstellung präpariert.

Interaktiv in die Ausstellung

Die Ausstellung wird von einem interaktiven Folder begleitet, der Erwachsene wie Kinder während des Besuches vor Aufgaben stellt. Die Älteren können sich auf die Suche nach spezifischen Arten machen, die Kleinen spazieren mit Maulwurfdame „Talpa“ zu deren tierischen Gefährten und lösen knifflige Rätsel. Den Folder sowie einen Bleistift mit Blumensamen gibt es kostenlos an der Museumskassa.

(Un)natürlich urban. Lebensraum im Wandel
Das Tirol Panorama mit Kaiserjägermuseum
28. Juni 2019 bis 5. April 2020

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
Museumstraße 15
A - 6020 Innsbruck

T: 0043 (0)512 59489
F: 0043 (0)512 59489-109
E: sekretariat@tiroler-landesmuseum.at
W: http://www.tiroler-landesmuseum.at/

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  •  28. Juni 2019 5. April 2020 /
Blick auf "Perikularium" von Alexandra Kontriner  © TLM / Martin Gamper
Blick auf "Perikularium" von Alexandra Kontriner © TLM / Martin Gamper
Das Innsbrucker Riesenrundgemälde von 1896 wurde mit aktuellen Fotos der Umgebung erweitert, um damals und heute zu vergleichen.  © TLM / Martin Gamper
Das Innsbrucker Riesenrundgemälde von 1896 wurde mit aktuellen Fotos der Umgebung erweitert, um damals und heute zu vergleichen. © TLM / Martin Gamper
Der Wandel des Lebensraumes wird in der Ausstellung "(un)natürlich urban" durch große LED-Vergleichsbilder dargestellt.  © TLM / Martin Gamper
Der Wandel des Lebensraumes wird in der Ausstellung "(un)natürlich urban" durch große LED-Vergleichsbilder dargestellt. © TLM / Martin Gamper
Der Nordluchs ist nur eines von vielen Präparaten, das den Wandel unseres Lebensraumes symbolisiert.  © TLM / Martin Gamper
Der Nordluchs ist nur eines von vielen Präparaten, das den Wandel unseres Lebensraumes symbolisiert. © TLM / Martin Gamper
Ein Schwalbennest am Betonring des Riesenrundgemäldes in der Ausstellung "(un)natürlich urban"  © TLM / Martin Gamper
Ein Schwalbennest am Betonring des Riesenrundgemäldes in der Ausstellung "(un)natürlich urban" © TLM / Martin Gamper
Eine Installation mit verschiedenen Vögeln an der Rolltreppe des Riesenrundgemäldes.  © TLM / Martin Gamper
Eine Installation mit verschiedenen Vögeln an der Rolltreppe des Riesenrundgemäldes. © TLM / Martin Gamper
Das Riesenrundgemälde wurde für die Sonderausstellung mit Informationen, einem Leitsystem und verschiedenen spielerisch zu entdeckenden Besonderheiten ausgestattet.  © TLM / Martin Gamper
Das Riesenrundgemälde wurde für die Sonderausstellung mit Informationen, einem Leitsystem und verschiedenen spielerisch zu entdeckenden Besonderheiten ausgestattet. © TLM / Martin Gamper
An interaktiven Stationen kann man den Wandel des Lebensraumes selbst entdecken.  © TLM / Martin Gamper
An interaktiven Stationen kann man den Wandel des Lebensraumes selbst entdecken. © TLM / Martin Gamper
Die schwindende Artenvielfalt wird in der Ausstellung "(un)natürlich urban" thematisiert.  © TLM / Martin Gamper
Die schwindende Artenvielfalt wird in der Ausstellung "(un)natürlich urban" thematisiert. © TLM / Martin Gamper
Blick auf das TIROL PANORAMA mit Kaiserjägermuseum, das während der Ausstellung "(un)natürlich urban" durch einen Steinbock am Dach ergänzt wurde.  © TLM / Martin Gamper
Blick auf das TIROL PANORAMA mit Kaiserjägermuseum, das während der Ausstellung "(un)natürlich urban" durch einen Steinbock am Dach ergänzt wurde. © TLM / Martin Gamper
Melitaea didyma, Perikularium 7, 2019, Aquarellfarbe und Bleistift auf Papier  © Alexandra Kontriner
Melitaea didyma, Perikularium 7, 2019, Aquarellfarbe und Bleistift auf Papier © Alexandra Kontriner
Dytiscus latissimus, Perikularium 7, 2019, Aquarellfarbe und Bleistift auf Papier  © Alexandra Kontriner
Dytiscus latissimus, Perikularium 7, 2019, Aquarellfarbe und Bleistift auf Papier © Alexandra Kontriner
Rosalia alpina, Perikularium 7, 2019, Aquarellfarbe und Bleistift auf Papier  © Alexandra Kontriner
Rosalia alpina, Perikularium 7, 2019, Aquarellfarbe und Bleistift auf Papier © Alexandra Kontriner
Innsbruck gegen Westen (Martinswand) um 1920  © Tiroler Landesmuseen
Innsbruck gegen Westen (Martinswand) um 1920 © Tiroler Landesmuseen
Innsbruck gegen Westen (Martinswand) 2018  © Webhofer
Innsbruck gegen Westen (Martinswand) 2018 © Webhofer