Was haben ein klassizistisches Familienporträt und eine mythologische Darstellung der Venus aus der Biedermeierzeit gemeinsam? Sowohl das Bildnis „Caroline und Viktor von Tomatis” von Johann Baptist Lampi dem Älteren als auch das Gemälde „Die schlafende Venus vor dem Spiegel mit Amor” von Johann Baptist Lampi dem Jüngeren wurden übermalt. Die Ausstellung „Im Blick“ im Oberen Belvedere in Wien versucht nachzuzeichnen, welche Bedeutungswandel diese groben Eingriffe in die Werke der beiden Künstler zur Folge hatten.
Johann Baptist Lampi d. Ä. schuf 1788/89 in Warschau mehrere Porträts der Familie Tomatis. Die aus Mailand stammende Tänzerin Catarina, geborene Filipazzi, war 1765 gemeinsam mit dem Unternehmer Carlo Tomatis in die Stadt gezogen. Eines der drei Bildnisse zeigt zwei Kinder des Paares, Caroline und Viktor, zwischen denen eine Büste positioniert ist. Bei einer Durchleuchtung mit Röntgen- und Infrarotstrahlung im Jahr 2016 stellte sich diese als Übermalung heraus. Unter der Büste verbirgt sich die Figur der Mutter Caterina, die ihre Kinder umarmt. Anhand weiterer Bildnisse und Archivalien wird in der Ausstellung die Geschichte der Familie Tomatis erzählt.
Vom Gemälde „Venus, auf einem Ruhebett schlafend” von Johann Baptist Lampi d. J. wurden 2022 ebenfalls Infrarot- und Röntgenaufnahmen gemacht. Diese zeigen einen Amor, der unter einer schwarzen Fläche verborgen war. Durch die Auslöschung des Liebesgottes geriet der mythologische Gehalt des Werkes in den Hintergrund, sodass es im 20. Jahrhundert in zwei Salzburger Heimatromanen als Porträt der Emilie Victoria Kraus, einer Geliebten Napoleons, gedeutet wurde. Gerade durch diese Fehlinterpretation erlangte das Gemälde große Popularität, die bis nach Paraguay ausstrahlte. Erstmals wird das Bild nun nach der im Jahr 2024 erfolgten Freilegung des Amors unter dem Originaltitel der Öffentlichkeit präsentiert.
Die Ausstellung legt die Bedeutungsschichten zweier Gemälde frei, die durch Übermalungen im Verborgenen lagen. Dabei wird deutlich, dass der Sinngehalt von Werken äußerst wandelbar ist, sobald sie das Atelier verlassen. So wurde aus einem Familienporträt, das die Zuneigung einer Mutter zu ihren Kindern verdeutlichte, ein Memorial und aus einer idealen Venus das Bildnis einer Salzburger Lokalberühmtheit.
Johann Baptist Lampi d. Ä. (1751 Romeno – 1830 Wien)
Johann Baptist Lampi d. Ä. wurde 1751 als jüngstes Kind des Malers Matthias Lampi und Chiara Margherita, geb. Lorenzoni, in Romeno geboren. Seinen ersten Unterricht erhielt Lampi bei seinem Vater. 1768 setzte er seine Ausbildung bei seinem Onkel Pietro Lorenzoni in Salzburg sowie in Brixen fort. 1772 heiratete er Anna Maria Franchi und zog nach Verona. Von den sieben Kindern des Paares werden Johann Baptist Lampi d. J. und Franz Xaver Lampi (1782 Klagenfurt – 1852 Warschau) ebenfalls Maler.
1773 wurde Lampi zum Ehrenmitglied der Akademie in Verona ernannt. Er ist unter anderem in Trient ansässig. 1779 geht er nach Innsbruck und von dort aus weiter nach Klagenfurt. Fortan ist er sowohl für das gehobene Bürgertum als auch für den Adel und das Kaiserhaus als Porträtist tätig. Gelegentlich malt er auch Historienbilder. 1783 zieht er nach Wien. Bereits zwei Jahre später wurde er zum Mitglied der Wiener Akademie der bildenden Künste ernannt. Ab 1786 wirkt er als Professor für Historienmalerei ebenda.
Von September 1788 bis März 1789 hält er sich in Warschau auf, wo er unter anderem den polnischen König Stanisław II. August Poniatowski porträtiert. 1791 reist der Künstler nach Jassy/Iași (heute in Rumänien). Von dort gelangt er am 20. Januar 1792 nach St. Petersburg. Hier entstehen zahlreiche Porträts der Mitglieder des russischen Hofes sowie Bildnisse der Zarin Katharina II.
Am 11. Februar 1795 starb seine in Wien gebliebene Ehefrau an einer Lungenkrankheit. 1797 kehrte Lampi nach Wien zurück und wurde im darauffolgenden Jahr in den erblichen Ritterstand erhoben. 1807 heiratet er Julia Rigin. 1819 stiftet Lampi einen Preis für Aktzeichnen an der Wiener Akademie und wird 1822 bei vollem Gehalt pensioniert. In seinen letzten Jahren nimmt der Künstler mehrere Kuraufenthalte in Baden bei Wien in Anspruch. 1830 starb Lampi im Alter von 78 Jahren nach mehreren Schlaganfällen in der damaligen Vorstadt Leopoldstadt (heute der 2. Wiener Gemeindebezirk).
Johann Baptist Lampi d. J. (1775 in Trient – 1837 in Wien)
Von 1786 bis 1794 studierte er an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Hubert Maurer und Heinrich Friedrich Füger. Er wird außerdem von seinem Vater ausgebildet. 1796 reist der Künstler zu diesem nach St. Petersburg. Dort heiratet er im selben Jahr Anna Drawin (Travin). Im Jahr 1797 wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft der Petersburger Akademie verliehen. Wie sein Vater war er als Porträtist der russischen Aristokratie tätig. 1804 kehrt er nach Wien zurück, wo er ebenfalls als Maler von Bildnissen gefragt ist. Zugleich arbeitete er im Atelier seines Vaters. 1813 wurde er zum Mitglied der Akademie der bildenden Künste ernannt und nahm regelmäßig an deren Ausstellungen teil. Er porträtierte Kaiser Franz I. viermal, unter anderem auf dem um 1820 entstandenen Bildnis des Monarchen im Toisonornat, das sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet. 1825 vollendete Lampi d. J. das Altargemälde „Maria Himmelfahrt” in der Pfarrkirche von Romeno nach einer Skizze seines Vaters, da dieser das Werk aufgrund seines labilen Gesundheitszustandes nicht mehr selbst ausführen konnte. Im selben Jahr malte Lampi d. J. eine lebensgroße Fortuna, die als Kupferstich in einem Almanach reproduziert wurde. Das Gemälde erwarb Fürst Johann I. von Liechtenstein. 1828 präsentiert Lampi seine Ruhende Venus mit Amor vor dem Spiegel in der Jahresausstellung der Akademie der bildenden Künste. Das Werk wird für die kaiserliche Gemäldegalerie angekauft. 1837 starb der Künstler im Alter von 61 Jahren in Wien an den Folgen einer Tuberkuloseerkrankung.
Im Blick: Johann Baptist Lampi der Ältere und der Jüngere
Übermalt und freigelegt
Kuratiert von Katharina Lovecky.
bis 11. Oktober 2026